Ratskeller am RomerGerüchte aus dem Frankfurter Ratskeller. Eine Realsatire

John Haan

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – „Wir waren erfolgreich für all jene Bürger, die uns nicht gewählt haben. Und die uns nie wählen werden.“

Rudi Ratlos, der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, redete sich in Rage. Was für ihn eine perfekt einstudierte Gemütslage war. Als politischer Haudegen mit hanseatischem Migrationshintergrund – einst hatte er im Hamburger Hafen eine Barkasse für Touristen gesteuert – pflegte er einen pointiert rauhen Umgangston. Und niemand von seinen Genossinnen und Genossen wagte es, ihm dabei ins Wort zu fallen. Folglich konnte er seine Schmährede an die Parteifreunde ungestört fortsetzen.

„Wir haben es widerstandslos hingenommen, dass neben und in den Bürotürmen Luxuswohnungen gebaut wurden und werden, die sich selbst ein Besserverdienender nicht mehr leisten kann. Ganz zu schweigen von Normalverdienern. Wir haben Investoren angelockt, die sich Geldwäschern andienen. Viele Neubauten und luxussanierte Altbauten stinken nach Rauschgift, Gewalt, Prostitution und Sklavenarbeit. Du, Genosse Miro Jazeck, hast vor der Realität die Augen verschlossen. Hast Dich blenden lassen von Ganoven. Du willst den normalen Frankfurter, unseren typischen Wähler, dessen Interessen wir vertreten sollten, in ein Ghetto an der A5 verfrachten. Durch Dich hat sich die SPD die Mietervereine zu Feinden gemacht. Deine Stadtplanung, insbesondere der Bau von bezahlbaren Wohnungen, ist total misslungen, sie ist zu einer Katastrophe geworden. Ich fordere Dich auf, noch vor der Wahl Dein Amt als Planungsdezernent niederzulegen und eine Wahl in die Stadtverordnetenversammlung nicht anzunehmen. Verlasse Frankfurt, ziehe nach Wien. Dort könntest Du lernen, wie seriöser Wohnungsbau für alle Schichten funktioniert. Schau Dir den Karl-Marx-Hof und andere Wiener Gemeindebauten an. Und wenn Du dieses System kapiert hast, dann darfst Du wieder zurückkommen. Aber keinen Tag früher.“

Miro Jazeck saß auf seinem Stuhl, wurde leichenblass, seine Hände zitterten leicht. Er war zu keiner Antwort in der Lage.

Rudi Ratlos machte eine Pause, griff zum Glas mit dem frisch gezapften Römer-Pils und leerte es halb. Die Nervosität, die sich unter den sozialdemokratischen Dezernenten und Stadtverordneten im Ratskeller breitmachte, war ihm nicht entgangen. Aber durch die indirekten Unmutsäußerungen ließ er sich nicht beeindrucken. Demonstrativ hob er sein Pils.

„Nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Das steht nicht nur außen drauf, das ist auch innen drin. Ganz im Gegensatz zur Sozialdemokratie in dieser Stadt. Die betreibt Etikettenschwindel.“ Nach dieser weiteren Provokation wandte er sich dem Verkehrsdezernenten Karl Ostermeier zu:

„Karl, es hat geschneit in der letzten Nacht. Jetzt kann man Deine rot gestrichenen Radfahrwege nicht mehr erkennen. Du hättest sie mit Leitgittern von Fahrbahn und Gehsteig trennen und sie breiter machen sollen. Die Farbkleckserei war von Anfang an als Alibiaktion ohne praktischen Wert durchschaubar. Zur Sicherheit der Radfahrer hat sie nicht beigetragen. Im Gegenteil. An unübersichtlichen Straßenkreuzungen sterben Menschen, die mit Lastwagen kollidieren. Diese Toten gehen auf Deine Kappe.“

Abrupt stand Karl Ostermeier auf, zeigte Rudi den Stinkefinger und verließ den Saal.

„Feigheit vor der Realität, das ist Deine wahre Stärke!“, rief ihm der Fraktionsvorsitzende nach, zeigte sich aber ansonsten von Ostermeiers Rückzug unbeeindruckt und setzte seine Philippika fort.

„Fast täglich stolpere ich über E-Roller, die rücksichtslos auf Gehwegen, sogar vor Zebrastreifen, abgestellt werden. Regelmäßig rufen mich Bürger an, die sich über diese Vehikel beschweren, die ihre Hauseingänge und Zufahrten blockieren. Dieses Zeugs braucht kein Mensch, das ist nur Spielzeug des Lumpenproletariats. Die Firmen haben es bis heute nicht geschafft, Sammelplätze einzurichten, welche den Verkehr nicht stören und Fußgänger nicht behindern. Und ich befürchte, sie werden das auch weiterhin unterlassen. Denn es wurde ihnen erlaubt, öffentlichen Raum kostenlos für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Karl, selbst wenn Du mich jetzt nicht hörst, auch dieses Elend hast Du zu verantworten. Und ich setzte sogar noch einen drauf. Deinen geliebten Radfahrern erlaubst Du die Benutzung von Einbahnstraßen in der Gegenrichtung. Häufig sind das Wohnstraßen, die auf beiden Seiten zugeparkt sind. Wenn sich dort zwei Radfahrer und ein PKW auf selber Höhe begegnen, droht ein schwerer Unfall. Die Bürger Frankfurts sehen uns solche Fehler nicht länger nach. Karl, geh‘ in Rente und denke dann über Deine Sünden nach!“

Rudi Ratlos gönnte sich den Rest seines Bieres. Währenddessen brannte Lärm auf. Einige Stadtverordnete klopften auf die Tische, einer verschaffte sich Gehör.

„Rudi, wir stehen hier nicht vor Gericht. Und Du kannst sowieso nicht Gericht über uns halten. Ja, die Genossen haben Fehler gemacht. Es ist auch richtig, dass darüber intern diskutiert wird. Aber trotzdem müssen wir zusammenhalten. Wir müssen an das Wohl der Partei denken. Schließlich steht die Wahl vor der Tür.“

Doch Rudi Ratlos schmetterte die Gegenrede ab.

„Genossinnen und Genossen, ihr verwechselt euer persönliches Wohl, man kann auch sagen, eure Privilegien, mit dem Wohl der Partei. In vier Wochen wird der Wähler, Frauen und Männer, gesprochen haben. Und wir müssen uns auf eine Niederlage einrichten, möglicherweise sogar auf ein Desaster. Deswegen ist Klarheit angesagt. Es bedarf eines Frankfurter Frühlings, zumindest für die SPD. Alles andere wäre die Fortsetzung einer bereits zu lange währenden Verlogenheit. Und darum will ich mir heute Abend nicht nur Miro und Karl vorknöpfen, sondern auch Anna und Silke. Aber ich halte nicht Gericht. Es ist an der Zeit für die Stunde der Wahrheit, und wenn nicht heute, wann dann?“

Ratlos ließ sich das soeben servierte neue Pils schmecken und wandte sich der Kulturdezernentin zu.

„Anna, Du bist ein liebes Mädchen, aber Du bist auch heillos naiv. Bei der Lösung der Theaterfrage hast Du Dich von diesem schwarzen Schmierlappen Jens Näher vorführen lassen. Schauspiel und Oper sind während der letzten 30 Jahre nicht im notwendigen Maß gewartet worden. Auch nicht, als wir die Mehrheitspartei waren. Dennoch ist die Doppelanlage trotzdem keine Ruine. Die Gutachten, die das behaupten, wurden von interessierter Seite lanciert. Also von den Spekulanten, die durch CDU, Grüne und FDP im Stadtparlament vertreten sind. Da Du das verstehende Lesen beherrschst und auch was vom kunstvollen Schreiben verstehst, hätte ich von Dir erwartet, dass Du den Bericht über den Zustand des Gebäudes mit den Sanierungsvorschlägen und den Neubauplanungen detailliert geprüft hättest. Dass Du sämtliche technischen Projektplanungen mit der Verdingungsordnung für Bauleistungen abgeglichen hättest. Ja, dass Du diese Stabsstelle in die Pflicht genommen hättest. Denn dann wärest Du zu dem Ergebnis gekommen, dass zwar eine umfassende Sanierung notwendig, aber ein Neubau keineswegs erforderlich ist. Und dass die Sanierung maximal 65 Prozent dessen kosten würde, was für Abriss und Neuerrichtung auszugeben wäre. Ganz abgesehen von den Begehrlichkeiten der von mir erwähnten Kreise an einer anderen Nutzung des jetzigen Standorts. Stattdessen bist Du diesem eitlen Fatzken auf den Leim gegangen.“

Er machte eine Kunstpause.

„Liebe Anna, ich gehöre nicht zu den regelmäßigen Theaterbesuchern. Und den größten Teil der hier anwesenden Genossinnen und Genossen habe ich dort noch nie gesehen. Dennoch müssen wir uns für den Erhalt, sprich die Sanierung, einsetzen. Andernfalls verlieren wir endgültig die Glaubwürdigkeit bei der kritischen Intelligenz. Die droht ins Lager der Grünen abzuwandern und bis sie merkt, dass sie vom Regen in die Traufe geraten ist, wird es zu spät sein. Zu spät für uns. Die SPD muss um ihrer eigenen Zukunft willen wieder zur Avantgarde der Kultur werden. Der Schriftsteller Günter Grass, der Dir, Anna, sicherlich bestens vertraut ist, den meisten anderen der hier Anwesenden eher nicht, sagte mal: »Ich rat euch, SPD zu wählen«. Selbst falls er noch lebte, käme ihm das heutzutage schwer über die Lippen. Im Augenblick laufen wir Gefahr, nur noch die Spitze der Abgehängten zu sein, der Facebook-Idioten, der RTL-Glotzer. Darum appelliere ich an Dich: Berufe einen kleinen Kreis von Fachleuten ein und erarbeite noch vor der Wahl eine Denkschrift, die sich für die Sanierung der Theaterdoppelanlage ausspricht. Und tritt mit dem Papier diesem schmierigen Näher öffentlich in den Hintern.“

Anna Hermann, die Kulturdezernentin, nickte wie eine Befehlsempfängerin. Es war davon auszugehen, dass sie bereits am nächsten Tag damit beginnen würde, den Auftrag umzusetzen. Rudi Ratlos hingegen labte sich an seinem Pils, blickte kämpferisch in die Runde und redete weiter.

„Nun zu Dir, Silke“, sprach er die Bildungsdezernentin Silke Wagner an. „Du hast vieles richtig gemacht. Du hast den Zustand der Schulen nicht schöngeredet, sondern Du hast gehandelt, hast notwendige Sanierungen angeleiert. Es ist nicht Deine Schuld, dass Du von Deinen grünen Vorgängerinnen einen Scheißhaufen geerbt hast. Den meisten von uns ist klar, dass viele Gebäude eigentlich reif sind für den Abbruchhammer. Aber für die Umsetzung von radikalen Maßnahmen fehlt das Geld. Jens Näher versucht, auch auf Deinen Gefilden zu grasen. Verjage ihn, mach‘ ihn fertig. Und vergiss nicht die strukturellen Änderungen anzugehen, die bei der Stadtbücherei notwendig sind. Vielen Fachangestellten, selbst den Bibliothekaren, fehlt es an der Kompetenz, die Kundschaft beraten zu können. Öffentliche Bibliotheken sind nicht nur Selbstbedienungsläden, sehr viele Nutzer möchten auch an die Hand genommen werden. Für uns ist das eine weitere Möglichkeit, im Bildungsbereich Profil zu gewinnen.“

Das waren fast versöhnliche Worte, die man dem Rabauken Ratlos kaum zugetraut hätte. Der blickte auf die Uhr, orderte noch ein Pils, ging zu Oberbürgermeister Paul Feldkirch, platzierte sich hinter diesem und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Dann blickte er in die Runde und begann den letzten Teil seiner Gardinenpredigt.

„Paul, Deine Wahl steht nicht an, aber falls die Partei wie zu erwarten verliert, würdest Du ein einsamer und häufig einflussloser Kämpfer sein. Ich möchte Dir nahelegen, unsere Partei zu verlassen und zu den Grünen zu wechseln. Die würden zwar zunächst entsetzt sein, aber es wäre ihre einzige Möglichkeit, sich aus dem Würgegriff der militanten Pseudo-Feministinnen zu befreien. Und sie würden den Frankfurter Oberbürgermeister stellen, was für die Bundestagswahl wichtig wäre. Du könntest dafür sorgen, dass Anna und Silke ihre Ämter nicht verlieren, ganz unabhängig davon, wer mit wem koaliert. Denn die Grünen werden auf jeden Fall beteiligt sein. Mir ist es egal, ob sie künftig den Fahrraddezernenten stellen. Hingegen könntest Du zusätzlich das Amt des Planungsdezernenten in Personalunion wahrnehmen. Du erhieltest die Chance, an einer wirklichen Aufgabe wachsen zu können. Vielleicht kehrst Du eines Tages zurück zu uns, zur SPD. Doch es ist zu früh, darüber zu spekulieren.“

Rudi Ratlos klatschte Paul Feldkirch zweimal freundschaftlich auf die Schultern. Damit war die außerordentliche Fraktionssitzung beendet.

Foto:
Ratskeller am Frankfurter Römer
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