isabel 8065Isabel Varell zu Gast bei "Kultur. Findet. Stadt." 

Hanswerner Kruse

Fulda (Weltexpresso) - Mit viel Charme und Esprit verwandelte Isabell Varell das riesige Zelt im Hof des Vonderau-Museums in ihren eigenen, intimen Club. Dieser erste Auftritt von ihr nach der langen Corona-Pause, war eine gelungene Melange aus persönlichen Erzählungen, meist sanften Gesängen und nachdenklichen Geschichten aus ihrem soeben erschienenen Buch „Die guten alten Zeiten.“

Nur einmal wurde es richtig rockig, als sie von ihrem Irrweg zum „Ballermann“ auf Mallorca vorlas: „Ich bin doch jemand der da gar nicht hingehört“, meinte sie und stimmte melancholisch Zarah Leanders „Nur nicht aus Liebe weinen“ an. Bald wurde daraus ein lauter, herber Discofox, zu dem Isabel auf der Bühne herumtobte (Foto). Dieses kurze Mallorca-Abenteuer, das Jürgen Drews ihr eingebrockt hatte, ging ziemlich daneben: „Die Leute hauten wenigstens nicht ab und soffen weiter, das galt schon als Erfolg!“ Es war eher „Betreutes Trinken“, sagte sie, als ein „künstlerischer Auftritt“, mit dem Drews sie vorher lockte.

isabel 8122
In den diversen Kapiteln ihres Buches, das im Mittelpunkt des Abends stand, geht es immer um neue Herausforderungen und davor Angst zu haben, mutig zu sein und das Scheitern zu riskieren: „Ich bin mutig weil ich ängstlich bin“, bekam das Publikum an diesem Abend oft zu hören und sie sang: „Es ist Zeit für mich zu geh'n / Ich kann nicht länger auf der Stelle steh'n“ (aus „Frei und verrückt“).

Ihre Verpflichtung für das Musical „Hairspray“ war schwierig, Isabel sollte erst nach vier Monaten einsteigen. Von einer Kollegin übernahm sie die Rolle der fiesen, herrschsüchtigen Rassistin: „Die ärgerte sich immer über ‚Negermusik’ - und ist alles, was ich nicht bin.“ Sie darzustellen war schwer genug, „aber Singen und Schauspielern kann ich ja“, wusste sie. Doch mit Mitte fünfzig sollte sie noch tanzen lernen und sich bei Hebefiguren von drei Männern in die Luft werfen lassen. Genießerisch erzählte sie, das sei letztlich eine sehr sinnliche Erfahrung gewesen. Und „DER Uwe Krüger“ habe sie als Neue oft an seine rasierte Brust gedrückt: „Der riecht so gut, sogar nach der Vorstellung“, stöhnte sie.

Isabel kolportierte nicht nur Geschichten von duftenden Kerlen oder nächtlichen Discos auf den Balearen. Durchaus humorvoll und ironisch blieb sie immer authentisch und nachdenklich bei sich selbst. Mit wenigen Worten erklärte sie sogar die Transaktionsanalyse und wie sich dadurch ihr „Kinder-Ich“ entfalten durfte. Oder sie sprach von langen Freundschaften, die nicht von alleine hielten, sondern „Beziehungsarbeit“ erforderten. Auch in der Liebe sei das so, meinte sie und sang: „... ich weiß ich brauche keinen neuen Menschen / Der mir die Welt erklärt / Ja ich würde uns so gern ganz neu entdecken / Lass uns so tun als finge alles heute an...“ (aus „Es muss nicht einfach sein“).

isabel 8295
In ihren Songs, die sie selber schreibt, poetisiert sie den Alltag und singt keine kitschigen Herz-Schmerz-Schlager. Jedoch als Sängerin kam sie leider etwas kurz an diesem Abend. „Aber was hätte ich alles verpasst, wäre ich bei der Musik geblieben“, bekannte sie. „So viele spannende Sachen wären mir entgangen.“ Beispielsweise als Moderatorin bei Live-nach-neun in der ARD, seit drei Jahren eine weitere Herausforderung, die ihr zunächst viel Furcht einflößte: „Alles war anders als vorher, trotzdem ist die Sendung für mich ein weiterer Spiel-Platz geworden.“

Bei ihren Bekenntnissen und Überlegungen wurde Isabel nicht zur schlaumeierischen Küchenpsychologin oder singenden Lebensberaterin. Sondern sie nahm das Publikum mit und verführte es – möglicherweise - auch mal selbst was Anderes zu wagen und Ängste zu überwinden.



Info:
Isabel Varell: „Die guten alten Zeiten sind jetzt“, Piper-Verlag Paperback, 252 Seiten, 15 Euro

Fotos:
Hanswerner Kruse