Bockwindmuhle by Horst Schroder pixelio.deHistorische Straßen und Plätze in Berlin-Schöneberg, Teil 2 /2

Harald Lutz

Frankfurt am Main / Berlin (Weltexpresso) – Vier grobe Knicke zwischen Kaiser-Wilhelm-Platz und Dudenstraße verweisen noch heute auf den alten Feldweg und die Viehdrift des ehemaligen Dorfes Schöneberg bei Berlin. Auf dem Weg zu den Weideplätzen und Feldern der Nachbargemarkungen Tempelhof und Rixdorf mussten zunächst die Gehöfte der heimischen Bauern umrundet werden.

Überwiegend Altbauten aus der Gründerzeit bestimmen das Stadtbild an der Kolonnenstraße

Heute sieht es an der im Jahre 1871 gepflasterten Straße allerdings ganz anders aus: Der ehemalige Feldweg hat sich in eine teilweise sechsspurig ausgebaute Verkehrsader Berlins verwandelt. Überwiegend Altbauten aus der Gründerzeit, in die sich so manche neuzeitliche Spielhölle eingenistet hat, bestimmen das Stadtbild. Auch zwei S-Bahn-Gleise werden mithilfe der Julius-Leber- und der Kolonnenbrücke überquert. Die alte Berlin-Anhalter- und die Berlin-Potsdamer Eisenbahn führten quer durch das Gemeindeterrain und schufen damit die Schöneberger „Insel“– bekannt nicht zuletzt durch ihr bereits von Weiten beeindruckendes Gasometer-Industriedenkmal.


Zu Kaiser Wilhelms Zeiten marschierten Truppen in der Kolonnenstraße

Gasometer Schoneberg by Henrik G. Vogel pixelio.deDie Breite der Straße liefert schließlich auch den Schlüssel für die Namensgebung. Zu Kaisers Zeiten marschierten hier die in Charlottenburg und Moabit stationierten Truppen auf das Tempelhofer Feld, dem Übungs- und Paradeplatz der Berliner Garnison. Der Anmarschweg wurde einst so weiträumig angelegt, damit Artillerie-Kolonnen ihn in geschlossener Formation passieren können.

Noch heute erinnert das Seniorenheim an der Kolonnenstraße 30 an vergangene Tage. Das Gebäude diente einst Eisenbahninfanterie als Unterkunft. Diese mobilen Einheiten wurden erstmals im deutsch-französischen Krieg 1870/71 aufgestellt. Aufgrund der wachsenden Bedeutung der Schienenstränge auch für die Militärstrategen wurden zwischen Kolonnen- und Monumentenstraße zwei weitere Kasernen für diese Spezialeinheiten aus dem Boden gestampft. Von 1875 an verband ein Militärbahnhof Schöneberg mit dem Schießplatz im Kummersdorfer Forst bei Zossen.


Relief-Medaillon im Schöneberger Radhaus hält die Erinnerung an die Windmühlen wach

Ein Muss für jeden Berlinbesucher ist das Schöneberger Rathaus, ehemaliger Sitz des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, am John-F.-Kennedy-Platz, das von der Kolonnenstraße aus über Haupt- und Dominicusstraße in wenigen Minuten erreicht wird. Ganz in der Nähe liegt der kleine hufeisenförmige Straßenzug Am Mühlenberg. Mit Getreide-Säcken schwer beladene Esel schleppten hier einst ihre Last zu einer Windmühle. Das runde Relief-Medaillon im Portalflur V des Schöneberger Rathauses hält die Erinnerung an die Historie wach: Zwischen 1761 und 1888 zierte eine Bockwindmühle die nahe Anhöhe Am Mühlberg zwischen Alt-Schöneberg und Wilmersdorf. Heute stehen an dieser Stelle Miethäuser im Charme der 1950er Jahre.

Zu Urgroßvaters Zeiten war das Bild südlich von Berlin von der Landwirtschaft bestimmt. Nur wenige Wege verbanden die einzelnen Dörfer miteinander. Entlang des Landwehrkanals schlängelte sich ein Pfad, der rechts und links von Windmühlen gesäumt war. Bei ihren Spaziergängen durch Wiesen und Felder konnten unsere Vorfahren bei guter Fernsicht an die 40 Mühlen der verschiedensten Bauarten bewundern. Das erste Schöneberger Getreide wurde im Jahre 1751 von Müller Ziege an der heutigen Langenscheidt- Ecke Monumentenstraße gemahlen. Bis zu diesem Tage mussten die ansässigen Bauern ihre Ären über die sandigen Wege nach Wilmersdorf oder zu den weit entfernten Mühlen am Mühlendamm fahren.


Die erste Schöneberger Windmühle ging im Siebenjährigen Krieg in Flammen auf

Während des Siebenjährigen Krieges ging die erste Schöneberger Windmühle beim großen Brand am 7. Oktober 1760 in Flammen auf. Der geschäftstüchtige Müller Hampe nutzte diesen Schicksalsschlag für den Wiederaufbau 1761 an günstigerer Stelle: An der Grenze zu Wilmersdorf gewann er neue Kunden aus der Nachbarschaft.

Die Mühle wechselte in den Folgejahren samt Arbeitswagen und Geschirr häufig den Besitzer. Müller Rosenkessel – der letzte Schöneberger dieser Zunft – stieg durch Verkauf von Grund und Boden an den Magistrat in den Kreis der sogenannten Millionenbauern auf. Die Stadtoberen von Schöneberg hatten sich in den Kopf gesetzt, ihr neues Rathaus am alten Mühlenberg zu erbauen.

So geschah es dann auch: Nur einen Steinwurf entfernt, wurde 1911 der Grundstein für das Schöneberger Rathaus gelegt. Die alte Bockwindmühle war damals schon Vergangenheit: Zuerst wurde sie nach Mariendorf „verpflanzt“ und 1907 nach Wünsdorf im Kreis Zossen. Dort war die Mühle noch bis 1954 in Betrieb.

Fotos:
Bockwindmühle
© Horst Schröder / PIXELIO

Gasometer auf der Schönberger „Insel“
©Henrik G. Vogel / PIXELIO

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Info: 
Harald Lutz lebt und arbeitet als Fachjournalist und Technikredakteur in Frankfurt am Main.