c db19 woelkDer Deutscher Buchpreis 2019, Teil 5

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Der Roman, den wir lieber eine Novelle, eine eindrucksvolle Novelle nennen möchten, beginnt: "Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben." Einen stärkeren, einen aufrüttelnderen Anfang von dann 189 Seiten kann man sich kaum vorstellen. Auf jeden Fall ist das Interesse der Leserin sofort geweckt, was nach solchem Anfang wohl kommen mag. Zusammengefaßt: nachgetragene Liebe, zu der der erzählende Sohn, Tobias Ahrens, Tobi genannt, auch allen Grund hat.

Vor uns entfaltet sich durch den Icherzähler Tobias nicht nur eine typische Kindheit im westdeutschen rheinländischen Milieu, sondern mit der Darstellung einer gutbürgerlichen Familie auch ein beklemmendes Panoptikum einer Ehe, die nach außen blendend funktioniert, aber nach innen keine Basis hat. Warum diese Ehe auch bei zuvorkommenderem Verhalten seitens des Ehemanns wohl niemals eine Basis gehabt hätte, das erfährt man – potzblitz und überrascht – erst auf Seite 158 – und diese Überraschung wollen wir keinem Leser vorwegnehmen.

Seit 1964 wohnt die dreiköpfige Familie Ahrens in diesem neugebauten Einfamilienhaus, das der Vater, Walter Ahrens, Ingenieur, mitkonzipiert hat; für ihn ist selbstverständlich, daß seine Frau Eva ins Haus gehört, die Generation von Männern, die stolz darauf sind, daß sie genug Geld verdienen, so daß ihre Frauen nicht arbeiten müssen, weil sie überhaupt keine Idee davon haben, daß auch eine Frau sich beruflich verwirklichen könnte und das gerne machen würde, während für diese Männer ihre eigene Arbeit immer die überwiegende Hälfte ihres Lebens ausmacht, das emotional durch die Familie unterfüttert werden soll.

Einerseits wird dies alles gelassen erzählt, was sich durch den Einzug der Familie Leinhard – Uschi und Wolf mit der dreizehnjährigen Tochter Rosa – ins Nachbarhaus aus den Dreißigerjahren im Leben der Ahrens verändert, aber man spürt unterschwellig eine Konsequenz, also eine Dringlichkeit als Erklärung für die vielen Worte und Ereignisse, eine Entladung, die natürlich auch den Selbstmord der Mutter klären könnte. Von daher ist dies ein Buch, das man angesichts seiner Sogwirkung gerne einfach weiterliest, auch weil es schmal in der Hand liegt. Vom Gehalt her ist es allerdings zwischendurch bleischwer.

Wenn man zudem nach dem Lesen noch einmal Revue passieren läßt, was wir alles erfahren und mit den Protagonisten miterlebt haben, dann ist das pralles Leben, das doch nur ein Jahr beschreibt, aber sehr gekonnt das Lebensgefühl, das differierende, der ganzen Zeit der Endsechziger und Siebziger wiedergibt, mitsamt der Kleider, der Gerüche, der Gerichte, der Musik.

Denn das betulich-bürgerliche Leben der Ahrens wird im Sommer 1969 irritierend durch den Einzug der Nachbarn beeinflußt: Mutter Eva lernt mit Uschi eine lebenslustige und selbstbewußte Frau kennen, die sich traut, durch Übersetzungen von Krimis aus dem Englischen ihren eigenen beruflichen Weg zu gehen, woraufhin auch Eva selbstbewußter ihre guten Englischkenntnisse zum Übersetzen nutzt. Während die 1-2 Jahre ältere Rosa den doch gerade erst in die Pubertät kommenden elfjährigen Tobi in alle möglichen Formen des Pettings einlernt, aber dem vor allem an Technik interessierten Jungen auch ein Gefühlsleben beschert, machen sich die beiden Jugendlichen Gedanken, die natürlich auch den Leser befallen, wie das wohl ausgeht, was als Überkreuzliebschaft der beiden Paare sich andeutet. Sie verstehen sich einfach prächtig: Walter und Uschi sowie Eva und Wolf.

Warum das überraschend ist, hat mit dem konservativ geschilderten Familienentwurf des Walter Ahrens zu tun, während das Ehepaar Leinhard eine Mischung aus Hippie und politischer Avantgarde darstellt, dem Partnertausch schon eher zuzutrauen wäre. Uschi ist bunt und schwärmt immer noch von den zwei Jahren Griechenland a la Mikis Theodorakis (das Wort Sirtaki fällt nicht und der Filmtitel Alexis Sorbas auch nicht, liegt aber in der Luft), Wolf ist als Philosophieprofessor der Frankfurter Schule, also Adorno (Horkheimer fehlt) verpflichtet, bezeichnet sich aber über diesen hinaus als Kommunisten, das alles auf wissenschaftlicher Erkenntnis als folgerichtige Entwicklung der Welt. Im Nachhinein bleibt die Figur des Wolf, dessen Äußeres sinnlich idealtypisch gezeichnet ist, dann doch blaß.

Flankiert werden die beiden Familien durch den Bruder von Eva, Tobis Onkel, der auch den großen Farbfernseher ins Spiel bringt, auf dem das Jahr 1969 über die verschiedenen Mondexpeditionen der USA über die Mattscheibe flimmern, wozu beide Familien eingeladen werden. Ja, genauso waren die Fernseheinladungen, mit den Schnittchen, dem Alkohol und dem ganzen Getue. Das ist sehr präzise beschrieben, so daß man sich zunehmend fragt, wer Ulrich Woelk, geboren 1960, dies alles weitererzählt hat, daß er das alte Westdeutschland so stimmig wiedergeben kann, einschließlich der süffelnden Tante Mechthild. Von Alkoholismus sprach man erst später.

Bleibt die nachgetragene Liebe. Als das Ereignis, das auf Seite 158 seinen Anfang nimmt und durch den Sohn Tobi erst publik wird, zum Auszug des Vaters führt, mit dem sich der naturwissenschaftlich orientierte Sohn, der dann wirklich Astrophysik studiert und zur ESA, der Europäischen Raumfahrtagentur nach Darmstadt geht, identifiziert, setzt der immer noch elfjährige Tobi noch eins drauf. Denn er möchte nicht mit der verlassenen Mutter leben, sondern beim ausgezogenen Vater. Eigenartigerweise war dies für mich der niederdrückendste Moment im ganze Buch. Und der Selbstmord der Mutter eine gefühlte Konsequenz. Eine schwere Bürde für das junge Leben des Sohns, auch wenn er sich selber bescheinigt, moralisch nicht schuldig zu sein.

Und es fehlt immer noch etwas. Denn DER SOMMER MEINER MUTTER hält ganz am Schluß noch eine Überraschung bereit. Der Icherzähler Tobias bekommt eine Lesung von Rosa Leinhard, die eine Schriftstellerin geworden war, auf der Frankfurter Buchmesse mit. Er fährt hin, läßt sie eine Widmung ins Buch schreiben und merkt, daß sie ihn nicht wiedererkennt. Er aber schickt ihr anschließend das Manuskript zu, das wir als Buch gerade gelesen hatten.

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Cover

Info:

Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter

C.H. Beck Verlag, München 2019
ISBN 9783406734496
Gebunden, 189 Seiten, 19,95 EUR