Bildschirmfoto 2019 03 23 um 02.56.27Szenen aus Jerusalem. Ideen für Rückkehr zur Normalität.

Jacques Ungar

Jerusalem (Weltexpresso) - In Jerusalem und Umgebung feiert man Purim, anders als in der ganzen Welt sonst, erst heute Donnerstagabend und morgen Freitag. Der folgende Artikel von Shoshana Kordova (JTA) kommt daher gerade zur richtigen Zeit.

Falls Sie sich in den letzten Jahren nicht ständig hinter einer Purim-Larve versteckt haben, haben Sie vielleicht bemerkt, dass in verschiedenen Wohnvierteln der jüdische Feiertag der Megillat Esther und der fröhlichen Stimmung mit der Zeit richtig Themen-besessen geworden ist: Ausgeklügelte Mischloach Manot (Schlachmones im aschkenasischen Volksmund) oder Geschenkkörbe, verbunden mit stundenlangen Vorbereitungen und der Suche nach dem perfekten Angebot, ganz zu schweigen von den zeitraubenden Bemühungen, alles richtig zusammenzusetzen. Und für verschiedene Familien ist dies erst der Anfang. Die nächste Phase kann ein Purimgedicht umfassen, das erklärt wie alles zu dem für dieses Jahr gewählten Thema und den entsprechenden Kostümen für die ganze Familie passt. Sogar die Purim-Seuda, das festliche Mahl am Nachmittag des Feiertags, ist vielleicht themenbezogen, passend zu Mishloach Manot und und den Kostümen. Das kann bis zur Wahl eines bestimmten Sportthemas gehen, bei dem nebst vielen anderen Gags das Tischtuch in den Farben des favorisierten Clubs gehalten ist. Und all das für eine Mahlzeit, wobei die Kinder möglicherweise noch ein spezielles Kostüm für die Schule oder den Kindergarten brauchen. Es stimmt mich richtig traurig, zu sehen wie der ursprüngliche Purim-Spass aus dem Tag verbannt und vielerorts durch unrealistische Normen ersetzt worden ist.

Das muss aber nicht so sein. Purim dreht sich letztlich um die Verantwortung der Gemeinde mit Königin Esther als leuchtendes Vorbild für die Errettung des jüdischen Volkes, egal, ob dies leichtherzig gefeiert wird oder mit einem ernsthaften Fokus auf den religiösen Geboten für den Tag und den entscheidenden Moment, in dem Esther realisiert, dass sie wahrscheinlich den Thron nur bestiegen hat, um ihr Volk zu retten. Einzelpersonen, Familien, Pädagogen und Gmeindeführer sollten dazu sehen, was sie tun können, um den Purim zu seiner ursprünglichen Form zurückzubuchstabieren, kombiniert mit einer Atmosphäre des echten Wohlbefindens und der Kooperation.
Hier einige Vorschläge:

Weniger Kinkerlitzchen: Wer sich nicht dem Club des Jahresthemas zugesellen will, konzentriert sich lieber darauf,  den Abfall zu minimieren. Wir verpacken beispielsweise unsere Mischloach-Manot-Geschenke in Lunchtüten aus Papier, die von den Kindern bemalt werden. Wer trotzdem das ganze Programm mitmachen möchte, der könnte einige Elemente seiner/ihrer Feier (im Umfang und in der Quantität) zurückschrauben, solange man sich dann immer noch gut fühlt.

Zedaka-Karten: Viele Organisation offerieren Zedaka-Karten für wohltätige Gaben. Diese können benutzt werden, um die meisten Mischloach-Manot-Pakete zu ersetzen für unerwartete Besucher mit Geschenkkörben. Man sie auch Freunden und Verwandten schicken, denen man die traditionellen, immer grösser werdenden Pakete nicht mehr nach Hause liefern will oder kann.
Mischloach Manot der Gemeinde: Gemeinden können jedes Mitglied/jede Familien zufallsgesteuert anweisen, jedes Jahr Mischloach Manot nur an eine Person oder deren zweien zu geben. Das hat den doppelten Vorteil, erstens die Gesamtzahl der Pakete zu reduzieren und zweitens sicherzustellen, dass niemand übersehen wird.

Einfache Kostüme: Gemeinden können einen Kostüm-Austausch mit vereinfachten Regeln für das Ausleihen, Verkaufen oder Mieten gebrauchter Kostüme organisieren, um den Eltern einen Teil der Test-Bürde abzunehmen.

Anstatt sich zu überlegen, welche Süssigkeiten am besten zu den Superhelden-Kostümen passen, oder wieviele Vasen mit kleinen Sportbällen und Snacks zu füllen sind, sollten wir alle dieses Jahr und in den kommenden Jahren einen Schritt zurücknehmen von dem, was aus Purm geworden ist und uns für den Gemeinde-Geist an Stelle des Wettbewerbs-Zwangs entscheiden.

Die Autorin ist eine in Israel lebende Schriftstellerin und Autorin. Sie schreibt vor allem für zahlreiche amerikanische Medien, unter anderem den Blog «Motherlode» der New York Times. 2017 schrieb sie einen Beitrag für die Anthologie «What Future» (sinngemäss: Was die Zukunft bringt).

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© tachles

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 22. März 2019