Kulturstaatsministerin Monika Grütters Einsatz für die Bedeutung von Kunst und Kultur für Europa

Heinz Markert

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Es hat mittlerweile etwas Müßiges und Schwergängiges über eine Veranstaltung mit einem Politiker oder einer Politikerin zu berichten. Hat die gegenwärtige Politik denn überhaupt noch Wirkmacht, selbst wenn sie die hehre Kunst und Kultur ministeriell zur Herzensangelegenheit erklärt, während Kunst an intelligenteren Techniken des Umgangs mit der Welt arbeitet und die Politik ob deren Prosa und Kunstferne nicht für voll nimmt.
Ist Politik nicht längst entmachtet, während dumpfer Populismus und gnadenloser Egoismus multinationaler Wirtschaftsimperien die Macht übernommen haben? Hechelt Politik nicht hinter einer Lage her, die ihrem Einfluss entschwindet?

Haben im öffentlichen Auftrittsleben nicht die Satiriker das Zepter übernommen, indem sie Politik ununterbrochen zerpflücken? Die Sendungen der Comedians und Kabarettisten beherrschen immer mehr die Medien und sie verstehen ihr Handwerk nicht schlecht. Politik hat etwas Abgelebtes, ja Abgestandenes, ihre Autorität ist dahin.

Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hielt an der Fachhochschule Frankfurt am Main den Vortrag zum Thema: ‚Bedeutung von Kunst und Kultur für Europa‘. Was im Vorfeld und in Anbetracht der Wirkmächtigkeit von Kunst und Kultur (in Europa) geäußert wurde, war reichlich zutreffend, aber die Realität ist eine noch andere, wovon zu sprechen ist.

Michel Friedmann führte in den Abend ein, wandte sich gegen den wehmütigen Begriff von Heimat, den er reformulierte mit der Auskunft, die Heimat des neuen Jahrhunderts sei die gelebte Demokratie. Veranschaulicht wurde dies mit den später ausgezeichneten drei Preisträgerinnen des CAES (‚Center of Applied European Studies‘) - Fotowettbewerbs: „Europas Zukunft ist…“. Diese und andere Beteiligte am Wettbewerb hielten die Unvermitteltheit und Unverkrampftheit der Begegnungen junger Europäerinnen und Europäer in Fotos fest. Die Ausstellung ist im Foyer der Fachhochschule zu begutachten.


Europa bekam einen neuen Impuls aus der ZivilbürgerInnengesellschaft

Zwischengefragt: Was ist denn eigentlich die Nichtzivilbürgergesellschaft? Das wäre ein Thema für ein ganzes Buch.- Der Zusammenschluss ‚Pulse of Europe‘ schaffte den Neustart, Europa wieder ins angestammte Recht und angemessene Licht zu setzen mit Errungenschaften, die vielen Teilen der Welt noch in weiter Ferne liegen. Die europäische Freiheit und Demokratie reicht weit über Staatgrenzen hinaus, strahlt in die ganze Welt als vorbildliches Modell für das Zusammenleben. Heimat wird größer, es fing an mit ‚Urbi et Orbi‘ und das wird weitergelebt. Monika Grütters prägte den Leitgedanken: ‚Offenheit für Vielfalt‘.

Sie verwies auf die humanistische Tradition Europas. Europa ist ein Sinnbild für gewachsene Humanität, die europäische Heimat ist kein bloßer Standortfaktor und ist keiner Ausgrenzung zu Diensten. Es gleicht noch immer einem altehrwürdigen Denk‘mal. Frühere und gegenwärtige europäische Kulturschaffende und gebildete Köpfe bewegten sich immer schon über Grenzen hinweg, die Reihe der Weltkultur-BürgerInnen wurde angesprochen mit Namen wie Händel, Voltaire, Heine, Rilke, Zweigs, Ingeborg Bachmann und Edvard Grieg.

Es gibt ein großweltlich geistiges Heimatgefühl, das in Europa und in der ganzen Welt zunimmt, auch wenn es noch erst ein Privileg der kulturellen und künstlerischen Klassen ist, was es so nicht zu sein brauchte, wenn die Gesellschaften nicht gespalten wären. Die gemeinsamen Wurzeln liegen in der geistigen Heimat, die auch schon supranationale Herrscher der Vergangenheit in sich fühlten. Europa wurde im Mittelalter geboren, es reicht aber bis zurück zu den Exzellenzen der Griechen und Römer. Hoch entwickelte Kultur und Kunst sind das am verblüffendsten gemeinsame Merkmal der Länder dieser Welt.

Monika Grütters verwies auf das kommende Kulturerbe-Jahr 2018 -: 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges und 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Das Kulturerbe gründet wesentlich in Demokratie, Toleranz und Freiheit, im Miteinander der Vielzahl kultureller Brennpunkte und Gegenden, von denen an erster Stelle Paris zu nennen wäre (ganz nach dem Sinn von Heine). Rechtspopulisten erhöhen sich selbst damit, indem sie sich gegen andere wenden, sie anfeinden, sich gegen Vielfalt und Freiheit paramilitärisch zusammenrotten und gegen das stellen, was uns im gemeinsamen Ursprung verbindet.

Sie verweigern sich Argumenten, geben sich billigen Ressentiments hin, Auskotzen gehört zu ihrem Geschäft und das sich selbst Erhöhen auf Kosten anderer. Wer virtuell mit der Welt verbunden ist, meidet östliche Landesteile - außer Berlin -, die Heimaten von Pegida & Co.


Kunst und Kultur – regelmäßig von Ignoranten der Politik infrage gestellt

Das entschiedene Diktum am Abend war: In Europa soll Antisemitismus, Fremdenhass und Diskriminierung Andersgläubiger und Andersdenkender kein Feld mehr überlassen werden. Auch dem Import von Antisemitismus ist ein Riegel vorzuschieben. Daniel Barenboim hat mit dem West-Eastern-Divan-Orchestra ein Beispiel gesetzt für das selbstverständliche Zusammenwirken talentierter Musikerinnen und Musiker über alle dümmlich-menschlichen Grenzsetzungen hinweg. Monika Grütters verwies auf den Fall des European Union Youth Orchestra - das seit 1976 bestehende europäische Jugend-Ausbildungsorchester -, - dem nach 40 Jahren seines Bestehens der Geldhahn zugedreht werden sollte, was gerade nochmal verhindert werden konnte. 140 junge Musikerinnen und Musiker proben einen ganzen Sommer lang. Da geht es um Zuhören, Erfühlen, Erlauschen, der Tonart und der Angemessenheit des Tonsetzens nachspüren. Dies Besondere scheint nun als gerechtfertigt und wird ausgebaut.


Musik ist nicht zu untergraben, sondern flächendeckend zu fördern

Das war eigentlich das Skandalon des Abends. Besonders in Hessen soll die kulturelle Bildung ausgetrocknet und ihr die Mittel reduziert werden. Das ist ein Wahnsinn, der nur von Politikern ausgebrütet werden kann. Die Musik ist – Monika Grütters wies darauf hin - die am meisten Menschen und Volker verbindende Sprache und Energie. Musikerinnen und Musiker verstehen sich durchweg unmittelbar, können flugs miteinander, über Länder und Kontinente hinweg. Das ist eine Erfahrung, die zu der Erkenntnis führt, dass nicht Politik Welt heilt, sondern einzig und allein nur Kunst und Kultur dies können, speziell aber die Musik als die ‚allgemeinste Sprache‘ (dies als schlichte Erkenntnis Schopenhauers - der jeden Tag seinen Rossini auf der Querflöte spielte - erläutert in seinem Werk im Rang einer Erleuchtung)

Monika Grütters ist, wie sie sagte, im Zusammenhang mit den angedrohten Kürzungen dabei sich ihre Kultusministerkollegen vorzunehmen und ihnen das extrem Schädliche auszureden. Kulturelle und besonders musikalische Bildung ist der Kern von Bildung.

Kunst und Kultur müssen noch offensiver auftreten. Nicht Politik, Religion, Staat, Behörden und Ämter verbessern die Welt. Dies tun vornehmlich und dauerhaft Bildende Kunst, Schauspiel, Literatur und Musik. Am wichtigsten ist: jedes Kind muss die Möglichkeit und die Unterstützung bekommen, damit es ein Instrument erlernen kann. Die bisherige Politik darf dann einpacken und kann sich selbst abschaffen. Banausen haben ausgedient.


Foto: (c) hz

Info:

Vortrag von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zum Thema ‚Bedeutung von Kunst und Kultur für Europa‘ am 11.05.2017 · Frankfurt University of Applied Science, 60318 Frankfurt am Main, Nibelungenplatz 1