Bildschirmfoto 2019 01 26 um 01.33.04Der Holocaust-Überlebende Eduard Kornfeld im Gespräch zum Internationalen Holocaust-Gedenktag, Europa und Migration

Yves Kugelmann

Zürich (Weltexpresso) - tachles: Sie überlebten den Holocaust, Konzentrationslager und Todesmarsch. Sie wurden 1945 von US-Soldaten befreit. Ihnen ist wichtig auch heute noch Zeugnis abzulegen. Weshalb?

Eduard Kornfeld: Weil sich die Geschichte leider zu wiederholen beginnt – man hat überhaupt nichts gelernt. Islamistische Selbstmordattentäter töten Menschen in Kirchen und Moscheen. Nationalisten bedrohen Minderheiten und Minderheitsrechte.


Befürchten Sie eine erneute ethnische Säuberung wie unter Hitler gegen Juden oder andere?

Das vielleicht nicht. Aber der Antisemitismus nimmt wieder zu. Wenn in Israel ein Palästinenser von Soldaten erschossen wird, ist das gross in den Zeitungen. Dass der Soldat mit einem Messer angegriffen wurde, steht dann ganz klein darunter. Israel wird von den Medien tendenziös immer als Täter dargestellt.


Ist in Europa der Antisemitismus tatsächlich wieder stärker geworden, als er den 1960er oder 1970er Jahren schon war?

Ja, ich finde, er hat zugenommen.


Macht es Ihnen Sorgen, dass in absehbarer Zeit die Generation der Zeugen nicht mehr da sein wird?

Sorgen? Ich versuche ja, mit meinen Aktivitäten einer Wiederholung der Geschichte vorzubeugen. Aber ob es nützt, kann ich nicht sagen. Manchmal, wenn ich meine Geschichte in Schulen erzähle, weinen die Jugendlichen zwar, und ich merke, dass es etwas bewirkt. Insbesondere, wenn ich den Menschen sage, dass sie sich vorstellen sollen, sie würden ihre eigenen Kinder oder Eltern im Gas ersticken sehen.


Haben Sie kurz nach dem Krieg, als junger Überlebender, zwischen den Deutschen und den Nazis unterschieden?

Nein. Ich habe mit ihnen nur das Schlimmste erlebt, was man sich vorstellen kann. Für mich waren sie alle gleich; ich sah alle als Massenmörder, die älter waren als ich.


Und heute?

Heute differenziere ich viel stärker und mache auch einen Unterschied zwischen den Generationen. Mit Elie Wiesels Worten: Die Welt hat geschwiegen. Aber es hat keinen Sinn, mit dem Finger zu zeigen.


Und wie haben Sie es erlebt, etwa während des Balkankriegs oder 2015 wieder Kinder aus den Flüchtlingsströmen in Lagern zu sehen?

Meine Familie mütterlicherseits lebte in Zagreb in Kroatien und wurde im Zweiten Weltkrieg ausgelöscht. Vielen Serben ging es gleich. Mit dem Balkankrieg habe ich mich also auf einer anderen Ebene aus­einandergesetzt, die sehr stark auch mit der Frage von Schuld und Rache zu tun hat. Die Haupt­erkenntnis für mich heute: Die Welt ist schlimm geblieben. Ich hadere eher mit der politischen Realität. Etwa, dass die Schweiz sich von Brüssel diktieren lassen muss, wen sie aufnimmt und wen nicht.


Dennoch: Sollten Schutzbedürftige nicht aufgenommen werden?

Man sollte sie zurückschicken und all die Milliarden nehmen, die hier dafür ausgegeben werden, um dort, wo sie herkommen, etwas damit aufzubauen. Israel ist ja auch zu einem blühenden Land geworden. Hier wird das Geld meist für Sinnloses verschwendet.


Die Deklaration der Menschenrechte und die Menschenrechtsorganisationen sind ja auch als Folge der Schoah entstanden. Ist es nicht legitim, dass westliche Staaten ein Recht auf Asyl einräumen. Oder sagen Sie: Mir hat man auch nicht geholfen?

Vieles hat natürlich mit dem zu tun. Aber die Menschenrechtsorganisationen sind zum guten Teil antiisraelisch, und von denen muss ich mir diktieren lassen, was zu tun ist? Da gibt etwa die Schweiz sehr viel Geld an Ungarn – an die damaligen größten Massenmörder, neben den Deutschen, den Polen und den Slowaken. Es werden Vermögen verschwendet, beispielsweise auch in Palästina, wo das Geld gegen Israel verwendet wird.


Sie waren ja damals selbst ein Flüchtling und Migrant. Wie stehen Sie den heute gegenüber Flüchtlingen und Migration.

Im Prinzip bin ich gegen die Aufnahme von Menschen aus fremden Kulturräumen und für die Hilfe vor Ort.


Das heisst, Sie teilen die Politik osteuropäischer Staaten, die Einwanderung nicht zulassen.

Es ist bekannt, dass ich aus meiner Geschichte heraus die Ungarn und die Slowaken hasse. Aber ich muss Ungarn Recht dafür geben, dass sie jetzt diese Islamisten und kaum integra­tionsfähigen Menschen nicht ins Land lassen.


Und wenn es jemals Krieg in Israel geben sollte und die Flüchtlinge Israeli wären?

Deshalb sage ich ja: Israel muss stark sein, denn israelische Flüchtlinge würden auch bei uns sicher nicht aufgenommen werden. Wenn Israel alles befolgen würde, was man von ihm verlangt, würde es nicht mehr existieren.


Sehen Sie denn überhaupt eine Zukunft mit einer offenen Gesellschaft?

Nein. Wer mir leid tut, sind allerdings die Schwarzafrikaner, die unter Dürre und Hunger leiden, deren Kinder verhungern. Doch statt sie hierher kommen zu lassen, müsste man dorthin gehen und mit all diesem Geld etwas aufbauen – und zwar mit vollem Herzen.


Würden Sie sich denn wünschen, dass sich Europa abschottet oder braucht unsere Gesellschaft Migration?

Ich finde, dass jedes Volk dort bleiben und Prosperität aufbauen soll, wo es lebt.


Und zu welchem «Volk» fühlen Sie sich zugehörig?

Ich identifiziere mich stark mit Israel, aber ich fühle mich als Schweizer und bin dankbar für die Schweiz. Ich bin nicht hier geboren, aber ich habe die gleiche Mentalität und musste mich gar nicht erst integrieren. Ich habe die gleiche Sprache und gleichen kulturellen Wurzeln.


Also ist es in Ordnung, wenn solche hier aufgenommen­ werden, die sich wie Sie integrieren?­

Ja, solange es um einzelne, begründete Fälle geht – aber nicht ganze Völker! Weshalb schweigt die Welt, wenn sehr reiche, arabische Länder ihren verfolgten Glaubensgenossen nicht helfen? Weshalb soll es dann Europa tun?


Glauben Sie, dass Europa seine nach dem Krieg geschaffenen moralischen Werte wird halten können?

Im Grundsatz waren diese Werte ja gut. Problematisch ist aber die reale Umsetzung und die Frage, wer wie aufgenommen wird. Sie wissen ja darüber hinaus, dass in Europa selbst die einzelnen Länder unterschiedlich konstituiert sind.


Weckt dieser Gedanke in Ihnen noch Wut?

Auf die Deutschen vielleicht – wie können Juden noch in Deutschland leben? Aus persönlicher Erfahrung weiss ich, dass viele, vor allem junge Deutsche, sich aufrichtig Mühe geben, und das anerkenne ich. Aber in jedem der Älteren, von denen viele unterdessen ja gestorben sind, habe ich einen Massenmörder gesehen. Und ich hatte früher starke Rachegefühle. Wut empfinde ich allerdings heute noch.


Wollten Sie, nach allem, was Sie erlebt hatten, denn nicht lieber in Israel leben?

Am Anfang wollte ich das nicht, weil ich ja Tuberkulose hatte und im jüdischen Heim Etania in Davos behandelt worden war. Danach musste ich noch ein Jahr jeweils montags behandelt werden, und ich wollte nicht riskieren, in Israel rückfällig zu werden.­ Ausserdem wollte ich hier einen Beruf er­­lernen. Danach habe ich mich selbstständig gemacht und plante eigentlich, in Israel zu leben und montags und donnerstags hier zu arbeiten. Meine Frau mit ihrer mitteleuro­päischen Erziehung bevorzugte es, hier zu bleiben. Meine Frau und meine Familie sind mein Ein und Alles.


Sie haben Krieg und totalitäre Regime erlebt. Europa blickt heute auf 70 Jahre Frieden und Prosperität mit demokratischen Staaten, die eine Verfassung haben. Ist das nicht Grund, darin eine Lösung für die Zukunft zu sehen?

So wie es heute ist: Nein. Jedes Land sollte Demokratie haben, aber ohne Brüssel, von wo befohlen wird, was zu tun ist. Auch die Schweiz wird ja unter Druck gesetzt. Ich bin beileibe nicht SVP-Mitglied, war früher eher sozial­demokratisch orientiert. Aber heute muss die Schweiz für sich schauen.


Auch die Schweiz hat eine konfliktbeladene Haltung zu ihrer Vergangenheit. Finden Sie die bisherige Aufarbeitung dieser Geschichte zufriedenstellend?

Da mangelt es nicht nur hierzulande, sondern praktisch überall. Aber ich fühle mich hier trotzdem wohl.


Was ist für Sie die wichtigste Lehre aus der Schoah?

Hinterfragen. 60 Prozent der Deutschen haben Hitler gewählt, doch die restlichen 40 Prozent sind mitgelaufen. Es gibt zweifellos gute Menschen,­ aber sie müssen hinterfragen. Alles hinterfragen und dadurch kein Mitläufer werden. Denn die Mitläufer sind immer Komplizen der Diktatur.


Foto:
Der Holocaust-Überlebende Eduard Kornfeld in Zürich
© tachles

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 25. Januar 2019