WB zeitEin Gespräch mit dem Zeithistoriker Christoph Cornelißen in der soeben erschienenen Ausgabe von Forschung Frankfurt

Susanne Sonntag

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Man kann die Ausgaben dieser Zeitschrift der Universität Frankfurt auch online lesen. Es lohnt sich. Diesmal geht es um: Zeiterleben und Zeitbewusstsein sind für Menschen von fundamentaler Bedeutung. Nur menschliche Gesellschaften haben ein Bewusstsein ihrer Geschichtlichkeit und ihrer Geschichte.

Wie es darum vor allem in der Gegenwart bestellt ist – darüber sprach der Philosoph und Publizist Dr. Rolf Wiggershaus mit Christoph Cornelißen, Professor für Neueste Geschichte an der Goethe-Universität, in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (1/2017).

„Neueste Geschichte“ zielt letztlich darauf, die Gegenwart als Geschichte zu begreifen. Doch was bedeutet das angesichts einer Gegenwart, für die eine bisher nie dagewesene Veränderungsdynamik zum Normalzustand geworden ist? Zukunft wird immer nur als gegenwärtige Zukunft und Vergangenheit nur als gegenwärtige Vergangenheit wahrgenommen. Diese Erkenntnis lässt sich bis zu Augustinus zurückverfolgen, aber heute hat sie eine besondere Brisanz. Der Rekurs auf traditionelle Ordnungen und überlieferte Werte funktioniert nicht mehr, wenn die Veränderungsdynamik zu groß ist. Gleichzeitig scheinen die Zeiten sozialer Utopien vorbei, es haben nur noch technische Verheißungen Hochkonjunktur, die von digitaler Revolution, Internet der Dinge und Optimierung des Menschen zu einer hybriden Spezies künden, so Wiggershaus in seinem Beitrag.

Doch dem, so betont Cornelißen, stehen nach wie vor Faktoren gegenüber, die Vergangenes gegenwärtig machen. Als der lange säkulare wirtschaftliche Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1970er Jahren an ein Ende kam, wurde Vergangenheit zunehmend zu einer Ressource, um neue Haltepunkte für die Orientierung in der Gegenwart und für die Positionierung im Hinblick auf die Zukunft zu gewinnen. Denkmäler, Gedenkfeiern und Historikerdebatten wurden zu Elementen einer „Erinnerungskultur“ nach dem Niedergang traditioneller Erinnerungsgemeinschaften. In Deutschland wurde die Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu einem Referenzpunkt der politischen Kultur.

Untergründig sieht der Gegenwartshistoriker zudem ein Drei-Generationen-Modell wirken. Was in Familienverhältnissen anschaulich wird, wenn Informationen und Erlebnisse von Großeltern bis zu den Enkelkindern weitergegeben werden, gilt auch in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen: Es gibt „gelebte Bezüge“, die als historisch übergeordnete nicht bewusst zu sein brauchen. Sie sorgen aber für die Bereitschaft, sich trotz der Diskrepanz von Vergangenem und Gegenwärtigem und trotz gesteigerter Unberechenbarkeit der Zukunft mit der Erinnerung an Vergangenes und Aussichten für die Zukunft zu befassen und eine gegenwärtige Brücke zwischen ihnen zu bilden. Die Herausforderungen für solche „gelebten Bezüge“ sind groß, wenn man bedenkt, dass nachfolgenden Generationen weniger blühende Kulturlandschaften denn Ewigkeitslasten wie Atommüll, Bergbauruinen und Klimawandel zu jahrhundertelanger Pflege hinterlassen werden.

Eben das zu bedenken, dabei zu differenzieren zwischen der Weitergabe heute entstehender Probleme und der Weitergabe heutiger Leistungen an kommende Generationen gehört zu den Themen der Zeitgeschichte. Nachdem sie spät und bloß als eine Randerscheinung begann und erst im 20. Jahrhundert in den Kanon der modernen Geschichtswissenschaft aufrückte, ist sie inzwischen zum Inbegriff reflektierter, zeitbewusster Historiografie geworden. Der Zeithistoriker, so Cornelißen, sucht deutlich zu machen, dass nicht sich angleichende Zeitregime die Welt retten werden, sondern es vielmehr darum geht, eine Vielfalt von Lebensentwürfen zu ermöglichen. Keine leichte Aufgabe angesichts starker Propaganda für eine künftige Gigabit-Gesellschaft, in der alles mit allem und alle mit allen per turboschnellem Internet verknüpft sein sollen. „Technische Vorwärtspanik ohne gesellschaftliches Ziel scheint die Signatur unserer flüchtigen Gegenwart zu sein“, meint Wiggershaus.

Foto: © warum-leben-wir.de

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