nima3Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 20. Januar 2022, Teil 6

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Wenn Sie in den Feuilletons der großen Zeitungen nach den dieswöchentlichen Filmkritiken schauen, wird zuvörderst opulent eingegangen auf diesen Hollywoodfilm von Guillermo del Toro , der einen anderen US-Nachkriegsfilm von 1947 neu auflegt, in der HauptrolleTyron Power. Beide Filme, die sehr unterschiedlich ausfallen, basieren auf dem Nachkriegsroman von William Lindsay Gresham, der nun wiederum auch eine Nachkriegsgeschichte erzählt, allerdings nach dem Ersten Weltkrieg und den Zwanziger Jahren. Das Buch war ein Welterfolg, den der Film dann nicht einlösen konnte und heute? Gemischt. Sehr gemischt.

Dem Film , der ein klassisches amerikanisches Aufstiegsdrama zeigt, nämlich eins, wo es nach der Kleinbürgermoral „Nicht zu hoch hinaus. Es geht übel aus“ tatsächlich den schon Aufgestiegenen übel erwischt, wird Überspanntheit und vor allem zu viel äußerer Dekor bei zu wenig Tiefe vorgehalten. Nicht zu unrecht. Warum ich aber die 150 Minuten gespannt zuschaute, hat mit all dem nichts zu tun und auch nicht mit der Riege von ansehnlichen Weltschauspielerinnen und -schauspieler, die hier wirklich so massiv anzutreffen sind, daß man schon von daher weiß, aha, der Film ist etwas Besonderes. Ja, ist er. Aber aus anderen Gründen.

Unsere Filmkritiken richten sich in der Regel nach den filmischen Mitteln aus, wie ein Stoff auf der Leinwand Leben erhält und auch nach den schauspielerischen Leistungen. Sehr viel weniger auf das, was man Gehalt eines Werkes nennen könnte. Und das ist hier das Schaustellergewerbe von anno dazu Mal, wie auf jeden Fall wir Heutigen es weder in den USA, noch bei uns, sicher in keinem Land der Welt mehr erleben, was aber einst einer der Höhepunkte im Leben von Dorf- und Stadtbewohnern war, ähnlich dem Zirkus, der ja auch gerade ausstirbt. Aus guten Gründen. Zoos sind sinnvoller und menschlicher, wenn man das Wort für Tierhaltungen anführen darf. Für mich ist dieser Film deshalb ein kulturgeschichtliches Erinnerungswerk, das festhält, was einmal war und was in noch lebendigerer Art beispielsweise die Spezialität von Federico Fellini war, der viele seiner Filme im Schaugewerbe, dem auf der Straße in Einzeldarstellungen wie LA STRADA wie auch dem in Jahrmärkten organisierten (LA STRADA; ROMA...) spielen ließ.

Heute gibt es noch vereinzelt Varietés, wie in Frankfurt der wunderbare TIGERPALAST, wo aber artistisches Können im Vordergrund steht und weniger die Kunst der Wahrsagerei als herausgehobene Disziplin all der Täuschungsunternehmungen, die auch in Nightmare Alley stattfinden, wobei die Körperkräfte eines Mannsbildes mit massiver Muskelbrust schon echt waren, aber die Ketten, die er mit einem Schlag durchschlug schon weniger. Das ist nämlich das Interessante an dem Schaustellergewerbe, das es Echtes mit Unechtem verbindet, so daß der Zuschauer nie genau wußte, ob das, was seine Augen sehen, auch wahr ist.

Zum bisherigen kommen im Wanderzirkus CARNIVAL, auf den der schlaue, intrigante Stanton Carlisle (Bradley Cooper) auf der Flucht vor seinen Untaten stößt, noch die Tiere hinzu, die Teil des Programms sind und das Steckenpferd des Zirkusdirektors, die in Spiritus eingelegten menschlichen Abstrusitäten von Kleinkindern mit zwei Köpfen bis anderen Schrecklichkeiten, was früher in den Kuriositätenkabinetten der Herrschenden, den Kunst- und Wunderkammern gesammelt wurde und hier dem schlichten Volk präsentiert wird.

Daß der Zirkusdirektor Clement „Clem“ Hoately ausgerechnet mit Willem Dafoe besetzt ist, stört erst, denn es ist eine ausgesprochen fiese Rolle, aber es paßt auf Dauer schon, von Anfang an aber hervorragend besetzt die junge harmlose und auch das Hellseherpaar Zeena & Pete (Toni Collette und David Strathairn). Letztere entwickeln sich zu regelrechten Mentoren von Stan, der erst einmal die übelsten Dreckarbeiten erledigen muß, wozu gehört die Manege zu reinigen, wenn der in Ketten gehaltene gefährlichste Mensch einem Huhn den Kopf abbeißt, wobei der Kick wohl darin besteht, froh zu sein, daß er es nicht bei einem selber tut. Aus diesem Abschaum und dem echten Dreck, der als ewiger Regen auf das Zelt und die Schaustellerwagen fällt und zum ewigen Schlamm und Dreck führt, kann sich Stan hocharbeiten, in dem er dem alten, müden Hellseher dessen Tricks abguckt und dann auch noch dessen Büchlein mit den schlauen Handreichungen klaut. Tja für die Damenwelt sieht er gut aus, dieser Stan, weshalb ihm die Frauen immer helfen. Oder fast immer. Auf jeden Fall die nette sanfte Molly (Rooney Mara), die ihn anhimmelt und deren Show er erst die richtige Würze gibt.

Alles könnte also prächtig laufen, bis, aha, 'nicht zu hoch hinaus', er erst mit Molly den Zirkus verläßt und in Großstadtvarietés als Mentalist auftritt, der den Leuten sagt, was sie in ihren Brieftaschen haben und schlimmer: in ihren Gedanken. Beide scheffeln Geld, doch das ist nicht genug. Als die schöne Psychoanalytikerin Lilith Richter (Cate Blanchett) – der Name ist sicher nicht zufällig, Richter klingt deutsch und Lilith als die erste Frau Adams ist sowieso ein irrlichterndes Wesen – ihm eine Zusammenarbeit vorschlägt, aus der viel Geld zu machen ist, ist er dabei, da aber ein Grundzug seines Wesens immer mehr will, versucht er diese Dame zu linken, worauf diese nur gewartet hatte und den Spieß umdreht. Am Schluß muß unser Aufsteiger froh sein, daß er wieder im Carnival unterkommt, diesmal aber in der Position des Allerletzten, der sozusagen selbst den Kopf anderer abbeißen muß und allen Dreck beseitigen. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten hat hier voll zugeschlagen.

Was mir am besten gefällt ist diese dräuende Symbolik, die den Film durchwabert, ohne daß man genau wüßte, wohin das führt. Alles ist duster, viel aus widerspiegelndem Glas oder Metall, vom ewigen Regen und Schlamm wurde schon gesprochen, die Musik regnet mit oder düstert mit, je nachdem, also atmosphärisch ist der Film schon auf der Leinwand aufgeplustert, daß es kaum mehr einer Handlung bedürfte.

Was mir nicht gefällt, ist die Rollenanlage der Lilith Richter als sterile Hochblondine im Look der Schwarzen Serie, des Krimis Noir von Chandler/Hammett: hardboiled! Das ist mir einfach zu viel Schminke, zu viel Lippenstift, zu viel rauchige Whiskystimme und vor allem viel zu ähnlich der zwar harmloseren, aber doch genauso blonden als Vamp verkleideten Zeena, der Hellsehergespielin. Da finde ich Cate Blanchett geradezu unterfordert, in einer solchen Leere.
 
Foto:
©Verleih

Info:
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Kim Morgan
Basierend auf dem Roman von William Lindsay Gresham
Produziert von Guillermo del Toro, p.g.a., J. Miles Dale, p.g.a., Bradley Cooper, p.g.a.
mit: Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Richard Jenkins, Rooney Mara, Ron Perlman, Mary Steenburgen, David Strathairn
Deutscher Kinostart: 20. Januar 2022
Im Verleih von Walt Disney Studio Motion Pictures GmbH