Bildschirmfoto 2019 11 10 um 15.47.28Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 7. November 2019, Teil 34

Adam Bolt

New York (Weltexpresso) - Woher kam die Idee zum Film? Was war die Entstehungsgeschichte?

Ich bin seit mehr als einem Jahrzehnt in der Filmindustrie tätig und konnte immer wieder miterleben, wie die Anerkennung für die Entstehung eines Films nur einer Person, nämlich dem Regisseur oder der Regisseurin, zuteil wird. Ironischerweise habe ich im Laufe der Dreharbeiten zu diesem Film gelernt, dass dieselbe Wahrnehmung auch in der Wissenschaft besteht. Sowohl die Wissenschaft als auch das Filmemachen bauen naturgemäß auf der Kooperation vieler Personen auf.

Dennoch nimmt die Öffentlichkeit das ganz anders wahr. So herrscht die Vorstellung vom einzelkämpferischen „Auteur“ vor, der – genauso wie ein/e Schriftsteller*in – alleine an „ihrem/seinem“ Werk arbeitet. Meiner Meinung nach ist das allerdings nicht miteinander vergleichbar, solange der/die Regisseur*in beim eigenen Film nicht auch die Kameraarbeit, den Schnitt, die digitale Nachbearbeitung sowie das Schauspiel übernimmt. Dass das kollaborative Arbeiten an einem Film zu wenig gewürdigt wird, war mir schon zu Beginn meiner Karriere klar und wurde mit der Zeit immer deutlicher.

Lassen Sie mich also zunächst betonen, dass dieser Film außer von mir noch von vielen weiteren Menschen realisiert wurde. Die erste Idee zum Beispiel kam von Elliot Kirschner, einem langjährigen Freund und Kollegen von mir, der nicht nur Produzent und ausführender Produzent ist, sondern auch dafür gesorgt hat, dass es am Set so viele engagierte Mitarbeiter*innen gab, vom Setrunner bis hin zu den Handwerkern. Elliot ist bereits seit Jahren frustriert darüber, wie die Wissenschaft in den populären Medien verhandelt wird. Elliot ist Sohn eines Biologen und die Cartoon-Version der Wissenschaft, die oft im Fernsehen und in Filmen (einschließlich Sachbüchern) zu sehen ist, hat ihn schon immer gestört. Aber die Probleme sind nicht nur oberflächlich. Journalist*innen und Filmemacher*innen verstehen die Wissenschaft oft falsch und verbreiten diese Halbwahrheiten dann weiter. Dies gilt insbesondere für die biomedizinische Wissenschaft, wo experimentelle Behandlungen als Heilmittel angepriesen werden, kleine Studien in umfassende Aussagen über Ernährung und Gesundheit umgewandelt werden und ein Gen, das mit Aggression assoziiert werden könnte, wird als "das Kriegergen" bezeichnet wird.

Signifikante wissenschaftliche Durchbrüche gehen innerhalb dieser aufgeblasenen Berichterstattung oftmals unter.

CRISPR hat vor einigen Jahren für Aufsehen in der Wissenschaftscommunity gesorgt. Jede/r Wissenschaftler*in hat inzwischen davon gehört und es gilt als eine der aufregendsten, vielversprechendsten und auch potenziell beunruhigendsten Entwicklungen in der Wissenschaft der letzten Jahrzehnte. Die Gesellschaft wird in Zukunft weitreichende Entscheidungen darüber treffenmüssen, wie diese Technologie eingesetzt werden soll und ob ihre Nutzung unter Umständen auch eingeschränkt werden muss. Diese Technologie ermöglicht bereits jetzt erstaunliche neue Behandlungen von Krebs und es laufen klinische Studien zur Heilung einiger sehr schwerer Krankheiten. Aber sie öffnet auch die Tür zur genetischen Veränderung zukünftiger Generationen und zu einigen ziemlich radikalen Eingriffen in die Evolution anderer Organismen.

Der Fortschritt ist in diesem Bereich unglaublich schnell. Und während die Wissenschaftscommunity schon lange sehr genau weiß, dass die Menschen darüber nachdenken sollten, beginnt die breite Öffentlichkeit gerade erst, sich dessen bewusst zu werden. Grund dafür sind auch die angesprochenen Diskrepanzen in der Kommunikation zwischen Medien, Öffentlichkeit und Wissenschaft. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Medienmacher*innen die Intelligenz der Öffentlichkeit drastisch unterschätzen. Ich habe jahrelang als Redakteur gearbeitet, und ich musste oft mit Produzent*innen oder Regisseur*innen darum kämpfen, mehr Nuancen und Komplexität in eine Geschichte einzubringen. Die Einstellung, die mir da oft begegnete war „Ich verstehe das, aber diese anderen Leute werden das nicht begreifen.“ Da wird die Situation, etwas noch nicht zu kennen, gleichgesetzt mit der Unfähigkeit, etwas zu verstehen. Das ist ein großes Problem.

Außerdem verstehen einige Journalist*innen und Filmemacher*innen die Wissenschaft hinter der Geschichte selber nicht, weil sie keinen Hintergrund in Biologie oder Physik haben. Und dann haben die Wissenschaftler*innen selber prinzipiell immer ein gewisses Interesse daran, die Aufmerksamkeit auf ihre eigene Arbeit zu lenken. Zudem erleben sie Druck von oben, müssen die Finanzierung ihrer Projekte sicherstellen und mit ihren Forschungen das Profil ihres Arbeitgebers vorantreiben. Offen gesagtspringen die Kommunikationsabteilungen der Universitäten manchmal auf denselben Hype-Zug auf wie die Mainstream-Medien.

Dazu kommen dann noch die wirtschaftlichen Interessen großer Unternehmen, die sich ebenfalls noch in die Vermarktung solcher Themen einmischen.Das Endergebnis ist, dass die Menschen irregeführt werden. Die Wissenschaftler*innen trauen den Medien und der Öffentlichkeit nicht zu, dass die es richtig verstehen und wiedergeben, also geben sie vorsichtige, nichtssagende und manchmal auch etwas herablassende Interviews, die dann auch von den Leser*innen und Zuschauer*innen dementsprechend aufgenommen werden. Diese Konstellation führt im Endeffekt dazu, dass die Öffentlichkeit das Vertrauen in die Wissenschaft verliert.

Elliot hat sich über dies alles schon lange Gedanken gemacht und versuchte einen Weg aus dieser Misere zu finden Dann traf er Ron Vale, zu der Zeit selber Biologe am UCSF und außerdem Gründer der Organisation iBiology, die Videos über wichtige neue Forschung kreiert und sie kostenfrei im Internet zur Verfügung stellt. Das ist eine fantastische Quelle, richtet sich aber hauptsächlich an Studierende und Hochschulabsolvent*innen. Elliot und Ron haben dann gemeinsam mit Sarah Godwin angefangen zu überlegen, wie sie aufbauend auf dem Vertrauen, welches iBiology unter den Wissenschaftler*innen kultiviert hatte, Videos und Filme produzieren konnten, die sich an ein breiteres Publikum aus Wissenschaftler*innen und Nicht-Wissenschaftler*innen gleichermaßen richteten. So entstand schließlich The Wonder Collaborative, einer der produzierenden Partner für Human Nature.

FORTSETZUNG FOLGT

Foto:
© Verleih

Info:
Ein Film von Adam Bolt Kinostart: 7. November 2019 / USA 2019 – 91 Min. / OmdtU

ADAM BOLT - Regisseur Adam Bolt war Cutter und Co-Autor der Oscar-prämierten Dokumentation Inside Job, für die er mit dem Writer’s Guild Award für Best Documentary Screenplay ausgezeichnet wurde und welche ihm 2011 eine Nominierung für den American Cinema Editors Award für Best Edited Documentary zusicherte. 2014 gewann er einen Emmy für seine Arbeit an der Showtime-Dokumentationsreihe Years of Living Dangerously, bei der er als Senior Producer, Autor und Cutter mitwirkte. Seine weiteren Tätigkeiten umfassen Mitarbeit an Park Avenue: Money, Power & The American Dream von Regisseur Alex Gibney, ein Film der 2013 mit einem Peabody Award ausgezeichnet wurde, Page One: Inside the New York Times, der 2012 für zwei Emmys (darunter Best Editing) nominiert war und die HBO Dokumentation The Recruiter, die 2010 einen Columbia duPont Award für Exzellenz im Rundfunkjournalismus gewann.