f gehimn3Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 4. Juli 2019, Teil 5

Redaktion

London (Weltexpresso) - Es bestand kein Zweifel daran, dass es der Fähigkeiten und des Inputs höchst talentierter Schauspieler*innen bedürfen würde, eine derart komplexe und vielschichtige, über drei Zeitebenen verteilte Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Wen er für die Rolle der Joan in der Gegenwart gewinnen wollte, wusste Trevor Nunn deswegen sofort. Seine langjährige Freundin und Wegbegleiterin Judi Dench, die mit ihm schon an zahlreichen Theaterproduktionen zusammengearbeitet hatte, vertraute dem legendären Regisseur so uneingeschränkt, dass sie ihm eine Zusage für das Projekt gab, bevor sie überhaupt nur das Drehbuch in Händen hielt.

„Dass Judi diese Rolle spielt, stand von Beginn an ganz oben auf unserer Wunschliste, denn sie war für das Gelingen des Films genauso wichtig wie die fantastische Geschichte und das wunderbare Drehbuch“, berichtet Produzent David Parfitt. „Das erste Mal von vier oder fünf Malen habe ich mit ihr in den achtziger Jahren zusammengearbeitet. Nun ging es also quasi darum, das alte Team wieder zusammenzutrommeln.“

Nunn und Dench kennen sich sogar noch deutlich länger, wie der Regisseur erzählt: „Wir trafen uns 1967 zum ersten Mal, zwei Jahre später arbeiteten wir erstmals gemeinsam. Und danach immer wieder bei unzähligen Projekten. Dass ich sie nun auch für diesen Film wiedergewinnen konnte, ist wirklich ein wahr gewordener Traum. Mit ihr zu zusammenzuarbeiten ist nervenaufreibend, Furcht einflößend, weltverändernd – und vor allem ein riesiger Spaß. Sie bringt mich in einer Tour zum Lachen. Mich mit ihr auszutauschen über diese Geschichte war wunderbar. Und wenn sie dann vor der Kamera steht, öffnet sich – ohne dass man es erklären könnte – nochmal eine ganz neue Dimension.“

Für Dench selbst war Nunns Mitwirken Qualitätsmerkmal genug, um frühzeitig Interesse an GEHEIMNIS EINES LEBENS zu bekunden. „Seltsamerweise kannte ich die Geschichte nicht, deswegen wusste ich nichts über diese Frau. Es war lediglich Trevor Nunn, der mein Interesse weckte“, gibt die Oscar®-Gewinnerin zu Protokoll. „Wir beide haben eine lange gemeinsame Geschichte, die zurückreicht bis nach Stratford, zu ‚Macbeth’, ‚Die Komödie der Irrungen“ und ‚Ein Wintermärchen’. Wir haben immer wieder miteinander gearbeitet, allerdings nie bei einem Film. Als er mich fragte, war ich deswegen auf Anhieb begeistert, noch lange bevor ich auch nur eine Zeile gelesen hatte.“

Als Dench das Drehbuch schließlich in den Händen hielt, war sie schnell fasziniert von dieser harmlos wirkenden Frau und ihrem außergewöhnlichen, lebenslangen Geheimnis: „Sie ist auf den ersten Blick wirklich eine ganz gewöhnliche Frau, die in einem völlig unscheinbaren Häuschen lebt. Bis eben bekannt wird, dass diese ältere Dame einst zu den Cambridge-Spionen gehörte. Es ist spannend, wie gut sie darin gewesen ist, die ganze Sache für sich zu behalten. Sie glaubte fest an das, was sie tat, wusste um ihre Gründe und hat alles nur mit sich ausgemacht.“

„Im Film sagt Joan, dass es die Erfahrung von Hiroshima war, die sie zu der Überzeugung brachte, so zu handeln, wie sie es schließlich tat“, fährt Dench fort. „Ich selbst erinnere mich gut an diese Zeit, an diesen entsetzlichen Schock. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass man da auf den Gedanken kommen konnte, etwas zu tun um ein Gleichgewicht herzustellen, wie sie es sagte.“

Verteidigt wird Joan im Film letztlich von ihrem Sohn Nick, einem Rechtsanwalt, der nichts vom geheimen Leben seiner Mutter wusste. „Sich mit seiner Situation zu identifizieren, fällt natürlich besonders leicht. So etwas kaum Vorstellbares über die eigene Familie herauszufinden, nach Jahrzehnten, das haut einen zwangsläufig um“, meint Dench.

Gespielt wird Nick von Ben Miles, den die Komplexität der Geschichte auf Anhieb reizte. „Ich spiele Joans adoptierten Sohn, der im Verlauf des Films Stück für Stück die Vergangenheit seiner Mutter entdeckt. Letztlich ist meine Figur also eine Art Platzhalter des Publikums“, sagt der Schauspieler über seine Rolle. „Im Verlauf der Geschichte kann man gute Argumente dafür finden, dass es sich bei Joans Taten um Hochverrat handelt. Aber genauso gut lässt sich argumentieren, dass sie ausgesprochen mutig und vorausblickend agiert hat. In jedem Fall handelt es sich um eine fantastische Spionage-Geschichte, die auch eine wundervolle Liebesgeschichte umfasst und einen wirklich nachdenken lässt über die moralischen Fragen, die die Nukleartechnologie aufwirft.“

„Für Nick allerdings ist dies natürlich auch die Geschichte eines großen persönlichen Verrats, schließlich hört er zum ersten Mal davon, was seine Mutter einst getan hat“, fährt Miles fort. „Aus heiterem Himmel platzt mitten in seinem Leben, quasi auf dem Höhepunkt seines beruflichen wie privaten Weges, diese Bombe, die zur Folge hat, dass er alles, was ihm in seinem Leben erzählt wurde, hinterfragen muss. Er muss gleichzeitig damit klarkommen, dass er über Jahrzehnte angelogen wurde – und einen Weg finden, seiner Mutter so gut es geht in dieser Situation zu helfen.“

Um Joans Taten und vor allem ihre Motivation wirklich nachvollziehen zu können, müssen wir das Leben aus ihrem Blickwinkel sehen, weswegen der Besetzung der jungen Joan eine ganz besonders entscheidende Bedeutung zukam. Fündig wurde man in Sophie Cookson, die nun jene junge Frau verkörpert, deren Erfahrungen einen Großteil des Films ausmachen.

„Natürlich stellen die Szenen mit Judi Dench den Rahmen des Films dar, und auch zwischendurch ist ihre Befragung immer wieder zu sehen. Doch im Zentrum von GEHEIMNIS EINES LEBENS steht die junge Joan, der wir durch die Geschichte folgen“, erklärt Produzent Parfitt. „Sie reift von der naiven Studentin zur klugen, lebenserfahrenen Frau heran, und natürlich gehören zu dieser Entwicklung auch ein paar einschneidende Liebesbeziehungen. Diese Joan ist am Ende des Films nicht mehr die gleiche wie die, die wir eingangs kennenlernen, und diese schwierige Aufgabe meistert Sophie Cookson ganz eindrücklich.“

Laut Trevor Nunn war es die Casting-Agentin Priscilla John, die Cookson als erste vorschlug. „Als ich Sophie das erste Mal traf, fiel mir gleich auf, dass sie nicht nur kaum größer war als Judi Dench, sondern auch einen großartigen Sinn für Humor hatte“, lacht der Regisseur. „Sophie kann ohne mit der Wimper zu zucken umschalten, von lustig zu ernsthaft und emotional. Sie hat ein enorm ausdrucksstarkes Gesicht und arbeitet voller Hingabe. Ich schätze mich wirklich ausgesprochen glücklich, dass mir dieser exzellente Besetzungsvorschlag gemacht wurde.“

Cookson war nach der Lektüre des Drehbuchs ihrerseits begeistert von der Aussicht, die junge Joan zu spielen: „Das war das erste Skript seit langem, das ich atemlos und in einem Rutsch durchgelesen habe, weil ich so gefesselt war. Außerdem wusste ich, dass Judi Dench mit an Bord war, was natürlich schon allein Grund genug gewesen wäre, blind zuzusagen. Genau wie Trevor Nunn, der ja ebenfalls eine waschechte Legende ist.“

Die Schauspielerin reizte die Vorstellung, sich in die Motivationen einer so interessanten und vielschichtigen jungen Frau hineinzuversetzen, und dabei auch dem Publikum verstehen zu helfen, warum sie sich zu ihrem Handeln entschloss.

„Es wäre ein Leichtes gewesen, einfach nur zu denken, dass sie sich Hals über Kopf in Leo verliebt und deswegen dazu hinreißen lässt, Geheimnisse an die Russen zu verraten“, führt Cookson aus. „Doch so ist es eben nicht, schon weil sie absolut nicht an den Kommunismus glaubt. Vielmehr geht es ihr darum, die Welt zu einem sicheren Ort zu machen. Die Welt steht vor großen Veränderungen, und es erscheint ihr nach Hiroshima unerträglich, so nah dran zu sein an der Atomforschung und einfach weiterzumachen wie bisher. Sie sieht es als ihre einzige Option dazu beizutragen, dass alle Länder auf dem gleichen Stand sind und so Sicherheit durch ein Gleichgewicht hergestellt ist.“ Und sie fügt hinzu: „Von besonderer Bedeutung ist dabei natürlich, dass Frauen in der damaligen Zeit immer unterschätzt und nicht ernst genommen wurden. Sowohl im Film als auch im Buch wird es klipp und klar ausgesprochen: Man wird uns nie verdächtigen, weil wir Frauen sind.“

Leo ist der charmante, lässige und ein klein wenig gefährlich wirkende Fremde, der das Herz der jungen Joan im Sturm erobert und mit ihr eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Regisseur Nunn hielt für diese Rolle den Schauspieler Tom Hughes bestens geeignet, mit dem er schon lange einmal zusammenarbeiten wollte: „Tom kam mir für diesen Part gleich in den Sinn, und er war wirklich die perfekte Wahl. Es gibt eine wichtige Szene, in der er eine Rede vor 250 Menschen halten muss, und Tom drehte sie mit ungebrochener Hingabe und ohne ein Wort des Klagens ganze 14 Mal.“

Hughes selbst interessierte, dass es sich bei der Figur um einen hoch politisch denkenden jungen Mann und entschlossenen Kommunisten handelte: „Leo wurde in Russland geboren, lebte in Deutschland und kam schließlich nach Großbritannien. Mit dieser Geschichte konnte er gar nicht anders, als meinungsstark und vor allem sehr politisch zu werden. Als wir ihm in dieser Geschichte begegnen, ist sein politischer Idealismus längst die treibende Kraft in seinem Leben.“

„Er lässt sich von der Gesellschaft keine Grenzen setzen, was natürlich immer attraktiv ist. Er ist in jeder Hinsicht frei und unverfroren, außerdem umweht ihn die Undurchschaubarkeit des jugendlichen Überschwangs. Typen wie er sind meistens ziemlich unwiderstehlich und faszinierend, aber oft auch recht selbstzerstörerisch“, führt Hughes weiter aus. „Dank seiner politischen Überzeugung und der Unerschütterlichkeit, mit der er sie vertritt, hat er – intellektuell betrachtet – nicht viel übrig für das Individuum. Und letztlich lebt er eben auch nach diesen Maximen.“

Leo ist allerdings nicht die einzige Liebe in Joans Leben. Als sie ihre Stelle in der streng geheimen Forschungseinrichtung Tube Alloys beginnt, lernt sie Professor Max Davis kennen, der von Stephen Campbell Moore gespielt wird.

„Max sucht nach einer Assistentin, die das Wissen und die Fähigkeiten mitbringen muss, die es in diesem hoch komplexen und spezialisierten Arbeitsgebiet schon braucht, um überhaupt nur mitschreiben zu können. Er wünscht sich jemanden, der klug und leidenschaftlich ist“, sagt der Schauspieler über seine Rolle in dieser Geschichte. „Die beiden sind mit dem gleichen Eifer bei der Sache und harmonieren gut miteinander. Sie verstehen sich prächtig, und anfangs ist es nur die Arbeit, die sie verbindet.“ Doch dann beginnen die beiden ein Verhältnis miteinander, ohne dass Max ahnen kann, dass Joan sein Lebenswerk später mit Agenten des russischen Geheimdiensts teilen wird.

Eine Schlüsselfigur in Joans Leben stellt auch die schöne und exotische Sonya dar, die sie zu einem turbulenten Zeitpunkt ihres Unilebens kennen lernt. Gleich ihr erster Auftritt ist ein dramatischer. „Sie kommt im wahrsten Sinne des Wortes durchs Fenster in diese Geschichte“, lacht Tereza Srbova, die diese Figur mit reichlich Energie zum Leben erweckt. „Sonya ist ebenfalls Studentin, aber ein wenig älter als Joan. Sie wird schnell zu ihrer guten Freundin und Vertrauten.“

Sonya hat internationale Wurzeln und ist eigentlich eine Weltenbürgerin. Sie ist Jüdin, in Russland geboren und in Deutschland aufgewachsen. Sie verströmt Glamour und ist überaus spontan, was Joan sehr aufregend findet. Allerdings hat sie auch etwas Undurchschaubares, fast Teuflisches“, fährt die Schauspielerin fort. „Was mir nach der Drehbuchlektüre und einem ersten Gespräch mit Trevor Nunn an dieser Rolle am meisten ins Auge stach, war die Tatsache, dass in all meinen Szenen und Dialogen eine Frau mein Gegenüber war. Das begeisterte mich enorm, denn in meiner gesamten Karriere habe ich ansonsten sicherlich nur einen Bruchteil meiner Szenen mit anderen Frauen gespielt.“

Foto:
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Info:
BESETZUNG

Joan Stanley             JUDI DENCH
Joan Stanley, jung    SOPHIE COOKSON
Max                           STEPHEN CAMPBELL MOORE
Leo                            TOM HUGHES
Sonya                        TEREZA SRBOVA
Nick                           BEN MILES
William Mitchell         FREDDIE GAMINARA

Abdruck aus dem Presseheft