mufti 2Wie der Mufti von Jerusalem seiner Verhaftung entging, Teil 2/4

Matthias Küntzel

Hamburg (Weltexpresso) - Der Mufti und dessen Anhänger lehnten hingegen die Teilung nicht nur ab. Sie sorgten dafür, dass arabische Unterstützer der Teilung ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Am 14. Juli 1937 fasste der Jerusalem-Korrespondent der London Times die damals vorherrschende Stimmung in Palästina durchaus treffend zusammen:

„Solange der Mufti von Jerusalem seine gegenwärtig einflussreiche Position beibehält, scheint es kaum eine Chance zu geben, dass ein Befürworter [des Teilungsplans] seine Stimme erhebt. Als der Streik Ende letzten Jahres zu Ende ging, hatte das Prestige des Mufti stark gelitten. Zahlreiche Araber hatten das Gefühl, dass er sie in einen erschöpfenden Kampf geführt habe, die ihnen große materielle Verluste und wenig Vorteile eingebracht habe. Aus diesem Grund folgten seit kurzem viele prominente Araber der Führung der Nashashibi-Familie und distanzierten sich von der Führung seiner Eminenz. ... Als der [Peel-]Report erschien, nahmen sie an, dass die darin geäußerten Kritikpunkte am Mufti zu dessen prompter Absetzung führen würden. Jetzt aber, wo sie erleben, dass dieser noch im Amt und in der Lage ist, die Maschinerie der Agitation und der Unruhestiftung zu steuern, sind sie verlegen. Soll der Teilungsplan durchgehen, muss die Position des Mufti zwangläufig eliminiert werden. Daraus folgt, dass dieser sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Jedweder Araber, der einen versöhnenden Schritt unternimmt oder den Teilungsplan nicht als vollständig unmöglich ablehnt, kann damit rechnen, als ein Verräter gebrandmarkt und dem Terror ausgesetzt zu werden. ... Sowohl aus arabischer wie auch aus jüdischer Sicht ist klar, dass des Muftis Verbleib in seiner gegenwärtigen Position jedwede wohlwollende Prüfung des [Peel-]Berichts verhindert.“[3]

Ein ausführliches Schreiben von September 1937 an Chaim Weizmann, dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, bestätigt das von der Times gezeichnete Bild. Darin beklagt Bernard Joseph, der Autor,

„die fast vollständige Terrorisierung der arabischen Sektion durch den Mufti und dessen Entourage ... Ein arabischer Prominenter nach dem anderen, der nicht zu seinen Unterstützern gehörte und es wagte, ihm zu widersprechen ... wurde kaltblütig von dessen terroristischen Gangstern ermordet. ... Die Situation hat sich bis heute so schrecklich entwickelt, dass die gesamte arabische Community in ständiger Angst vor diesen Terroristen lebt. ... Solange der allmächtige Mufti nicht abgesetzt ist, kann auf die Entwicklung einer moderaten arabischen Haltung hinsichtlich der Teilung nicht gehofft werden.“

Joseph legte seinem Brief eine Liste prominenter Araber, die während der vorangegangenen Monate erschossen oder angegriffen wurden, bei.[4]

Somit war klar: Wollte man den Teilungsplan realisieren, musste man den Mufti deportieren. Um den Teilungsplan zu sabotieren, reichte es hingegen, den Mufti in seinem Amt zu belassen.


Die Verhaftung scheitert

Immerhin blieb der oben zitierten Times-Artikel nicht ohne Folgen. Noch am selben Tag schickte William Ormsby-Gore, der Kolonialsekretär der britischen Regierung, ein Telegramm an Sir Arthur Wauchope, dem Hochkommissar für Palästina und bat um Auskunft, ob der Times-Bericht der Wahrheit entspreche und ob „die Deportation des Mufti oder eine andere Aktion gegen ihn ergriffen werden kann.“[5]

In seiner Antwort vom 16. Juli räumt der Hochkommissar ein, „dass moderate Araber aus Angst vor Vergeltungsakten fürchten, ihre wirkliche Meinung zu sagen“. Er warnte vor Unruhen, die bei einer Aktion gegen den Mufti ausbrechen könnten, schloss aber seinen Brief mit der Einschätzung, „dass es im Interesse von Palästina wie auch im Interesse der [britischen] Regierung erforderlich sei, den Mufti und [dessen Mitarbeiter] Ouni Bey unverzüglich zu deportieren, und die damit verbundenen Risiken in Kauf zu nehmen.“[6]
Fortsetzung folgt

Anmerkungen:

[3] BNA, CO 733/326/5, Partition of Palestine, in: Times, 14. Juli 1937.

[4] BNA, CO733/332/11, Brief an The Jewish Agency for Palestine, September 22nd, 1937.

[5] BNA, CO733/352/3, Cypher Telegram from the Secretary of State for the Colonies to the High Commissioner for Palestine, sent 11.15 p.m., 14th July, 1937.

[6] BNA, CO733/352/3, Cypher Telegram from the High Commissioner for Palestine to the Secretary of State for the Colonies. Dated 16th July, 1937.

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Info: Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Veröffentlicht auch in Mena-Watch Wien, 05.07.2017.0