So lange sie leben, wollen wir gut zuhören 

Leoni Vögelin

Basel (Weltexpresso) - Der 91-jährige Holocaust-Überlebende Shlomo Graber hat ein Buch über seine Jugend geschrieben – mit tachles spricht er wenige Tage vor dem Shoah-Gedenktag über das Leben früher und heute.

Mit nur 14 Jahren wurde Shlomo Graber, der 1926 in den Russischen Karpaten geboren ist, deportiert – er hat in den nachfolgenden Jahren drei Konzentrationslager (KZ) und einen Todesmarsch überlebt. Die Geschichte seiner Kindheit und Jugendjahre hat Graber nun im Buch «Der Junge, der nicht hassen wollte» ergreifend und einfühlsam geschildert, um der Jugend eine Botschaft und ein Plädoyer für die Nächstenliebe weiterzugeben. Er sagt: «Mein neuestes Buch umfasst nur meine Jugendgeschichte bis zu meiner Befreiung am 8. Mai 1945, und dieses Buch habe ich speziell für Jugendliche geschrieben.»

Im Alter von 91 Jahren besucht er Schulen in der ganzen Schweiz, um seine Geschichte zu erzählen, und er zieht die Schüler mit seinem eindrücklichem Bericht darüber, wie er die Lager Auschwitz, Fünfteichen und Görlitz überlebt hat, in seinen Bann. Graber betont: «Ich spreche lieber vor Schülerinnen und Schülern und jungen Menschen, weil sie die Zukunft sind, und weil sie die besseren Fragen stellen als Erwachsene. Erwachsene haben schon sehr viel über den Holocaust gehört und gelesen und haben meist auch schon eine vorgefasste Meinung zu dem Thema.»


Das große Schweigen

Heutzutage fällt ihm das Erzählen nicht mehr schwer. Beim Schreiben seines ersten Buches «Schlajme» vor gut 25 Jahren war dies noch ganz anders, wie Graber im Gespräch mit tachles erzählt. «Ich hatte keine Dokumentation und musste mich in meiner Erinnerung in jene Zeit zurückversetzen: Dies war sehr belastend und deshalb konnte ich jeden Tag maximal eine halbe Stunde schreiben.» Auch gesprochen hat Graber früher nicht von dem Erlebten. Er erklärt: «Meinen Kindern habe ich lange nicht erzählt, dass ich den Holocaust miterlebt hatte und dass ich drei KZs gewesen war, denn ich wollte meine Kinder nicht psychologisch damit belasten.» Einer weit verbreiteten Haltung entsprechend wurde geschwiegen, auch um Fragen wie «Warum habt ihr euch nicht gewehrt?» aus dem Weg zu gehen. An der Unmöglichkeit von Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime gibt es für Graber keinen Zweifel: «Wohl alle, die den Holocaust, diese perfekte Vernichtungsmaschinerie der Nazis, am eigenen Leib erlebt hatten, wussten, dass es keine Möglichkeit gab, sich zu wehren. Wohl deshalb schwiegen die meisten von uns einfach. Diese Haltung, nicht über den Holocaust zu sprechen, änderte sich dann schlagartig mit dem Eichmann-Prozess.»


Drang nach Freiheit

Nach der Befreiung zog es Graber, der einer zionistischen Gruppierung angehörte, ins Gelobte Land. Er erinnert sich: «Ich betrachtete es wie alle, die zu jener Zeit nach Palästina kamen, als eine selbstverständliche Pflicht, meinem Land zu dienen. Allerdings bin ich bis heute sehr glücklich darüber, dass ich nie wirklich an der Front kämpfen musste, sondern der Elektronik-Abteilung zugeteilt wurde. Dies auch, weil ich, am Anfang als in Israel war, immer noch geschwächt von der Zeit in den KZs war.» Der Drang nach Freiheit war alles für ihn nach Auschwitz. Aber was heisst Freiheit für einen Mann, der vier lange Jahre seines Lebens kaum mehr wie ein Mensch behandelt wurde? «Untermenschen» haben die Nazis die Häftlinge genannt. Anstelle von Namen erhielten sie Nummern. Graber hatte keine Identitätsausweise mehr. In Israel erhielt er das erste Mal in seinem Leben eine bestätigte Identität und eine Heimat, in der er nicht mehr dafür gehasst und verfolgt wurde, Jude zu sein. Diesen Moment, als er die Papiere in Händen hielt, die ihn zu einem Staatsangehörigen des Staates Israel, mit eigenen Rechten machten, vergisst Graber nie. Und er sagt heute: «Freiheit ist das höchste Gut des Menschen. Viele wissen dies heute nicht mehr zu schätzen. Vielleicht, weil schon 70 Jahre Frieden und Freiheit in Europa herrschen. Aber diesen Frieden und die Freiheit gilt es zu bewahren – dafür muss man sich, speziell die Jugend, jeden Tag einsetzen. Dies ist die wichtigste Botschaft überhaupt.»


Den Frieden wahren

Heute betrachtet Graber die Politik in der Schweiz mit betrübtem Blick, auch wenn er sagt: «Die Schweiz hat meiner Meinung nach eines der besten politischen Systeme die es gibt – direkte Demokratie mit Volksentscheid oder Föderalismus. Allerdings sehe ich auch eine gewisse Einmischung des Staates in persönliche Rechte, die manchmal zu weit geht.» Er fragt sich, was aus dem politischen Widerstand heute geworden ist – doch dann unterbricht ein Anruf das Gespräch und Shlomo Graber muss zu weiteren Terminen aufbrechen. Er wird weitererzählen, solange er kann, auch mit 91 Jahren noch.


Foto:
Shlomo Graber liest in Schulen aus seinem Buch, um der Jugend eine Botschaft und ein Plädoyer für die Nächstenliebe weiterzugeben (c) tachles



Info:
Shlomo Graber: Der Junge, der nicht hassen wollte. Riverfield Verlag, Basel 2016

Abdruck aus tachles, dem jüdischen Wochenmagazin vom 21. 4. 2017

 

 


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