Bildschirmfoto 2021 08 24 um 00.56.05Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 19. August 2021, Teil 15

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main  (Weltexpresso) - Niemals hätte ich geglaubt, wie gespannt ich den Film über die Kletterkünste von Vater und Tochter auf dem Weg zur Schule den Fluß entlang hoch oben über die Felsen verfolgen und mit welcher Anteilnahme ich überhaupt das Leben und die Wege dieser kleinen Familie aus dem nordindischen Ladakh betrachtet würde. Aber so war es und nach dem Film war ich froh, ein solches Leben miterlebt zu haben, das unserem diametral entgegengesetzt ist, weil man sich im Vergleich auch erst klar macht, wie verwöhnt, wie risikolos, wie bequem wir eigentlich leben. . 
Diese kleine Familie, Vater, Mutter und Tochter leben in einem verstreuten Dorf im Dreiländereck Pakistan, China und Indien, im Grenzgebiet also. Eine Schule gibt es dort nur für kleine Kinder, aber in der Kreisstadt Leh gibt es die Internatsschule, mit der der Film auch anfängt. Es sind Ferien und der Vater holt seine Tochter ab, die er nach den Ferien - zweimal im Jahr - wieder zurückbringen wird. Da wissen wir aber noch nicht, wie langwierig über mehrere Tage und wie gefährlich, ernsthaft todgefährlich und auf jeden Fall sehr anstrengend, dieser Schulweg ist. Tsangyang, so heißt das inzwischen schon 18jährige Mädchen, für uns eine junge Frau, aber sie sieht wie ein Mädchen aus, klettert wie eine Gemse, aber es sind nicht nur die glitschigen Felsen gefährlich, sondern der Fluß selbst, der Chaddr, der leider nicht mehr wie früher im Winter zufriert, so daß er mit Schlittenund gutem Schuhwerk leicht passierbar wäre, sondern er  bleibt auch im Winter eine rutschige, gefährliche Sache, zumal der Frost die Sturzgefahr erhöht. Aber so weit sind wir noch nicht. 

Erst einmal kommt Tsangyang unter der Obhut ihres Vaters nach Hause und hat den Sommer vor sich. Wir lernen jetzt auch die Mutter kennen, die ihre Tochter seit jeher unterstützt, weil sie im Lernen und einer guten Ausbildung für ihre Tochter ein besseres, ein leichteres Leben erwartet, als sie selber es führen kann. Der Vater ist der Lehrer des Dorfes und die Mutter webt Teppiche, mit deren Verkauf die Haushaltskasse gefüllt wird. Und in der kargen Erde versucht die Familie, Gemüse zu ziehen. Aber und das ist eine wichtige Einsicht, auch hier schlägt der Klimawandel zu, denn Wasser, für die kleine Landwirtschaft unabdingbar, wird rar. Es regnet kaum mehr.

Die Aufnahmen in der Einsamkeit vermitteln die letzten Gegenden der Welt, die von der Entwicklung unserer technischen Welt abgeschlossen sind. Daß dies aber eine Illusion ist, kann man im Film nicht so sehr sehen, sondern sich durch Informationen als Kenntnis selbst verschaffen. Längst nämlich ist diese traumhafte Gegend für den Abenteuerurlaub, für den sportlich Reisenden eine der Traumrouten, soll sagen, unterwegs entlang dem Chaddr treffen die beiden auf so manche Touristen. Doch nicht im Film, was keine Kritik sein soll, denn es geht ja um das Schicksal der Familie, insbesondere das der Tochter.

Und da ist es bewunderswert, wenn man mitbekommt, wie die Eltern ihre Tochter unterstützen, die nur noch die Abschlußprüfung bestehen muß, um in Neu-Dehli das zu studieren, was ihr am Herzen liegt: Softwareentwicklung. Und dieser letzte Weg nach den Ferien zurück zur Schule zur Prüfung nimmt dann den größten Teil des Films ein, wo sowohl die Schönheit der Natur  wie auch ihre Gefährlichkeit deutlich zu sehen sind. 

Wie das Filmteam die Aufnahmen überhaupt fertigen konnte, bleibt ein Rätsel, das der Film nicht auflöst. Gerade hier wäre ein MAKING OF sehr interessant. 
 
Foto:
©Verleih

Info:
Regie: Minsu Park
Produzent: Lena Karbe, Minsu Park
Drehbuch Gregor Koppenburg
Ton: Andereas Godbrunner