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Kategorie: Bücher

komplizinDIE KOMPLIZIN von Steve Cavanagh, neu im Goldmann Verlag

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Noch ehe man ein Wort vom eigentlichen Geschehen gelesen hat, wird die Frage auf dem Titel: „Ihr Mann ist ein Serienkiller. Was ist sie – Täterin oder Opfer?, für einen selbst wichtig. Und schon hat der erfahrene irische Thrillerautor, der seinen Strafverteidiger Eddie Flynn in New York agieren läßt, den Leser, die Leserin gepackt. Und läßt auch nicht los. Wirklich spannend. Und der siebte Fall für Flynn, wie wir lesen.

 

Auf diesen Krimi sind wir erst einmal über andere Kanäle aufmerksam geworden. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) führt seit Jahren die meistverkauften Bücher der Woche bei Hugendubel in Frankfurt auf. Und da kam letzte Woche direkt auf Platz 3 DIE KOMPLIZIN, was selten passiert, daß ein Krimi dabei ist – und behielt diesen Platz auch gestern. Daß der rote Aufkleber zusätzlich auf den „Spiegel-Bestseller-Autor“ verweist, langweilt einen inzwischen, weil gefühlt jeder zweite so prämiert wird, wobei man sich fragt, wie dieses Urteil zustande kommt.

 

Vorangestellt ist ein Auszug aus einem Märchen von Hans Christian Andersen, 1862, wo eine Geschichte vom Sandmann erzählt wird, der Kindern Sand in die Augen spritzt, so daß sie ihn nicht sehen können und dann kommt er von hinten...denn er ist der Tod. In der deutschen Literatur ist der Sandmann mit E.T.A. Hoffmanns gleichnamiger Erzählung von 1816 als schwarze Romantik besetzt, ebenfalls unheimlich. Doch das kann man alles vergessen, wenn im Prolog die Ermittlerin Delaney auf dem Grundstück der Millers auf Lauer liegt und mit ihrem Team auf den Hausherrn, den superreichen Daniel Miller wartet. Seit Jahren ermittelt sie und hat ihn als Sandmann dingfest gemacht, der vor allem Frauen, aber auch Männern den Tod bringt, siebzehn Mal, ihnen die Augen aussticht und Sand hineinträufelt. Doch sie wartet vergeblich und muß sich deshalb an dessen Frau, Carrie Miller wenden, die, entsetzt, ihren Mann für unschuldig hält. Bei der Hausdurchsuchung wird nicht nur Schmuck von den Mordopfer gefunden, sondern auch Blut auf einer Bluse der Hausherrin, weshalb Delaney sie wegen des Verdachts auf mehrfachen Mord verhaftet.

 

Erst jetzt beginnt Kapitel Eins und der Auftritt von Eddie Flynn, der in seiner Kanzlei Besuch vom Rechtsanwalt Otto Peltier erhält, der Carrie Miller vertritt, die Frau seines eigentlichen, aber verschwundenen Mandanten Daniel Miller, des Sandmanns. Icherzähler Eddie will auch im zweiten Kapitel nichts davon wissen, daß er die juristische Vertretung der angeklagten Carrie übernehmen soll, denn er ist der ausgewiesene Strafverteidiger, Peltier fühlt sich überfordert, außerdem kann er auch aus verfahrenstechnischen Gründen nicht mehr ihr offizieller Beistand sein, was Eddie akzeptiert und das Mandat annimmt.

 

In Kapitel 4 von 64 taucht erstmals der Sandmann auf, aber er spricht nicht direkt zu uns, sondern ein auktorialer Erzähler schildert, wie er mit seiner Bankkarte bezahlt und damit als meistgesuchter Mann Amerikas eine Lawine auslöst. Daß er genau das beabsichtigt hat, dämmert den Ermittlern nach und nach. Der Sandmann will seine Frau entlasten, die mit allem nichts zu tun hat, weswegen er sich stellen will, wenn die Anklage gegen seine Frau fallen gelassen wird.

 

Doch die gerichtliche Maschinerie ist angelaufen und nun kommt im Roman der Teil, der sonst den größten Raum einnimmt, die Verhandlungen selbst, in der die Strategie des gewieften Verteidigers kein Stein der Anklage auf dem anderen läßt. Da gibt es nur ein großes Problem. Carrie hat sich in Luft aufgelöst. Sie ist einfach verschwunden, der Prozeß läuft ohne sie, wobei Cavanagh mit den Passagen über die Geschworenen ein neues Faß aufmacht. Denn eine Geschworene ist eine Hundertfünfzigprozentige, verbittert und wild darauf, hier die Angeklagte zu richten. Mit welcher Intrige nun Flynn dafür sorgt, daß sie ins Aus gerät, und gegen einen harmlosen Mann ersetzt wird, ist witzig, spritzig und ganz schön gemein. Aber das ist das Geschäft eines Strafverteidigers.

 

Doch inzwischen gehen die Morde weiter, ja, er mordet die Hauptermittlerin, wie immer fehlen die Augen und liegt der Sand in ihren Höhlen. Der Sandmann pokert hoch. Er will sich stellen, wenn die Anklage gegen seine Frau fallengelassen wird. Er sucht sie übrigens auch. Doch sie bleibt erst einmal verschwunden. Das Lesen findet sozusagen automatisch statt, man mag das Buch nicht aus der Hand legen, weil der Autor im Plauderton die unterschiedlichsten Kapriolen schlägt, juristischer Art, psychologischer Finesse, handwerklichem Können. Wirklich allerhand und wir bleiben alle 474 Seiten dabei, lernen ständig neue Menschen kennen – und dann das!

 

Carrie Miller erscheint vor Gericht und wird dank Flynn triumphal freigesprochen von etwaiger Beihilfe, die Mordvorwürfe sind sowieso erledigt. Im Folgenden wird kein Stein auf dem anderen gelassen, es folgt die Umkehrung aller Erkenntnisse, Schuldige sind unschuldig und Unschuldige werden zu Schuldigen und Steve Cavanagh zieht keine der Taschenspielertrickskarte, sondern kann wiederum solide in alle Richtungen die eigentlich Schuldigen ausmachen. Das ist das Wichtige daran, daß hier nicht, wie oft, irgendetwas aus dem Hut gezaubert wird, sondern im Nachhinein die Verbrechen und Verbrecher schlüssig vor einem liegen. Ein starkes Stück Kriminalliteratur.

 
Foto:
Umschlagabbildung

Info:
Steve Cavanagh, die Komplizin, Goldmann Verlag 2025,
ISBN 978 3 442 49402 6