Drucken
Kategorie: Film & Fernsehen
Bildschirmfoto 2025 04 02 um 23.43.01Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 3. April 2025, Teil 1

Luzia Schmid


Berlin (Weltexpresso) - REGIESTATEMENT:  Zuerst war es ihre entwaffnende Offenheit gegenüber den Medien, die mich faszinierte. Damals in den 60ern; wie sie offen zugab, sie hätte „Filme mit großen Regisseuren gemacht, denen man schlechte Filme gar nicht zugetraut hätte, aber dann machten sie den schlechten mit mir“. Das hat mich umgehauen. Ich empfand sie in ihrer Offenheit als fast schutzlos; bald erkannte ich jedoch, dass Hildegard Knef immer sehr genau im Blick hatte, wie und was sie über sich nach außen preisgab, und wie sie versuchte, ihr Bild in den Medien zu kontrollieren. Ich fand das modern.



Ich erkannte in Hildegard Knef so etwas wie die „Patientin Null“ eines Lebens in der Öffentlichkeit. Sie gab viel preis von sich und musste viel einstecken. Trotzdem versuchte sie ihr ganzes Leben lang die Deutungshoheit ihrer Geschichte in der Öffentlichkeit zu behalten. Diese Ambivalenz zwischen dem Ausschöpfen der Möglichkeiten eines Lebens in der Öffentlichkeit und dem Hadern damit interessierte mich in seiner Widersprüchlichkeit. Sie zieht sich als roter Faden durch ihre Texte und die zahlreichen Interviews, die „die Knef“ im Laufe ihres Lebens gab.

So reifte der Entschluss, dass dieser Film eine Annäherung an Hildegard Knef werden soll, in der ich vorwiegend ihr selbst das Wort gebe. Interessant war für mich, dass ich in den Quellen unterschiedliche Phasen ihrer Selbstreflektion mitbekomme: Die spontane in den Interviews, die verklausulierte in ihren Liedern und die „innere Stimme“ in ihren Büchern. Insbesondere in ihren Büchern ist sie ihrer Linie der entwaffnend offenen Selbstreflektion treu geblieben – und ich bin Nina Kunzendorf sehr dankbar dafür, dass sie den Ton so genau getroffen hat.

Hildegard Knef war eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Als Künstlerin war sie gesegnet mit vielen Talenten, einer ungeheuerlichen Kreativität und Schaffenskraft. Ich begegnete im Archiv und in ihren Büchern und Schallplatten einer begnadeten Texterin, Schriftstellerin, Schauspielerin und Sängerin. Einer Frau, die unerschrocken ambitioniert war, die dieses „Ich will alles!“ wahrhaftig lebte, die ihre Erfolge aus vollen Zügen genoss. Das gibt es nicht ohne Risiko. Hildegard Knef erlebte das ein ums andere Mal in herben Rückschlägen.

Und so entdeckte ich schließlich Hildegard Knef, die Überlebende. Nicht nur überlebte sie den Zweiten Weltkrieg als Kind und junge Frau, sie überwand auch eine Krebserkrankung und das Scheitern der Ehe mit ihrer großen Liebe. Sie erkannte darin den Aspekt einer Befreiung und fand ihre große Liebe nach der großen Liebe.

Das gefällt mir. Diese Wandlungsfähigkeit, die Kraft und der unbedingte Wille zu überleben, weiter zu machen, ihren Platz einzufordern. Bei Hildegard Knef geschah das alles selbstverständlich immer fast schmerzlich öffentlich. Dieses Spielen und Ringen mit der Öffentlichkeit bleibt der faszinierendste Part für mich. Hildegard Knef brach in jeder ihrer Schaffensphasen Tabus. Als letztes thematisierte sie, natürlich öffentlich, wie unmöglich es für eine Frau ist, im Showbiz zu altern – vor 30 Jahren! Ich liebe die Hildegard Knef, die zwei Monate nach der Schönheitsoperation, mit noch geschwollenem Gesicht und leicht zittriger Stimme, singt: „Ich will mich nicht fügen, kann mich nicht begnügen!“

Foto:
©Archiv Flöter, Münchner Stadtmuseum

Info: 
"Ich will alles“, D 2025, 98 Minuten, Filmstart 3. April 2015, FSK 6 Jahre
Regie & Buch Luzia Schmid, mit Tochter Christina Palastanga, Knefs letztem Lebensgefährten Paul von Schell sowie der Stimme von Nina Kunzendorf.