
Mirco Overländer
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Matthias Thoma ist Leiter des Eintracht-Museums und eine Instanz, wenn es um die Frankfurter Sport- und Fußballgeschichte geht. Im Interview spricht Thoma über das erste Fußball-Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft in Frankfurt, dessen völkerverbindende Wirkung – und eine daraus hervorgegangene innenpolitische Tragödie.
Herr Thoma, am 26. März 1922, also exakt vor 100 Jahren, trug die Schweiz gegen Deutschland im Stadion am Riederwald das erste Länderspiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt aus. War dies der Auftakt oder vorläufige Höhepunkt der Geschichte Frankfurts als Fußball-Metropole?

Es existieren Bilder, die Menschenmengen auf dem Frankfurter Römerberg zeigen, wie sie zuletzt nach dem Pokalgewinn der Eintracht zusammenkamen. War ein Länderspiel gegen die Schweiz seinerzeit solch ein gewichtiges Ereignis?

Es wird gemunkelt, die schweizer Schlachtenbummler hätten mit ihrem Erscheinen unwissentlich den Mord an Reichsminister Walther Rathenau finanziert. Was hat es damit auf sich?

Und wie wurde Ernst von Salomon vom Spion zum Finanzier des Attentats?

Wie ging es nach dem Länderspiel gegen die Schweiz weiter mit DFB-Spielen in Frankfurt?

Lässt sich der Riederwald als Keimzelle des Frankfurter Profifußballs betrachten?

THOMA: Der Riederwald war sicher eine der Keimzellen des professionellen Sports in Frankfurt. Gerade nach dem Ersten Weltkrieg, als ein großer Sportboom einsetzte, schufen sich die Vereine große Sportanlagen. Die Eintracht, aber auch der FSV, Reichsbahn Rot-Weiss oder der FTV 1860, bei dem auch Germania 94 spielte. Das Stadion am Riederwald, das 1920 noch am Ratsweg, wo heute ein Lebensmittelgroßmarkt steht, eröffnet wurde, galt als eines der modernsten Stadien Deutschlands. Mit dem Bau eines städtischen Stadions im Stadtwald wurde erst Anfang der 1920er Jahre begonnen, die Einweihung fand 1925 statt.
Wie kam es zum Umzug der Frankfurter Eintracht in das einstige Waldstadion im Süden der Stadt?
THOMA: Der „alte“ Riederwald, auf dem das Länderspiel stattfand, wurde 1943 bei Bombenangriffen zerstört. Nach Kriegsende fand auf dem Gelände die Trümmerverwertungsgesellschaft ihre Heimat. Die Eintracht eröffnete 1952 westlich der Pestalozzischule den neuen Riederwald, der hatte zu Beginn auch eine Kapazität von 40.000 Plätzen. Und hier fand der Fußballalltag statt. Oberligaspiele wurden am Riederwald ausgetragen, Endrundenspiele und Europapokalspiele im Waldstadion. Mit Gründung der Bundesliga 1963 wechselte die Eintracht ins größere Waldstadion. Es gab Vorgaben des Verbandes, die am Riederwald nicht umgesetzt werden konnten, nicht zuletzt aus Mangel an Parkplätzen.
Die Eintracht spielt und trainiert längst in Niederrad, der FSV Frankfurt residiert am Bornheimer Hang. Ist der Riederwald sportgeschichtlich inzwischen völlig bedeutungslos geworden?
THOMA: Natürlich nicht. Durch die Professionalisierung wurden die Ansprüche andere. Mittlerweile befindet sich am Riederwald ein hochmodernes Vereinsleistungszentrum. Die Jugendmannschaften trainieren am Riederwald, der Verein mit seinen fast 100.000 Mitgliedern ist hier zu Hause. Gerade wird am Riederwald noch eine große Turnhalle gebaut. Der Riederwald ist weiterhin das Herzstück der Eintracht, nur die Profis sind halt am Stadion. Aber wenn man mal ins Riederwaldstadion geht, sieht man noch die mächtigen Wälle, auf denen einst die Stufen der Stehränge waren. Mit ein wenig Fantasie kann man sich ausmalen, wie die Eintracht an der Stelle vor 40.000 Zuschauern gespielt hat.
Fotos:
Plakat „Länderwettspiel Schweiz Deutschland“ von 1922, Copyright: Eintracht Frankfurt Museum
Am 26. März 1922 spielte im Stadion am Riederwald die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das erste Länderspiel in Frankfurt, Copyright: Eintracht Frankfurt Museum
Am 26. März 1922 trug die Schweiz gegen Deutschland im Stadion am Riederwald das erste Länderspiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt aus (1), Copyright: Eintracht Frankfurt Museum
Am 26. März 1922 trug die Schweiz gegen Deutschland im Stadion am Riederwald das erste Länderspiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt aus (2), Copyright: Eintracht Frankfurt Museum
Am 26. März 1922 trug die Schweiz gegen Deutschland im Stadion am Riederwald das erste Länderspiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt aus (3), Copyright: Eintracht Frankfurt Museum
Die Fußball-Fans im Riederwaldstadion (1). Copyright: Eintracht Museum Frankfurt
Auch 1922 wurde auf dem Römerberg der Fußball gefeiert: schweizer und deutsche Fans vor dem Rathaus, Copyright: Eintracht Museum Frankfurt
Info:
Quelle: Stadt Frankfurt
Quelle: Stadt Frankfurt