hz Gedenkstatte Judengasse opt 2 2017Das Symposium des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt überdachte den Börneplatz-Konflikt von 1987 neu, Teil 2/2

Heinz Markert

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Das Symposium bot den Vortragsredner Joseph Cronin (London) auf, der Details zu Hintergründen des Konflikts von 1987 um die Fundstätte der Ghettozeugnisse an der früheren ‚Judengasse‘ beitragen konnte - die zu denken geben.

Abgesehen von den auch wertvollen Beiträgen der anderen Vortragenden, vermochte er aus einer Schatulle zu berichten, die ihm nicht näher benannte Informanten, die auch Zeitzeugen waren, gefüllt hatten, indem sie ihm Kommentare‚ 'wie aus der ersten Reihe‘ hinterbrachten und zusteckten. Es gab und gibt noch erheblichen Aufklärungsbedarf, sobald das, was noch unter Verschluss ist, zugänglich werden sollte.

Zur Vorgeschichte: 1816 wurde der Ghettozwang zwar aufgehoben, die deutsch-jüdischen Einwohner des Viertels aber wurden hinsichtlich ihrer bürgerlichen Rechte nicht unmittelbar zu gleichberechtigten BürgerInnen. Das Ghetto verfiel und fast alle mehr oder minder verfallenden Häuser wurden abgerissen. Was lange in der Erde lagerte, kam 1987 ans Licht und führte zum Streit um den Umgang mit den geschichtlich zu uns sprechenden Relikten.


Die Pläne der Stadt Frankfurt waren schon fertig

Den Planvorgaben zum Bau des Stadtwerkezentrums habe die jüdische Gemeinde 1984 zugestimmt. Die Umstände, die dazu führten, waren mindestens unterschwellig abwertend und herabsetzend. Man darf von einer Entmündigung sprechen, die unter politischem Druck geschah. Ignaz Bubis war in den Tagen der Auseinandersetzung Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Er gab im Getümmel des Konflikts zu dass, wenn die Funde der Gemeinde früher bekannt geworden wären, sie sich damit beschäftigt hätte. Nachdem die Ämter der Stadt aber längst an der Gemeinde vorbeigezogen waren, „konnten wird nichts mehr einwenden“.

Salomon Korn, ab 1999 Vorstandvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Frankfurt, sprach dem Sinn nach im Juli 1986: in Sachen Börneplatz habe die Stadt es versäumt, ihre Pläne mit der Jüdischen Gemeinde und der Kirchheimschen Stiftung abzustimmen, daher sei die Verantwortung für den Bau allein in den Händen der Stadt geblieben.- Hans Küppers war der zuständige Planungsdezernent.- Erst nach drei schriftlichen Aufforderungen erhielt die Gemeinde Auszüge der Baupläne, wurde auch eingeladen. Doch war die Gemeinde über das Vorgehen der Stadt im Alleingang so befremdet, dass sie zu keiner Abstimmung in den eigenen Reihen mehr kam und ablehnte, nachdem auch der Sieger des Architekturwettbewerbs ausgewählt worden war.

Der Vorschlag der Kirchheimschen Stiftung war, eine historische Dokumentation zum Platz zu erstellen. Hierzu wurde ein Gestaltungswettbewerb für ein Mahnmal ausgeschrieben. Ein Charakteristikum war, dass die Jüdische Gemeinde zwei Parteien aufwies, die eine Kluft kennzeichneten. Für die Älteren war der Platz Vergangenheit, er sollte nicht neu erschaffen werden. Eine Kontinuität erschien als problematisch, verlangte weitläufige Erklärungen.


Eine Gemeinde, noch in Entwicklung

Für die jüngere Generation, die Nachkriegsgeneration, die in eine neue Ära hineingeboren wurde, war der Börneplatz ein Gedächtnisort, der nach Kontinuität verlangte. Sie hatte eine Entdeckung gemacht, die Erkenntnisprozesse beflügelte. Beim Streit um das Theaterstück Fassbinders, der in einer Bühnenbesetzung kulminierte, waren zuvor die Älteren noch Unterstützer des Protests; diese Sache erschien ihnen klar, am Börneplatz aber zögerten sie.

Es heißt, die Gemeinde sei nicht genügend gefestigt gewesen und habe sich daher zum Börneplatz abwartend gestellt. Es gab noch andere Fallbeispiel des Hin und Her, unter anderem mit dem Philantropin. Das Fassbinder-Stück war klarer, die Jüdische Gemeinde war in dieser Sache direkter angesprochen.


Die Rolle der Politik

Der Börneplatz und das Ghetto für die Frankfurter Juden wurde über lange Zeit mit dem Status des ‚Schutzjudentums‘ in Verbindung gebracht, das seit 1462 in Geltung war und keinen Konflikt mit der Obrigkeit vorsah. Das begünstigte auch die Gegnerschaft der CDU hinsichtlich einzugehender Absprachen zum Umgang mit der freigelegten Geschichtsstätte. Ebenso waren bereits 11 Millionen an Kosten aufgelaufen. So behinderte ein Moment des kaufmännischen und moralischen Gewissens die offene Auseinandersetzung.

Oberbürgermeister Wolfram Brück nestelte mit Klischees der Judenfeindschaft bzw. instrumentalisierte diese. Er drohte damit, dass im Konfliktfall antisemitische Tendenzen wieder aufkeimen könnten, ein Fall ‚jüdischer Einmischung‘ an die Wand gemalt werden und das Vorurteil, die Juden seien selbst schuld am Antisemitismus, wieder erhoben werden könnte. Die vornehmliche Ruhe- und Ordnungspartei (trotz Freie Fahrt für freie Bürger) CDU richtete gegen die BesetzerInnen auch umgehend den gewöhnlich üblichen Vandalismus-Vorwurf. Im Streitfall des Fassbinderstücks war man toleranter, denn der Bühnenfall hatte keine wirtschaftlichen Auswirkungen. Hier war das Arrangement kostenfrei.


Es lag am Geld

Eine Besetzerin warf später während des Dialogs mit dem anwesenden Publikum den Zwischenruf ein: „Es lag alles am Geld!“ So wurde auch die Ruine an der Judengasse in eine Hausecke verlegt. Sie wurde musealisiert. Eventuelle Kosten einer Umplanung hätten als Verschwendung von ‚Steuergeldern‘ angeprangert und der jüdischen Gemeinde zum Vorwurf gemacht werden können. Der Gemeinde wäre die Hauptlast zugeschoben worden, zumal da sie möglicherweise selbst noch tributpflichtig geworden wäre.

Micha Brumlik zog ein Fazit - eine Sprechtechnik, die er sehr wohl beherrscht -: ‚Ich denke, dass wir realistisch genug waren, dass die Vergangenheit nicht wieder zu errichten war, aber es waren steinerne Zeugen, die die Gemeinschaft repräsentierten – und die Kontinuität‘. - Im Fokus habe die Gelegenheit einer phantasievollen Identifikation gestanden. „Vergangenheit kann nur mit Phantasie wiederhergestellt werden“.

Am Ende des Tages sprach Eva Demski noch ein Fazit und ein persönliches Schlusswort: ‚Die kurze Zeit war schön‘. ‚So könnte es sein!‘. Die Trümmer wurden zur Möglichkeit und Chance des gemeinsamen Aufbruchs gegen das Vergessen und Verdrängen, im Sommer 1987, 40 Jahre nach dem 2. Weltkrieg.

Übrigens hätte eine Rekonstruktion eines Teils des ehemaligen jüdischen Ghettos, am Tor zum Osten gelegen, mindestens dieselbe Qualität und denselben Rang für die Stadt Frankfurt erlangen können, wie die augenblickliche Rekonstruktion der Altstadt am Königsweg, in Nähe des Römers. Historisches Fotomaterial als Grundlage für eine derartige Rekonstruktion gibt es in vorzüglichster Qualität.

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Info:
Symposium des Fritz-Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt, 30 Jahre danach · 20. August 2017, Museum Judengasse Frankfurt am Main