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Kategorie: Film & Fernsehen
1927 Metropolis Werkfoto 02 960x540ENTFESSELTE BILDER. Ausstellung des DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, 2. April 2025 bis 1. Februar 2026, Teil 2

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Immer wieder wird auf technische Fortschritte verwiesen. In vielen Bereichen. Auch im Film, wobei dies meist auf Aufnahmetechniken und überhaupt Technik bezogen wird und übrigens die lange Zeit erwartete Geruchsbindung an die Szenen des Films im Kino nie kam. Aber auf die Apparaturen, die Kameras, Kamerafahrten auf Schienen, bis hin zu den Kamerawagen (Dollies) und dann den Steadicam, auf die Fortschritte kann man bauen. Zwar werden auch in dieser Ausstellung diese Geräte gezeigt, aber die Ausstellung selbst bringt etwas ganz anderes: nämlich die Erklärung für jeden Besucher, warum und wie die gezeigten Ausschnitte von Filmen spezieller Regisseure entstanden sind, d.h. welche Auswirkungen die Fragen der Kamera für unser Filmerlebnis haben.

Daß es mit den Anfängen beginnt, nämlich Filmausschnitten von vor 1900 ist immer wieder wichtig, weil man die Männer, ja, damals waren es wohl nur Männer, bewundert, die überhaupt so etwas wie die Wiedergabe der Welt für später und für alle verfügbar machten. Es ist ein Kulturfortschritt, den wir heute fast andächtig betrachten, der erst mit der Abbildung der äußeren Welt in Fotografien im 19. Jahrhundert begann und dann mit den bewegten Bildern noch einen Schritt weiterging. Von daher gehört es heute eigentlich zu unserer Allgemeinbildung über die ersten Filme, die man heute Dokumentarfilm nennt, Bescheid zu wissen, wenn die Lebenswirklichkeit vom 19. Jahrhundert, Menschen, Städte, Züge, einfach alles, im Film wieder in der selben Form auftaucht. Und eigentlich bleibt es auch ein Wunder, das Anschauen der Welt von damals. Genauso, wie es doch eigentlich ein Wunder ist, wenn wir im Fernsehen Direktsendungen aus der Welt erleben und dabei sind, wenn Bielefeld mit 2.1 gegen den Favoriten Bayer Leverkusen gewinnt und ins Endspiel in Berlin einzieht oder wir per Internet mit Menschen aus Australien etc. sprechen und diese dabei auch noch sehen.
Es ist also der Historie geschuldet mit den Anfängen zu beginnen, aber es ist auch inhaltlich angesagt, denn von Anfang an wird dann bei den Spielfilmen, ja natürlich lange Stummfilme, auch die Frage der Aufnahmetechnik virulent: ob ich nämlich die Welt so darstelle, wie ich sie mit eigenen Augen sehe, wo also die Kamera das Geschehen kontinuierlich verfolgt, oder ob ich durch viele Schnitte ein Geschehen verdichte, aus verschiedenen Perspektiven anschauliche mache, das Geschehen beschleunige oder, wobei wir wieder bei den langen Einstellungen wären, ob man überhaupt keine Schnitte macht, wie es der Film VICTORIA bei der Berlinale 2015 behauptet und auch nicht widerlegt wurde. Wenn ich alles richtig verfolgt habe, wird aber dieser Film bei der Station: Ohne Schnitt gar nicht berücksichtigt. Aber diese Station kommt sowieso erst am Schluß, denn die Ausstellung folgt verschiedenen Stationen, die eine Überschrift haben, wie eine These, die dann durch Sequenzen aus Filmen bestimmter Regisseure belegt werden.

Bei den Ausschnitten zu bestimmten Thesen sind also die Regisseure das Wesentliche, aus deren filmischen Werken diese Thesen belegt werden. Dabei tauchen nach den historischen Ausschnitten von Friedrich Wilhelm Murnau u.a. die ganze Ausstellung hindurch ganz bestimmte Namen immer wieder auf. Für die Anfänge sind es insbesondere französische Regisseure, die neue Aufnahmetechniken kreieren. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts beginnt es mit Orson Welles, der in Touch of Evils (1958) eine besonders lange „Plansequenz“ bringt, die seither diesen Namen – formuliert von André Bazin trägt -, der aber auch später immer wieder mit Ausschnitten aus seinen Filmen auftaucht, wie Jean Renoir u.a.

Es werden Filmausschnitte bekannter Regisseure gezeigt, aber, so empfinde ich beim längeren In-Augenschein dieser Ausstellung, genauso interessant ist es, zu konstatieren und nachzuforschen, welche Regisseure nicht vertreten sind. Da fällt mir sofort Fellini ein, aber auch Ingmar Bergman, doch Fassbinder kommt einmal vor, in Verbindung mit Michael Ballhaus und der kreisförmigen Kamera um das Liebespaar herum, es kommt – und das ist gut – ausführlich Theo Angelopoulos zu Wort und ins Bild, denn ich halte ihn für hierzulande für total unterschätzt . Aber es fehlen so wichtige Regisseure, von denen man also jetzt annehmen muß, daß sie keine besondere Kamera auszeichnet, jemand wie Agnieszka Holland aus Polen fehlt genauso wie Andrzej Wajda ,  Roman Polański ,  Krzysztof Kieślowski , aus Italien Luchino Visconti, Sergio Leone, Bernado Bertolucci, Franco Zeffirelli , vor allem Fellini u.a. Aber darum geht es natürlich nicht, man kann nicht alle Regisseure, die Filme drehen, aufführen. Aber mir fehlt eine Erklärung, warum bestimmte Regisseure mit ihren Kameraeinstellungen nicht erwähnt werden, andere schon, außer den schon erwähnten beispielsweise Steven Spielberg, Quentin Tarantino, Woody Allen, Wim Wenders, Pedro Almodóvar. Das bedeutet auf jeden Fall eines. Die Kameraeinstellungen und ihre Dauer sind zwar hochinteressant und künstlerisch aussagekräftig, aber sie sagen wohl doch nichts aus über die Qualität der Filme insgesamt.

Foto: 
Aufnahme einer dramatischen Sequenz in METROPOLIS (DE 1927, R: Fritz Lang) mit Gustav Fröhlich (mit ausgestrecktem Arm). Hinter ihm hockt Kameramann Karl Freund auf einem Kamerawagen, bereit zur Abfahrt.
©  Horst von Harbou, Quelle: Filmmuseum Berlin – Stiftung Deutsche Kinemathek


Info:
https://www.dff.film/wp-content/uploads/2025/03/PM-Entfesselt-Haupt_FM_final_f.pdf
https://www.youtube.com/watch?v=vm97MdLVdPU