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Serie: Holubs Welt, Teil 3/3


Conrad Taler


Bremen (Weltexpresso) - In dem Buch "Schmuggler im Glück", dem dritten Band der Romantrilogie, kehrt Holubs Held Josef Böhm als entlassener Kriegsgefangener in seine Heimatstadt Neuern zurück. Dort haben sich die Verhältnisse nach der Kapitulation Deutschlands von Grund auf verändert. Die Sudetendeutschen müssen für Hitlers Verbrechen büßen und werden aus ihrer Heimat vertrieben. Viele sterben. Ein "heißes Pflaster" für alle, die in Uniform für Hitler gekämpft haben. Wer den Schritt über die Grenze wagt, setzt sein Leben aufs Spiel.


Bestenfalls landet er in einem tschechischen Gefangenenlager. Wenn er das Glück hat, unversehrt entlassen zu werden, muss er sich um Arbeit bemühen. Ohne Arbeitsnachweis bekommt er keine Lebensmittelmarken. Und er muss sich bei der örtlichen Behörde anmelden, denn nur wer polizeilich gemeldet ist, bekommt logischerweise einen Ausweis.

So war das damals, wirklich und wahrhaftig, so war es. Gleichwohl tischt Holub seinen jungen Lesern eine Schmonzette auf, die mit der bitteren Wahrheit nichts zu tun hat. Weil sein Held keinen Ausweis besitzt, versteckt er sich bei den Eltern und lässt sich ein Jahr lang durchfüttern; dabei bekam damals jeder gerade nur so viele Nahrungsmittel zugeteilt, dass er nicht verhungerte. Wer keinen Ausweis hat, besorgt sich normalerweise einen. Aber Josef meldet sich nicht bei der örtlichen Behörde, angeblich weil er keinen Ausweis besitzt. Und weil Josef sich nicht meldet, bekommt er natürlich auch nicht die behördlich abgestempelte weiße Armbinde, die ihn als Deutschen kenntlich machen soll, aber das macht nichts, er bastelt sich eben selbst eine. Auch einen Ausweis macht er sich selbst. Trotz alledem flaniert er jeden Abend durch die Stadt und hält Ausschau nach Mädchen. "Meine falsche Armbinde fällt nicht auf. Sie ist zu gut gemacht."

Und er verdient sich eine goldene Nase als Schmuggler. Ein weitläufiger tschechischer Verwandter namens Frantischek hat sich – folgt man der Schil-derung des Autors – ausgerechnet den polizeilich nicht gemeldeten ehemaligen Wehrmachtssoldaten Josef als Partner für seine Schmuggelgänge ausgesucht. "Natürlich mache ich mit. Siebenhundertfünfzig Kronen gibt mir der Frantischek für jeden Gang", lässt der Dampfplauderer Holub seinen Helden erzählen. 750 Kronen! Dafür mussten andere damals zwei Wochen Schwerstarbeit verrichten, verängstigt und geplagt von der Sorge um die Zukunft, immer nur hoffend, die schwere Zeit überhaupt lebend zu überstehen. Nichts hatten sie weniger im Sinn denn als "Schmuggler im Glück" den "Böhmacken" auf der Nase herumzutanzen.

Das Elend der Deutschen lässt Holub keineswegs links liegen, Gott bewahre! Um deren Lage zu verdeutlichen stellt er das Verhalten der Tschechen gegenüber den Deutschen auf eine Stufe mit den Untaten der Nazis. Das liest sich so: "Du sollst nicht stehlen. Falsch! Wer hält sich heute noch an solche Gebote? Der Hitler hat die Länder und Menschen eines ganzen Erdteils zusammengestohlen. Millionen hat er sogar das Leben gestohlen. Das hat die Welt durcheinander gebracht. Und nun stehlen die anderen weiter."

Dass die Deutschen damals nicht mit dem Zug fahren durften kommentiert Holub mit den Worten: "Wie früher die Juden. Hitler ließ sie auch nicht mit der Eisenbahn fahren. Außer nach Auschwitz." Was will Holub mit dieser obszönen Anmerkung sagen? Dass die Tschechen grausamer waren als Hitler, der die Juden immerhin nach Auschwitz fahren ließ, als sei Auschwitz schon immer das Ziel ihrer Sehnsucht gewesen und nicht der Ort eines beispiellosen Verbrechens?

Auch an anderer Stelle verrechnet Holub das Nachkriegsgeschehen mit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten und umgekehrt. Die Deutschen, so schreibt er, hätten nur so viel Geld für ihre Arbeit bekommen, "dass sie gerade die Lebensmittel kaufen können, die sie vor dem Verhungern bewahren. Man nimmt da immer Maß am Hitler, wie der mit den Juden umgegangen ist." Immerhin räumt er ein: "Die Deutschen werden nicht alle umgebracht, nur weil sie Deutsche sind, so wie die Juden umgebracht worden, nur weil sie Juden waren."

Josef Holub ist Träger des Sudetendeutschen Kulturpreises für Literatur 2003.

Nach Kriegsende hat Bundespräsident Theodor Heuss den unbelehrbaren Aufrechnern klar zu machen versucht, dass Gewalttätigkeit und Unrecht sich nicht für eine "wechselseitige Kompensation" eignen. Dies sei "das Verfahren der moralischen Anspruchslosen", eine "verderbliche und banale Angelegenheit".3 Gut 50 Jahre später schmuggelt einer dieser moralisch Anspruchslosen just diese verderbliche Angelegenheit als Bubenabenteuer getarnt unters Volk, als sei nichts gewesen.           

 
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Info:                                                       *

3 Die Rede von Theodor Heuss ist nachzulesen in dem 1979 bei Carl Hanser in München erschienenen Buch "Reden deutscher Bundespräsidenten".

Aus: »Blätter« 6/2004, S. 752-758