risknet.deDAS JÜDISCHE LOGBUCH

Yves Kugelmann

Basel  (Weltexpresso) - Katastrophen sind in Zahlen nur schwer fassbar. Es sind die Abertausenden von Menschen, die persönliche und Familienschicksale erleiden mussten und die letztlich Schicksale der Gemeinschaft sind. Der Weckruf für die Redaktion von tachles war ein Anruf Anfang März 2020 aus London. Die Frau am Telefon flehte darum, dass die tödliche Seuche endlich als das anerkannt würde, was sie sei.

Sie lebt mit ihrer Familie im London Stadtteil Hampstead. Bereits damals lagen Dutzende von Freunden auf den Intensivstationen der Spitäler, vier Eltern von Kindern der Klassenkameraden sollten bis April noch sterben. Sie beklagte, dass die jüdischen orthodoxen Gemeinschaften weiter Corona-Regeln brachen, Feiern veranstalten. Die junge Frau war regelrecht verzweifelt. Das war nur der Anfang und der Rest letztlich jüngere Geschichte. Gerade die orthodoxen jüdischen Gemeinschaften rund um den Erdball erlebten einen Tsunami. Die Schicksale gelangten in die Weltpresse und sollten eine Situation überlagern, die alle jüdischen Gemeinschaften enorm herausforderte und gerade ausserhalb der Schweiz zum Teil existentiell bedrohte. Doch es sind bei Weitem nicht nur die orthodoxen Gemeinschaften, die von der Pandemie betroffen sind. Längst liegen tachles Unterlagen aus jüdischen Gemeinschaften vor, die staatliche Impfprogramme umgehen, wo Funktionäre von Institutionen und Gemeinden eigenen Familien und Freunden Impfungen verschaffen und ein regelrechter Wettbewerb der aggressiven, schlechten Ideen im Wettlauf um das schnelle Impfen losgetreten wurde, auch unter vermeintlichen jüdischen Eliten. Die vielen solidarischen, anständigen, bescheidenen, integren, wartenden, hilfsbereiten Menschen werden dabei oft vergessen.

Das Fazit nach nur einem Jahr Pandemie ist ernüchternd: Rund 12 000 jüdische Menschen verstarben weltweit an Covid-19, gemäss den Zahlen, die für die Recherche zugänglich sind. Vermutlich liegen sie sogar um einen Drittel höher. Hinzu kommen die vielen schweren Verläufe der Krankheit gerade in sozial schwachen Gemeinschaften, zehntausende jüdischer Familien, die ihre wirtschaftlichen Grundlagen verloren haben, zum Teil mehrfach in Quarantäne waren oder durch den Lockdown sozialen oder Anschluss an Institutionen und Bildungseinrichtungen verloren haben. Die vielen Tragödien sind hier in der Schweiz kaum sichtbar geworden und oft auch nicht berichtbar gewesen.

Doch ein Jahr Pandemie hat die jüdische Gemeinschaft nachhaltig getroffen und wird von Experten als die größte Katastrophe für die jüdische Gemeinschaft seit der Schoah bezeichnet. Nicht nur, dass die Mortalität unter Holocaust-Überlebenden vor allem 2020 überdurchschnittlich hoch war, Aufbauprojekte innerhalb jüdischer Gemeinschaften auf Eis gelegt werden mussten und Ressourcen einbrachen. Es haben sich vor allem auch Lebensrealitäten von Jüdinnen und Juden verändert. Noch ist die Pandemie längst nicht vorbei und die Konsequenzen werden erst in Jahren einsehbar werden. Denn waren im ersten Jahr viele jüdische Menschen noch durch staatliche Hilfsprogramme getragen, fallen diese langsam weg und die Zivilgesellschaft ist wieder gefragt. Gerade in den USA und Südamerika sind in den letzten Monaten die Quellen am Versiegen. In einigen Teilen Europas, Amerikas und Südamerikas ebenso wie in Asien sind jüdische Hilfsfonds und -programme entstanden, doch ein global koordinierter jüdischer Hilfsfonds konnte wie in früheren Situationen nicht etabliert werden. In der Schweiz wurde gar bis auf Hilfen der Gemeindefürsorgen bisher kein Programm angedacht.

Da können die vielen Errungenschaften während der Pandemie, die hohe Solidarität, viele zivile Initiativen, die hohe Partizipation von Menschen über Videoprogramme kaum Abhilfe schaffen. Mit der Pandemie sind auch viele Kultur- und Heritage-Projekte, die Restauration und der Schutz von Kultstätten, insbesondere in Osteuropa, zum Teil für immer unterbrochen worden. Hinzu kommen die ohnehin schon rar gesäten unabhängigen jüdischen Zeitungen, die mit Covid-19 den letzten Schnauf verloren haben. Erst jetzt beginnt die Dokumentation der Pandemie in der jüdischen Gemeinschaft und die wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse. Sie werden flankiert von Abertausenden von Schicksalen, einige davon sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer Redaktion, und verfolgen und dokumentieren die Geschehnisse wöchentlich. Vieles von all dem geht in der Schlagzeilenlogik unter, etwa Israels Impferfolge. Viele ethische und halachische Fragestellungen der Pandemie werden noch nicht offen diskutiert und viele sogenannte Kollateralschäden sind noch nicht sichtbar.

Da hilft der Verweis auf Fälle von Versagen in Politik und Behörden nur bedingt. Das andere Fazit der Pandemie ist das gesellschaftliche Versagen im Umgang mit Verschwörungstheorien, einer neuen Welle von Antisemitismus und Rassismus, die durch die Pandemie perpetuiert wurden. Die Pandemie stoppte vielleicht zum Teil den politischen Populismus der letzten Jahre bei Europas und Amerikas organisierten politisch Rechten, aber sie entfachte eine Dynamik bei Staatsverweigerern, Paraguerillagruppen und Gesellschaftsentkoppelten – alles Gruppen, die im Moment noch gar nicht einschätzbar sind. Vielleicht bleibt die Pandemie in der jüdischen Geschichte neben so vielen anderen Einschnitten eine Fussnote. Vielleicht wird sie zur Weichenstellung in eine neue Zukunft, in der die Idee der jüdischen Gemeinschaft in Anbindung an jüdische Gemeinden, das individuelle jüdische Leben in Gemeinschaften neu definiert werden. Es wäre letztlich ein Generationenprojekt, insbesondere auch für all die jüdischen Kinder, die in diesen Monaten unverhofft mit einer historischen Situation konfrontiert wurden, oder all die jüdischen Jugendlichen, die sozusagen in der besten Zeit ihres Lebens um eine freie, offene, sorglose Entwicklung gebracht wurden. Die Stimme aus Hampstead indessen ist längst nicht verstummt. Sie ist zuversichtlicher geworden durch die Impferfolge in Grossbritannien. Doch sie ist auch trauriger geworden nach allem erfahrenen Leid aus ihrem Umfeld der letzten Monate, das sich in all den Berichten anderer Menschen aus Williamsburg, Venezuela, Marseille, Minsk, Jerusalem oder von Marrakesch bis Antwerpen und Berlin ebenso widerspiegelt.


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Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 12.3. 2021
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.