Haus des Rundfunks in Berlin 1Gleichen sich die öffentlich-rechtlichen Sender dem Niveau der privaten an?

Klaus Philipp Mertens

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Die Vorgänge beim ARD-Sender RBB könnten symptomatisch sein für die Situation bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Die Vorwürfe gegen die bisherige Intendantin scheinen kein singuläres Ereignis zu betreffen. Sondern strukturelle Defizite bei ARD und ZDF. Darauf wies der Frankfurter Theatermacher Michael Herl („Stalburg Theater“) in der Frankfurter Rundschau hin. Er forderte „blühende Fernsehlandschaften“. Allerdings wäre es treffender, zunächst von tristen Rundfunklandschaften zu sprechen, wenn man die Programmpolitik der ARD analysiert und kritisiert. Denn deren Angebot besteht aus Hörfunk und Fernsehen, jeweils ergänzt um die Präsenz im Internet.

Beim ZDF hingegen bleibt aus historischen Gründen der Hörfunk ausgespart. Konrad Adenauer und seine Medienlakaien wollten den vermeintlich links-liberalen bis roten Sendeplänen einiger damaliger ARD-Fernsehprogramme (vor allem von NDR und WDR) ein betont schwarzes, also nichtreflektierendes, Angebot entgegenstellen. 60 Jahre später fällt das ZDF häufiger durch ambitionierte Filme, Dokumentationen oder Talkshows auf, während das ERSTE in seinen Regionalprogrammen Georg Pichts These von der deutschen Bildungskatastrophe (erstmals 1964 vorgetragen) tagtäglich neu beweist.

Sämtlichen öffentlich-rechtlichen Sendern ist zudem die distanzlose Akzeptanz des „asozialen Netzwerks“ (Herl) gemeinsam. Sie nutzen es für die Anpreisung der eigenen Inhalte. Da sich die Zielgruppen von Facebook und Instagram allem Anschein nach mehrheitlich aus Päderasten, Hardcore-Pornografen, Rechtsradikalen (Querdenker & Co. eingeschlossen) und schlichten Gemütern zusammensetzen, versuche ich seit längerem den Gründen dafür nachzugehen. Meine Erkenntnis ist nicht von subjektiver Wahrnehmung geprägt, sondern ist das Resultat von Hunderten Berichten über Gerichtsverfahren gegen Angeklagte, die der Kinderpornografie, der Gewalt gegen Minderjährige und Frauen, des Betrugs sowie rassistischer und verfassungsfeindlicher Delikte, beschuldigt wurden. Für ihre Binnenkommunikation nutzten sie neben dem Darknet die asozialen Netze. Die ARD findet anscheinend nichts dabei, sich in schlechte Gesellschaft zu begeben und andere dahingehend zu animieren.

Auf eine entsprechende Anfrage, die ich an das gemeinsame ARD-Büro richtete, das für die Betreuung des Publikums zuständig ist, erhielt ich eine Antwort, die erkennbar aus vorformulierten Textbausteinen zusammengesetzt war und die mit keinem Wort auf mein Anliegen einging. Daraus habe ich geschlossen, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Aufgaben, welche ihnen die Medienstaatsverträge zuweisen, unzureichend umsetzen. Nach meinem Eindruck geht das vorrangig auf die Fehlbesetzung der Intendanzen und Programmdirektionen zurück. Zum einen werden Parteisoldaten, die politische Abhängigkeit garantieren, mit solchen Ämtern versorgt. Zum anderen hat man längst Abschied davon genommen, solche Positionen mit intellektuellen und klugen Persönlichkeiten zu besetzen (seltene Ausnahmen bestätigen die Regel). Eindeutig wird der Durchschnitt bevorzugt, die vielbeschworene politische Mitte, die lediglich mit mäßiger Bildung ausgestattet und absolut risikoscheu ist. Diese Defizite führen zu Eitelkeiten, welche das Gespür für Regelverstöße allmählich untergraben. Ob die bisherige RBB-Intendantin Patricia Schlesinger aus diesem Holz geschnitzt ist, kann ich nicht beurteilen. Die unwidersprochen gebliebenen Vorwürfe wegen unbotmäßiger Gehaltsvorstellungen und der Vermengung dienstlicher Angelegenheiten mit privaten lassen jedoch einen solchen Verdacht aufkommen.

Ähnlich wie Michael Herl verfolge ich mit Entsetzen die Kulturwüste in den dritten Fernsehprogrammen. Die x-te Wiederholung von Berichten über den Frankfurter Flughafen (unter bewusster Aussparung der Wasservernichtung auf diesem Areal) oder von „Tobis Städtetrip“, beides Serien im Hessischen Rundfunk, schüren mein Misstrauen gegen die Programmmacher. Denn auf den Regionalkanälen könnten die Sender ihre Basisnähe unter Beweis stellen. Nicht durch Homestorys über Produktinfluencerinnen auf Instagram, sondern beispielsweise über die Milieus, die sich in den Luxuseigentumswohnanlagen in Frankfurt angesiedelt haben. Oder über den SPD-Chef, der sich im Streit mit einer Mieterinitiative befindet. Oder über die Frankfurter Kulturdezernentin, die der Theaterdoppelanlage die notwendige Grundsanierung verweigert, weil sie sich der Hoffnung hingibt, in Kürze eine Milliarde Euro für einen Neubau locker machen zu können, obwohl alles dagegen spricht – von zurückgehenden Gewerbesteuereinnahmen bis zu den Kosten der Energiekrise und jenen für die Neuausstattung der Bundeswehr. Eigentlich liegen die Themen auf der Straße. Doch solange Intendanten den Blick dorthin meiden, wird sich bei der ARD nichts ändern.

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