wpo arnoldsocial 1Vortrag über die Neuwerk-Bewegung

Hanswerner Kruse

Schlüchtern/Sannerz/Berlin (weltexpresso) - Manchmal trifft man sie heutzutage am Schlüchterner Bahnhof: Etwas verklärt und bäuerlich aussehende Menschen in einfacher unmodischer Kleidung, die von einem privaten Bus abgeholt werden.

Sie wirken wie Märchengestalten aus längst vergangenen Zeiten, aber dieser Eindruck täuscht: „Wir versuchen eigentlich nicht, ungewöhnliche Kleidung zu tragen, sondern wir versuchen, uns zurückhaltend und respektvoll zu kleiden. Wir wollen keine Kleidung tragen, die Status oder Wohlstand signalisiert“, sagen die Nachfolgenden der christlich-sozialistischen Bruderschaft, die in Sannerz vor einhundert Jahren im Rahmen der Reformbewegung Neuwerk gegründet wurde.

Politische Parteien, Religionsgemeinschaften, Kunstschaffende, Sportvereine oder Wanderfreunde suchten nach dem grauenhaften 1. Weltkrieg, der auch als Versagen des Bürgertums und der Amtskirche interpretiert wurde, nach einem Neubeginn. Das Bauhaus entstand, Jugendbewegungen gründeten sich, die Dadaisten trieben ihr künstlerisches Unwesen. Die Reformerinnen Lohelands siedelten sich auf dem Land bei Fulda an, um ihre Visionen für eine neue Welt zu leben.

Das Berliner Neuwerk fand, erstaunlicherweise, in Schlüchtern und Umgebung Gleichgesinnte: radikale Christen, die voller Illusionen die sozialistische Weltrevolution mit der christlichen Welterlösung verbinden wollten. Große, heute längst vergessene Geister wie Karl Barth, Martin Buber oder Paul Tillich besuchten den Bergwinkel. Natürlich gab es immer wieder Abspaltungen nach theoretischen Streitereien und heftigen Auseinandersetzungen innerhalb dieser Bewegung. Es waren keine einfachen Streiter die hier zusammentrafen, um den richtigen Weg zum christlichen Sozialismus zu finden.

Als praktische Alternative und Konsequenz aus dem Schmelztiegel diverser Strömungen und Ideen entstanden in Sannerz und Umgebung mehrere Projekte, in denen engagierte Christen ein neues Leben im Geiste der Bergpredigt und den Ansprüchen des Urchristentums als Bruderhof verwirklichen wollten. Bis heute leben sie ihre Grundsätze, kein Eigentum zu haben und in Einfachheit und vollständiger Freiheit von materiellen Gütern zu leben.

Im Vordergrund standen in der Gründungszeit keine Theorien, sondern der Wunsch endlich - hier und jetzt - das neue Leben praktisch beginnen. Wie die Lohländer Frauen gingen sie bewusst aufs Land, verwirklichten ihre Ideen mit gemeinsamer bäuerlicher Selbstversorgung und christlicher Freizeit- und Alltagsgestaltung. „Wir sind eine arbeitende Gemeinschaft von Jüngern Jesu, die alles verlassen, um ganz der Liebe und der produktiven Arbeit zu leben“, verkündete Eberhard Arnold, der Initiator des Bruderhofs.

Hier bekamen sie sehr viel Besuch aus den Großstädten, in denen sich ihr Ruf rasch verbreitet hatte: Allein im Jahr 1921 kamen 2.500 Gäste. Doch auf das Alltagsleben in Schlüchtern hatte diese bedeutende Entwicklung kaum Einfluss. Wahrscheinlich kämpften hier die einfachen Menschen zu sehr um ihr nacktes Überleben.

Aus dem Haus in Sannerz, wo alles begann, wurde sehr schnell das „SonnHerz-Haus“, eine schwärmerische Metapher für die Neuwerk-Bewegung, die sich auch als ein Ort der internationalen Begegnung und Versöhnung entwickelte. Die Lebensgemeinschaft war keine isolierte Insel, sondern wuchs beständig und umfasste bald etwa 80 bis 100 Erwachsene und Kinder. Zu weiteren ähnlichen Projekten, etwa dem Habertshof in Schlüchtern-Elm, bestanden Kontakte. Zum Ende der 1920er-Jahre wurde es im „SonnHerz-Haus“ zu eng und in der Rhön wurde ein großes Anwesen erworben.

Eine wichtige, aber seinerzeit recht ungewöhnliche Aufgabe stellte sich der Bruderhof dadurch, dass er auch für heimatlose Kinder einen Lebensort bot. Bis zum Naziterror, der das Gemeinschaftsleben beendete und die engagierten Christen zur Flucht ins Ausland trieb, entwickelten sich Beziehungen zu ähnlichen Gruppen in Nord-Amerika. Im Jahr 2002 kehrten einige der Vertriebenen nach Sannerz zurück, während sich weltweit bis heute mittlerweile etwa 3000 Menschen in zwölf Dörfern und zwanzig kleineren Hausgemeinschaften zusammenfanden.


Sonnenlieder
Ein Besuch im „SonnHerz-Haus“
Meine Frau Jutta und ich nahmen einige Male an den abendlichen Begegnungen der Bewohner in Sannerz teil. Auffällig war die warmherzige und aufmerksame Gastfreundschaft, als wäre es ganz normal, dass fremde Menschen einfach vorbeischauen. Die Gemeinschaft interessierte sich wahrhaft für ihre Gäste. Vor dem Abendmahl wurde neben vielen anderen das Volkslied „Kein schöner Land“ aus einem dicken Liederbuch, den „Sonnenliedern“, gesungen. Das schuf eine besondere, intensive Atmosphäre, die bei uns lange nachwirkt.
Clas Röhl (Schlüchtern)


Vortrag in Schlüchtern
Am Sonntag den 27. September um 17 Uhr wird Markus Baum einen Vortrag über die Neuwerk-Bewegung in der Stadthalle Schlüchtern halten. Baum ist der Verfasser einer Biografie über Eberhard Arnold, den Initiator dieser christlich-sozialistischen Bewegung in Berlin und Schlüchtern in den 1920er-Jahren. Einige Mitglieder des Bruderhofs „SonnenHerz“ (Sannerz) werden im Anschluss an den Vortrag von ihrem Leben berichten. Eine Veranstaltung des Heimat- und Geschichtsvereins. Eintritt frei, keine Anmeldung nötig.

Im Bergwinkel-Museum neben der Stadthalle in Schlüchtern besteht am Sonntag von 14 - 18 Uhr die Möglichkeit, einen Film über das Neuwerk zu sehen.


Info:
Sehr viele Fragen zum Bruderhof - etwa zur Kindererziehung, der Rolle der Frauen und Familien, zur gemeinsamen Arbeit usw. - beantwortet die sehr gut gestaltete und informative Webseite 
www.bruderhof.com

Foto:
(c) Hanswerner Kruse: Tanzende Menschen (Archiv Markus Baum): Ein bewusster Bruch mit der Kleiderordnung des Bürgertums: Die Kniebundhosen der Jugendbewegung und die offenen getragenen Kragen bei den Männern.

(c) Free Wikipedia: Liedersammlung „Sonnenlieder“