Bildschirmfoto 2018 05 13 um 15.00.22Ein Kommentar zur Gegenwart

Jacques Ungar

Tel Aviv (Weltexpresso) - Alle, die in Israel etwas zu sagen haben, oder wenigstens glauben, dieser Kategorie von VIPs anzugehören, lassen sich in diesen Tagen zu allen möglichen und unmöglichen Stunden zum iranisch-israelischen Raketentango im Norden des Jüdischen Staates vernehmen. Eingesetz hat diese von schrillen Dissonanzen geprägte Melodie in der Nacht zum Donnerstag. Wann sie verklingen wird, wagt noch keiner vorauszusagen.

Kraft seines Amtes war Verteidigungsminister Avigdor Lieberman am Donnerstag der wohl Wortgewaltigste unter der israelischen Prominenz. Zuerst meinte er, die IDF hätten als Antwort auf eine Raketenbarrage gegen den Norden Israels über Nacht «fast alle militärischen Infrastrukturstätten der Iraner in Syrien» zerstört. Es würde Jahre dauern bis Teheran diese Stätten wieder aufgebaut hätte.

«Wenn wir hier Regen haben», warnte der Minister an der jährlichen Sicherheitskonferenz von Herzliya, «werdet Ihr eine Flut bekommen». Sachbezogener fügte er hinzu, dass Attacken gegen israelisches Territorium «mit der grösstmöglicheh Gewalt» erwidert würden. Diese Worte verbergen die Information, dass die rund 20 Raketen, welche die iranische Revolutionswache in der Nacht zwischen Mittwoch und Donnerstag gegen Israel abgefeuert hatte, gar nicht auf israelischem, sondern hinter der Waffenstillstandslinie auf syrischem Gebiet niedergegangen sind, wie der Verteidigungsminister bestätigte: «Die Iraner versuchten, das souveräne Territorium Israels zu attackieren. Keine einzige Rakete landete aber innerhalb des  Staates. Niemand wurde verletzt, und nichts wurde beschädigt, und dafür müssen wir dankbar sein.»

Israel habe keine Absicht, die Spannungen zu eskalieren, betonte Lieberman, sei aber nicht bereit, irgendwelche Provokationen gegen sich zu akzeptieren. Schliesslich wurde Lieberman realpolitisch: «Es ist kein überwältigender Sieg. Zur Zeit beschränkt sich alles auf eine Konfrontation zwischen uns und der iranischen Revolutionswache in Syrien. Jeder will diese Konfrontation beschränken und in dieser Form behalten.»

Neben Lieberman meldeten sich am Donnerstag weitere israelische Politiker zu Wort. So warnte Gilad Erdan (Likud), Minister für öffentliche Sicherheit Iran: «Israel spielt und blufft nicht. In der Nacht haben wir Iran und dem Regime Assad eine wichtige Botschaft übermittelt:  Eine Botschaft der Entschlossenheit und Stärke.» Israel werde nicht aufhören, gegen die iranischen Kräfte in Syrien zu handeln, und wird keinem Versuch vergeben, die israelischen Bürger des Nordens anzugreifen. «Wir werden den religiösen Extremisten in Teheran nicht gestatten, in Syrien eine militärische Macht aufzubauen, die eine Gefahr für Israels Bürger darstellt. Wir machen das syrische Regime verantwortlich für alles, was auf seinem Boden vor sich geht.»

Knessetsprecher Yuli Edelstein (Likud) meinte via Twitter, dass Israel letzte Nacht seinen Feind und Iran eine klare Botschaft übermittelt habe: «Die Spielregeln haben sich verändert. Wir werden eine Bedrohung gegen die Sicherheit unserer Bürger ebensowenig tolerieren wie wir den Aufbau feindseliger iranischer Truppen unweit unserer Grenzorten dulden.» Seitens der Opposition äusserte sich Yair Lapid von der Zukunftspartei ähnlich. Israel werde keine iranischen Attacken auf sein souveränes Territorium tolerieren. «Wir erwarten, dass unsere Freunde und Alliierten Schulter an Schulter mit uns stehen.» Die Welt müsse im Kampf gegen den Terrorismus vereint sein, was bedeute, vereint zu sein «gegen Iran und seine Stellvertreter».

Der Abgeordnete Amir Peretz von der oppositionellen Zionistischen Union forderte mit einem Blick in die mittelfristige Zukunft die Regierung auf, sich auf eine «breitere Konfrontation» vorzubereiten. Zu diesem Zweck müssten zwei Milliarden Schekel lokalisiert werden, um sich mit den «Löchern in der Heimfront» zu befassen. Israel müsse weiter das Raketenabwehrsystem «Iron Dome» einsetzen und resolut jeden Feuerangriff auf Israel beantworten.

Noch vor der Raketen-Konfrontation von der Nacht auf den Donnerstag meinte Yaacov Nagel, der ehemalige nationale Sicherheitsberater Israels, ein Krieg gegen Iran lauere «nicht ums Eck» «Niemand will einen Krieg», betonte er. «Für gewöhnlich geschehen Kriege wegen Missverständnissen, oder weil die Leute zuviel über Kriege sprechen.» Die Iraner wüssten sehr wohl Bescheid über die israelischen Fähigkeiten und seinem Willen, sich zu verteidigen. «In der letzten Analyse wird es keinen Krieg geben, doch wenn Jemand uns auf die Probe stellen will, wird er leider erfahren müssen, wozu wir im Stande sein können.»

Auch Sima Shine, eine ehemalige Agentin des Mossad-Geheimdienstes, befasste sich in ihren Übelegungen mit der Kriegsfrage und kam zu einem eindeutigen Schluss: Israel und Iran würden sich auf einem Kollisionskurs befinden: «Iran will in Syrien bleiben, doch wir sind entschlossen, dies nicht zuzulassen. Verharren beide Seiten auf ihren Positionen, dann wird es mehrere Runden von Konflikten geben.» Wie in allen Konflikten werde die Lösung auch hier politischer Natur sein. Für den israelisch-iranischen Konflikt in Syrien gebe es keine militärische Lösung.

Einen eher langfristigen Aspekt brachten schliesslich die beiden ehemaligen israelischen Verteidigungsminister Moshe Arens und Moshe Yaalon mit ins Spiel. Ebenfalls an der Sicherheitskonferenz von Herzliya betonten sie die Wichtigkeit des Führens des «Kriegs zwischen Kriegen». Nur so könne Israel die Bereitschaft für künftige militärische Konflikte gegen seine Feinde aufrechterhalten. Das israelischer Sicherheitsestablishment sei laut Yaalon abgerückt von seiner «konzeptuellen Beschränkung, sich immer auf den vorigen Krieg vorzubereiten.» Das Land ruhe nicht mehr auf seinen Lorbeeren aus sondern blicke stattdessen sich entwickelnden, künftigen Bedrohungen entgegen. Das nenne man den «Krieg zwischen den Kriegen», und in diesem Zusammenhang würde man nicht zulassen, dass die verschiedenen Einheiten in der Region stärker würden.

Diese Vorbereitung rund um die Uhr auf den nächsten Konflikt ist sicherheitspolitisch aus der Sicht der nur partiell beteiligten zivilen Bürger vielleicht sogar beruhigend. Langfristig frustrierend und korrekturbedürftig ist hingegen die Tatsache, wie klein das Gewicht ist, das man auf allen Seiten der Konfliktsteilnehmer offensichtlich dem Frieden oder zumindest der Koexistenz als realistische Option einzuräumen bereit ist.


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© tachles

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 9. Mai 2018