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Kategorie: Kunst

Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg schlägt bei einer Auktion in London zu

 

Felicitas Schubert

Nürnberg (Weltexpresso) - Es ist eine kleine Sensation: Ein bislang nahezu unbekanntes, spätmittelalterliches Tafelgemälde konnte das Germanische Nationalmuseum bei einer Auktion in London dank der ebenso großzügigen wie spontanen Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und Rudolf-August Oetker Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege erwerben.

 

 

Es wurde heute der Öffentlichkeit in Nürnberg vorgestellt. Das bislang unbekannte Meisterwerk zeigt einen in der deutschen spätmittelalterlichen/frührenaissance Malerei typischen figurenreichen Kalvarienberg mit der „Kreuzigung Christi“ und ist um 1490 in Nürnberg oder Bamberg entstanden. Der Fachwelt eröffnet sich damit die seltene Möglichkeit, den Kanon spätmittelalterlicher Altarwerke um ein bedeutendes Tafelgemälde zu erweitern.

 

Das hochkarätige Altarwerk fügt sich nahtlos in die renommierte Sammlung Alter Meister des Germanischen Nationalmuseums. Künftig steht es dort stellvertretend für den epochalen Übergang des von der niederländischen Malerei beeinflussten Stils von Hans Pleydenwurff hin zur neuen Kunst des jungen Albrecht Dürer, freut sich Sammlungsleiter Dr. Daniel Hess. Erst 2012 hatte er diese für die europäische Kunstgeschichte wegweisende Epoche in der Sonderausstellung „Der frühe Dürer“ einem internationalen Publikum vorgestellt.

 

 

Ein Frühwerk Dürers?

 

In zahlreichen Motiven knüpft die neu erworbene Tafel noch an Schlüsselwerke Pleydenwurffs an. Mit Merkmalen wie der außergewöhnlichen Darstellung der Hintergrundlandschaft oder der Wiedergabe von Bäumen und Felsen schafft sie allerdings schon die Voraussetzungen für die neuen, innovativen Bildlösungen des jungen Dürer. Insofern überrascht es wenig, dass das Gemälde bis 1912 als Frühwerk Dürers galt und dessen Monogramm trug.

 

Der Forschung war das mit seinen Maßen von 144 x 142 cm recht monumentale Gemälde bislang nur aus alten Schwarz-Weiß-Abbildungen bekannt. Zuletzt wurde es von Robert Suckale (in: Die Erneuerung der Malkunst vor Dürer, Petersberg 2009, Kat. 58) eingehender gewürdigt. Suckale war der Verbleib des Originals nicht bekannt, er musste sich mit einer historischen Aufnahme behelfen. Die Malerei schrieb er einem Schüler des Bamberger Malers Wolfgang Katzheimer zu und datierte sie in die Zeit um 1490. Die Datierung ist überzeugend, die Zuschreibung bedarf indes einer genaueren Prüfung – jetzt, wo das Original nach langer Zeit wieder zugänglich ist.

 

 

Aufnahme in Forschungsprojekt zur spätmittelalterlichen Tafelmalerei

 

Zunächst wird die hochkarätige Neuerwerbung nur knapp zwei Wochen lang öffentlich zu sehen sein. Bis zum 2. Mai 2014 können sich Besucher selbst ein Bild von der hohen Qualität fränkischer Malerei zur Jugendzeit Dürers machen. Danach wird die Tafel im Institut für Kunsttechnologie und Konservierung eingehend untersucht. Ihre kunsthistorisch-wissenschaftliche Einordnung erfolgt im Rahmen des aktuellen Forschungsprojekts „Die deutsche Tafelmalerei des Spätmittelalters“, in dessen Bestand sie bereits aufgenommen wurde.

 

Neben der kunsthistorischen Bedeutung sprach auch die Provenienz für einen Erwerb der Tafel durch das Germanische Nationalmuseum: Lange gehörte sie dem angesehenen Nürnberger Verleger und Kunstschriftsteller Friedrich Campe (1777-1846). Aus dessen Besitz gelangte sie im 19. Jahrhundert nach England, wo sie bis zu einer Versteigerung im Jahr 1972 und dem Erwerb durch Dr. Gustav Rau in privater Hand verblieb.

 

Mit dem Ankauf konnte jetzt ein bedeutendes Gemälde aus der Zeit von Dürers Jugendjahren nach rund 165 Jahren wieder an seinen Ursprungsort zurückkehren“, betont Generaldirektor Prof. Dr. G. Ulrich Großmann. Er dankt der Kulturstiftung der Länder, insbesondere dem stellvertretenden Generalsekretär Dr. Martin Hoernes, der den Ankauf maßgeblich unterstützte und damit wesentlich zur Rückkehr eines für die deutsche Tafelmalerei wichtigen Kunstwerks beitrug.

 

 

P.S. Der Hinweise auf Gustav Rau zeigt allerdings, daß die Bezeichnung „bislang unbekanntes Meisterwerk“ nicht aufrecht zu erhalten ist, mit dem das Museum seinen Neuerwerb verkündet, denn die Sammlung Rau ist ja nicht nur bekannt, sondern ist auch auf Tourneen durch die Welt gewandert. Wir werden nachforschen, ob damals dieses Bild schon dabei war. Da derzeit mit der UNICEF, die Erbe der Rau'schen Sammlung ist, gestritten wird, ob sie sich von den wichtigsten Werken durch Verkauf trennen darf, wäre auch nachzufragen, wo dieses Gemälde bisher aufbewahrt wurde, ob es zum Beispiel in den Teil gehörte, der offiziell von der UNICEF bis 2026 zur Präsentation in das Museum Bahnhof Rolandseck gegeben wurde. Auf jeden Fall ist der Erwerb auf der Londoner Aktion keine spontane Sache, auf der ein Schnäppchen erworben wurde.

 

 

 

www.gnm.de