ta dolo2 1Serie: Frau EMMA und die Dolomiten Höhenwanderung,  Teil 2/3

Thomas Adamczak

Niederdorf /Pustertal (Weltexpresso) - Die Dolomiten gehören zum UNESCO-Welterbe. Insgesamt umfassen die Wanderwege in den Dolomiten etwa 13.000 km naturbelassene und markierte Wege.

Die hier vorgestellte Höhenwanderung beginnt auf der rechten Seite des Pragser Wildsees und führt um diesen herum bis zum südlichen Seeufer, wo der Aufstieg beginnt. Der Wildsee liegt 1494 m über dem Meeresspiegel. Zum höchstgelegenen Punkt der ersten Tagestour kommt der Wanderer bei der Seekofelhütte, die auf einer Höhe von 2.388 m liegt. Der Gipfel des Seekofel liegt deutlich höher (2810 m), sodass man, auch nach einem Aufstieg von ca. 900 m nicht den Eindruck gewinnt, jetzt habe man es geschafft und sei ganz oben. Immer thronen bei einem solchen Höhenweg noch etliche Berge über dem Wanderer, was diesen zu Bescheidenheit mahnt.

900 m Aufstieg an einem Stück, gleich am ersten Tag. Vorfreude, gemischt mit einer gewissen Unsicherheit, wie es um die körperliche Fitness bestellt ist. Wie schnell gehe ich an? Wann mache ich die erste Pause? Wie oft mache ich eine und in welchen Abständen? Langt der mitgenommene Proviant? Vor allem das Wasser? Zieh ich bereits zu Beginn des Anstiegs die Windjacke aus oder erst später? Fragen über Fragen, deren Beantwortung sich im Laufe des Tages ergibt. Dafür stellen sich neue.

Als ich mit der Wanderung begann, war die umliegende Dolomitenwelt kaum zu sehen. Wolkenberge verdeckten weitgehend die Sicht. Von unten sieht man die Wolken, aber man merkt beim Aufstieg nicht, wann man quasi eine Wolke betritt, denn es öffnet einem ja keiner die Tür und sagt, dass man gerade durch eine Wolke stiefele.

Man spürt es am leichten Nieselregen, an der immer stärker eingeschränkten Sicht, dass man sich wohl im Bereich einer Wolke befindet. Was war gleich noch mal der Unterschied zwischen Nebel und Wolken? Keine Ahnung, denke ich beim Aufstieg und wundere mich, dass ich über den Unterschied noch nie nachgedacht und auch noch nie etwas gelesen habe.

Der von mir begangene Dolomiten Höhenweg umfasst fünf Tagestouren mit sechs Übernachtungen. Die Übernachtungen sind in Schutzhütten, zu denen kein Gepäcktransfer möglich ist, oder in Hotels im Tal, von denen am folgenden Tag der Transfer zum jeweiligen Ausgangspunkt der nächsten Tagestour vom Veranstalter organisiert wird.

Das Informationspaket des Veranstalters »FUN Active Tours« enthält ausführliche Materialien zum Dolomiten Höhenweg: topographisches Kartenmaterial, Wegbeschreibungen mit nummerierten Fotos und präzisen Kilometerangaben zu den Stellen der Tagestour, an denen es eventuell Unsicherheiten über den Wegverlauf geben könnte. In die Bildaufnahmen sind sogar rote Pfeile gezeichnet worden für diejenigen, bei denen zum Beispiel bei der Angabe »KM 5,7 über die Brücke, dann rechts weiter« (Station 4 auf der Etappe 2 vom Rifugio Fodara Vedla nach Cortina d’Ampezzo) noch irgendwelche Zweifel bestehen könnten.

Des Weiteren gibt es Angaben zu der ungefähren Dauer der Tagestour, der Gesamtzahl der Höhenmeter (Auf-und Abstiege), das Höhenprofil und die Beschaffenheit der Wege. Unterschieden wird zum Beispiel zwischen Weg und Pfad, wobei sich natürlich keine Angaben dazu finden, ob der Weg besonders felsig oder steinig ist und ob den Wanderer Nässe, Matsch (bei Dauerregen) oder gar Schnee erwartet. Zum Glück lassen sich Witterungsverhältnisse langfristig noch nicht vorhersehen.

Bei mir und den vier Wanderern, die zufällig zur gleichen Zeit mit mir die Fernwanderung begannen, war es so, dass wir jeden Tag der insgesamt fünf Tagesetappen ganz unterschiedliches Wetter hatten. Ein Tag war völlig klare Sicht, sodass wir die prächtige Kulisse der Dolomiten in vollen Zügen bewundern und genießen konnten: gewaltige Felsblöcke, riesige Schollen, Gipfel, die wie gemalt in den Himmel ragen, merkwürdige Felsformationen, die aus der Ferne wie gefrorene Gicht wirken, zackenförmige Felspassagen und imposante Felstürme.

ta dolo2 2Auf der Tagestour von der außerordentlich eindrucksvoll gelegenen Schutzhütte Fodara Vedla, von der später noch die Rede sein wird, nach Cortina d‘Ampezzo regnete es ununterbrochen von Beginn an bis zum Eintreffen im vorgebuchten Hotel in der Olympiastadt. 7 Stunden hintereinander ununterbrochen Regen! Anfangs gibt es noch Gespräche zwischen den Wanderern. Man geht ein Stück zusammen des Wegs, aber der Dauerregen lässt die Gespräche bald immer einsilbiger werden, zumal wenn der unvermindert fallende Regen endgültig den Sieg über die angeblich regenfeste Kleidung davongetragen hat. Die Nässe kriecht irgendwann erbarmungslos unter jeden Regenschutz, bis man das Gefühl hat, dass von den Socken bis zur Unterwäsche alles vor Nässe trieft.

Die anfänglich noch gute Stimmung lässt nach, verschwindet spätestens nach 3-4 Stunden ganz. Von der Bergwelt ist gar nichts zu sehen. Man guckt in eine stofflose Leere und fühlt sich entsprechend. Die Wege werden immer rutschigen, die Schritte, zumal wenn es abwärts geht, vorsichtiger. Nur noch ankommen will man, endlich das nasse Zeug ausziehen, unter die Dusche, was Trockenes überwerfen.

ta dolo2 3Doch das Merkwürdige ist, an solche Tage, Tage nicht enden wollenden Regens, kann sich jeder Wanderer später besonders gut erinnern. Im Nachhinein macht das Gedächtnis aus dieser Erfahrung, auf die man an dem jeweiligen Tag gern verzichtet hätte, etwas besonders Erinnerungswertes, gar nicht mehr Unangenehmes. War doch eigentlich, denkt man, ein toller Tag, einmal für mehrere Stunden nur im Regen zu gehen! Ein unverhofftes Beispiel für die Umwertung aller Werte?

Fotos:
1: Seekofelhütte in den Wolken © Cora Bergmeier
2: Forcella di Giau © Susanne Bergmeier
3: Wegkreuzung bei strömendem Regen© Cora Bergmeier


Info:
http://www.italybike.info/de/wandern/dolomiten-hoehenweg/

https://www.eurohike.at/de/reiseziele/wanderreisen-italien/dolomiten-hoehenweg-7-tage