Die überarbeitete Ausstellung „Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel“ ab heute offen     

Heinz Markert 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – So viele kulturelle und weltanschauliche Milieus jener Jahre zwischen den zwei Weltkriegen könnten mindestens ebenso lebendig gewesen sein wie gegenwärtige, auch wenn sie weniger kulturindustriell durchgerechnet waren als heutige. Leben und Lebendigkeit waren in jenen Zwanzigern angesagt – bis sie autoritär-brachial gestoppt wurden.   


Die Ausstellung, die im Jahr 2000 von der damaligen Kustodin der Dependence des Jüdischen Museums an der Friedberger Anlage für Wechselausstellungen konzipiert und seit 2004 als Dauerausstellung zu sehen war, ist inhaltlich und gestalterisch überarbeitet worden. Die Neueröffnung findet am Sonntag, dem 8. Mai 2016, statt.

Wieder waren  engagierte Mitglieder der „Initiative 9. November“ - dem Tag des November-Pogroms – an der Neuentstehung beteiligt. An der Stelle des ‚Hochbunkers‘, der die Ausstellung beherbergt – und als solcher an menschenverachtende Zeitläufe erinnert –, stand bis zum 9. November 1938 die über Frankfurt hinaus als ebenso prächtig wie einzigartig wahrgenommene Frankfurter Synagoge. Sie wurde gebrandschatzt und immer wieder so lange unter Feuer gesetzt, bis sie gänzlich zum Schleifen abgetragen war, um dem unförmigen Bau der Nazis zu weichen. Die Kosten der Abtragung waren von den Frankfurtern jüdischer Konfession zu übernehmen, was die Niedertracht – eine der Eigenarten der Mord- und Raubgesellen – vollendete.

Mit der Schleuse tritt man in die Ausstellung ein

Ein nicht unwichtiger Tipp: bitte warm anziehen, Heizung ist aber in Planung

Während der letzten Winterpause hat Heike Drummer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Jüdischen Museum, die Ausstellung neu erarbeitet. Die aktualisierte Ausstellung umfasst nun sechs Abteilungen:

· „Schutz und Förderung des Judentums“ – Die Israelitische Religionsgesellschaft
· „Gruß aus Frankfurts schönstem Stadtteil“ – Alltag im Ostend
· Ein Netz sozialer Einrichtungen und Vereine – Jüdische Wohlfahrtspflege
· Firmenadresse: Ostend
· November-Pogrom 1938
· Neuanfang. Das Ostend nach 1945

Die Gestaltung lag in den Händen von Petra Brockhaus (Innenarchitektur) und Karl-Heinz Best (‚mind the gap! design‘). Materialien der Ausstellung sind bedruckte Holzplatten und transparente Stoffbahnen, sie korrespondieren mit der Rohheit der Bunkerräume


Das Ostend, in den Nachkriegsjahren geschmäht, wenngleich zu Unrecht

Das Ostend hat seinen eigenen Reiz, hatte ihn immer schon, dort wurde gelernt und handwerklich wie zunehmend auch industriell gearbeitet. Es entwickelte sich aus Gärten und Feldern, Kleingewerbe und Handwerk siedelten sich an, auch die anziehenden kleinen Geschäfte.

In Erinnerung sind aus der ‚Wiederaufbaus‘-Zeit noch Firmen wie Schade & Füllgrabe (Einzelhandelsunternehmen) und die Maschinenfabrik Mayfarth. Das Ostend galt als schönes Viertel, weil es auch weiträumig angelegt war, wovon noch heutige Gänge zeugen können. In Erinnerung ist noch die alte Lehrerin, im 19.Jahrhundert geboren, die ihre späten Tage im Röderbergweg verbrachte. Das Haus war ‚kriegsbeschädigt‘. In dem großflächigen Gebiet finden sich auch jetzt noch Einrichtungen der wohlversorgenden jüdischen Wohlfahrtspflege, angesehene klinische Versorgungseinrichtungen sowie Einrichtungen der Altenpflege, verbunden mit Straßennamen wie Bornheimer Landwehr und Gagernstraße.



Ein institutionelles Netz der Einrichtungen

Bildung und Wohlfahrt sind durch Tradition und Kultus fest verankerte Aufgabengebiete, auf deren Funktion stets große Zuwendung und Achtsamkeit verwandt wurde. Es gab schon damals im neu errichteten Frankfurter Osten Einrichtungen der Allgemeinen- und der Besonderen Ausbildung für die Prosa der Welt, gemäß Themen wie Freizeit, Schule, praktische Bildung, Bildung junger Frauen, Haushaltung, Fitmachen für den sozialen Beruf, Ausbildung in Fremdsprache und für gesellschaftlichen Umgang. Dies war ein stadtweit ohnehin gefragter Bedarf. Erinnert sei an das dem Zeitkolorit angemessene Töchter-Pensionat Ettlinger. Ein aktuell gebliebener Namenszug ist auch die noch tätige Rothschildsche Stiftung.

Es gab eine Kultur der Zuwendung, der Praxis der Selbsthilfe (bis 1938), zu der auch ein jüdisches Waisenhaus und Spitaleinrichtungen gehörten. Die menschliche Sorge für ein auskömmliches und vom Grund her erträgliches Dasein war zentrales Motiv.

Die Ausstellung im Hochbunker bietet 300 Abbildungen, sorgsam ausgewählte und entwickelte Texterklärungen und ein zeitgemäßes Design. Namen und Bezeichnungen, die im Gedächtnis hängenbleiben: Rabbiner Raphael Hirsch, New Yorker Exil, Israelitische Religionsgemeinschaft, Studien der Religionsgemeinschaft, mithin Ursprünge der modernen ‚Orthodoxie‘; Namen auch wie Herschel Grynszpan und die aus Galizien stammende Familie Rawer-Birnbaum werden familiengeschichtlich dokumentiert.

Ein grausamer Begriff lautete: ‚Polen-Aktion‘ (vom 28./29. Oktober 1938). Familien wurden ausgewiesen, getrennt und ihre Mitglieder ermordet, mithin als Ehepaare vernichtet. Eine Thematik, die immer wieder erstarren lässt, lautet: „Arisierung und Raub“; wobei vor allem der rohe Raub, unabhängig von vorgeschobener Ideologie, im Mittelpunkt steht.

Zuletzt sind auch Flucht und Wiederzuzug Thema, ebenso wie: Kindheit im Ostend, nach 1945 und die Lebensmittelversorgung.

Info:
Die Ausstellung „Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel“ des Jüdischen Museums Frankfurt am Main ist ab 8. Mai 2016 geöffnet. Hochbunker an der Friedberger Anlage 5-6 (Anlagenring), Öffnungszeiten (in der Regel April bis November): Sonntag 11 bis 14 Uhr, Führung 11.30 Uhr. Termine nach Vereinbarung für Schulklassen und andere Gruppen, Tel. 069/212 74237