Bildschirmfoto 2020 11 22 um 21.15.46DAS JÜDISCHE LOGBUCH 

Ives Kugelmann

Basel (Weltexpresso) -  Dezember 2020. Die Strassen sind leerer, viel leerer. Gerade in demokratischen Rechtsstaaten definiert sich das Leben stark über Gesellschaft, Begegnung und unkontrolliertes Treffen. Je länger die Pandemie dauert, desto mehr ziehen sich Nationen und Menschen auf sich selbst zurück. Distanz, Isolation und Abschottung bis zur Impfung. Zugleich hat die Politik die internationalen Krisenherde aus den Augen verloren. Die Kriege in Syrien, Äthiopien oder humanitären Krisen sind noch mehr aus der Tagesdebatte gefallen als schon vor Corona.

Doch die Pandemie trifft nicht nur Europa, den Westen, die USA, sondern alle. Die Flüchtlinge von Lesbos sind keine Schlagzeile mehr wert. Die toten Migranten am Mittelmeer finden kaum mehr Beachtung. Noch weniger weiter entfernte Krisenherde, die Europa und auch die Schweiz mehr betreffen, als vielen lieb ist. Die ökologischen und ökonomischen Krisen von heute, werden die Herausforderungen von Morgen sein. Nicht nur jene in der Ferne. Die Armut wird sich auch in Europa oder, wie diese Woche berichtet, in Israel breit machen (vgl. topnews von Mittwoch, «Armutswelle in Israel»).

Die sozialen, psychologischen Folgen der Pandemie und der Art, wie sie in gewissen Ländern gehandhabt wird, sind noch nicht absehbar. Was ökonomisch in Schach gehalten werden kann, wird Menschen noch lange nicht gerecht. Die kommenden Tage von Chanukka und Weihnachten, die Tage der Solidarität, müssen den Blick wieder öffnen für das andere, die anderen und andere weit entfernte Plätze auf dem Planeten – die bald sehr nahe sein werden.

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©tachles

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 11. Dezember 2020
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.