Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 31. Dezember 2025, Teil 7Redaktion
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Wie kam Ihr erster Kinospielfilm zustande? Enya Baroux: Seit ich 18 Jahre alt war, habe ich davon geträumt, Regie zu führen, und das war für mich auch der Grund, auf die Filmschule zu gehen. Ich habe in verschiedenen Positionen und auch als Schauspielerin gearbeitet und dabei immer darauf gewartet, dass ich die richtige Geschichte finde. Als meine Großmutter starb, der ich sehr nahestand, hatte ich gleich die Idee, einen Spielfilm über sie zu machen, aber es fehlte mir noch der erzählerische Bogen. Ich hatte immer noch den Satz eines meiner Lehrer auf der Filmschule im Ohr, der sagte: „Glaubt nicht, dass euer Leben das Publikum interessiert. Denkt größer!“ und so traute ich mich lange nicht, damit anzufangen.
Ich hatte die Vorstellung, diese schmerzhafte Zeit als Komödie zu schildern, und vertraute diese Idee meinem guten Freund Martin Darondeau an. Er ermutigte mich und so fingen wir mit dem Drehbuch an.
Hat es das Schreiben einfacher oder komplizierter gemacht, dass Sie ein so persönliches Thema gewählt haben?
Wir haben sieben Jahre damit zugebracht, das Projekt zu entwickeln, und ich glaube, dass ich so geduldig und entschlossen war, liegt daran, dass mir die Geschichte so nahe ging. Das Schwierigste war für mich tatsächlich zuzulassen, dass Martin Darandeeau und Philippe Barrière, unser dritter Drehbuchautor, ihre Ideen einbrachten. Denn auch wenn ich keine Scheu davor hatte, über dieses Thema mit anderen zu sprechen, war es doch noch etwas anderes, damit konfrontiert zu sein, wie andere von außen auf die Geschichte blicken und auf was für Ideen sie kommen. Ich musste lernen, dass das Feedback von Martin und Philippe keine Kritik an meinem Blickwinkel war, sondern dass es immer um die Frage ging, wie man die Geschichte erzählen sollte. Ich hatte das Glück, mit zwei Leuten zusammenzuarbeiten, die meine Geschichte respektierten.
War Sterbehilfe von Beginn an ein Teil des Films?
Das kam sehr schnell. Meine ursprüngliche Idee war, einen Roadtrip einer Familie zu erzählen, mit einer Großmutter als zentraler Figur. Sie trifft die Entscheidung, lieber mit ihrer Familie ein letztes Mal auf eine gemeinsame Reise zu gehen, anstatt zu Hause zu bleiben und sich zu schonen. Das war sicher auch eine Reaktion darauf, dass meine Großmutter, bei der ich gelebt habe, während sie an Krebs litt, ein trauriges und banales Sterben im Krankenhaus hatte. Mich hat es traumatisiert, dass diese starke, selbständige Frau, die meinen Vater ganz allein aufgezogen hat, am Ende ihres Lebens von anderen abhängig, mit Medikamenten vollgestopft und nur noch ein Schatten ihrer Selbst war. Mit diesem Film wollte ich ein Gegenbild zeichnen zu unserem System und zu unserer abwehrenden Haltung, was den Umgang mit dem Tod betrifft. Das war der Ausgangspunkt für meine Interesse an der Sterbehilfe, ein Thema, über das ich auch häufig mit meiner Großmutter gesprochen habe. Sie hätte es für sich vorstellen können, auch wenn es ihn ihrem Fall nicht dazu gekommen ist. Marie dagegen geht auf eine Reise zu einem selbstbestimmten Tod.
Bringt das Thema eine besondere Verantwortung mit sich?
Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich BON VOYAGE nicht mit einer bestimmten Haltung zu dem Thema gemacht hätte. Ich habe mich schon beim Schreiben des Drehbuchs an die französische Organisation ADMD gewandt, die sich für die Sterbehilfe einsetzt, um sicherzugehen, dass ich mich nicht allzu weit von der Realität entfernte. Auch wenn ich das Ganze ein wenig poetisch gestaltet habe, ging es mir absolut nicht darum, Sterbehilfe als eine „tolle Möglichkeit“ , als einfach zugänglich und leicht darzustellen; mit der man sich unter großem Gelächter aus dem Leben verabschiedet. Ich habe mich für einen vorsichtigen, neutralen Tonfall entschieden, der aber hoffentlich trotzdem zur Diskussion anregt. Denn die Frage
bleibt ja: Wie schafft man es, über das Ende seines Lebens selbst zu bestimmen?
War für Sie von Beginn an klar, dass eine Komödie die richtige Form wäre?
Die Komödie ist einfach meine Filmsprache. Wenn ich als Kind krank war, haben meine Eltern immer versucht, mich zum Lachen zu bringen, um es mir leichter zu machen und um mir zu zeigen, dass Lachen heilen kann. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, dessen Beruf es ist, Leute zum Lachen zu bringen, aber auch meine Mutter und meine Großmutter lachten gern und viel. Unsere Familiengeschichte ist von Dramen gekennzeichnet, aber wir haben sie mit Humor und Ironie und auch etwas Zynismus gemeistert. Ich hatte schon als Kind den Reflex, mit Humor auf Schmerz zu reagieren. Und mir ist klar geworden, dass es auch in dramatischsten Momenten etwas zu lachen gibt. Wenn man im Kino Sterbeszenen sieht, gibt es vielen Tränen und Geigenklänge; ich habe dagegen aus meinen Erinnerungen geschöpft, dass es im Krankenhaus oder bei einer Beerdigung jede Menge peinliche und lustige Momente gibt.
Stand für Sie früh fest, wie Sie das Ende der Geschichte inszenieren wollten?
Im Gegenteil: Wir haben lange Zeit zwei Alternativen für das Ende mit uns herumgeschleppt. Die erste war fast schon dokumentarisch, was den Ablauf der Sterbehilfe angeht. Ich habe lange mit meinen Ko-Autoren und den Produzenten diskutiert, weil manche von ihnen fanden, man müsse ins Detail gehen, um sich nicht vom Thema davonzustehlen. Aber ich fand, dass das nicht das Ziel des Films sein sollte. Zwei Wochen nach Drehschluss haben wir uns endgültig für die zweite Version entscheiden, die nichts davon zeigt. Auf diese Weise erfährt man nicht, wann Marie stirbt, aber das spielt auch keine Rolle, weil man ja weiß, dass ihre Tage gezählt sind und dass sie ihre Entscheidung getroffen hat. Das erlaubte es uns, die Geschichte poetischer und fröhlicher abzuschließen und zu zeigen, dass ihre Familie ihren Weg gefunden hat.
Wie kam die Idee zustande, dass die Kultur der Roma eine Rolle spielen würden?
Vor sechs Jahren bin ich mit einer Freundin in den Urlaub gefahren und lernte ihre Familie kennen, darunter einen Rom namens Yago. Das war kurz nach dem Tod meiner Großmutter, und Yago erzählte mir viel von der Art und Weise, wie die Roma ihre Verwandten bis ans Ende begleiten und mit welchen Riten sie ihre Toten ehren. Beim Schreiben sind mir diese Dinge wieder in den Sinn gekommen, und es kam mir einfach logisch vor, ihre Bräuche in die Geschichte einzubauen.
Welche Filme haben Sie inspiriert, und auf welche Weise?
Ganz besonders LITTLE MISS SUNSHINE, weil hier die Entwicklung der Figuren und ihre Beziehungen zueinander im Vordergrund stehen. In Frankreich sind die Meister dieses Genres Olivier Nakache und Éric Toledano. Mein Traum ist es, mich dem Tonfall und dem Humor ihrer Filme zu nähern.
Wie lief der Casting-Prozess ab?
Hélène Vincent war die Erste, die ich fragte – ich bewundere sie schon seit langem, und sie hat dazu noch eine verblüffende Ähnlichkeit mit meiner Großmutter. Als ich ihr das Drehbuch zu lesen gab, von 5 oder 6 Jahren, hat sie gleich zugesagt und dann geduldig darauf gewartet, dass wir die Finanzierung hinbekommen. Weil Hélène viel jünger ist als ihre Figur, kam es beim Dreh sehr auf ihre Interpretationskunst an, dieser Figur einen bestimmten Rhythmus, eine Gangart, eine Art zu sprechen zu geben.
Auch Pierre Lottin hatte ich gleich für die Rolle des Rudy im Auge. Ich kenne ihn schon sehr lange, seit ich bei LES TUCHE 2 und 3 Regieassistentin war, und ich habe ihm damals gesagt, sollte ich eines Tages einen Spielfilm drehen, dann bekommt er eine Rolle. Ich habe die Rolle des Rudy mit ihm im Kopf geschrieben. David Ayala und Juliette Gasquet sind später dazugekommen. David habe ich durch die Fernsehserie „D’argent et le sang“ entdeckt, und Juliette hat sich mit ihrer Präsenz und ihrem unglaublichen Talent beim Casting gegen 50 andere durchgesetzt.
Was für eine Vorstellung hatten Sie vom Look des Films?
Ich wollte, dass es gut aussieht, aber nicht allzu gefällig. Es ging mir nicht um Hochglanzbilder, und deshalb habe ich mich oft auch für die Handkamera entscheiden, weil ich wollte, dass die Zuschauer ganz nah an den Bewegungen der Figuren sind. Meine Vorbilder waren amerikanische Independent-Filme, was das Licht und Farben betrifft. Es sollte nicht alles wie geleckt aussehen, und ich wollte die Schauspieler auch nicht in rote oder pinkfarbene Kostüme stecken, damit es lustig wirkt – so viel Ehrlichkeit musste schon sein. Was würden Sie sich wünschen, dass das Publikum aus dem Film mitnimmt?
Ich möchte natürlich bewirken, dass Leute darüber nachdenken, wie man Menschen, die einem nahestehen, am Ende ihres Lebens begleitet, aber vor allem möchte ich, dass sich die Zuschauer gut unterhalten. Beim Schreiben hatte ich immer die Sorge, dass es mir nicht gelingen würde, die Geschichte mit ausreichend Humor zu erzählen; es ist nun einmal immer einfacher, Leute zum Weinen als zum Lachen zu bringen. Mir ging es darum, dass die Zuschauer die heitere Seite der Geschichte sehen und mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.
Foto:
©Verleih
Info:
OT: ON IRA
von Enya Baroux
mit Hélène Vincent, Pierre Lottin, David Ayala, Juliette Gasquet u.v.m.
Marie Hélène VINCENT
Rudy Pierre LOTTIN
Anna Juliette GASQUET
Bruno David Ayala
in weiteren Rollen Henock CORTES
Gabin VISONA
Brigitte AUBRY
Fanny OUTEIRO DA COSTA
Jeanne ARENES
Nicolas LUMBRERAS
Ariane MOURIER
Cléa GODJI
Nicolas MARTINEZ
Stab
Regie Enya BAROUX
Drehbuch Enya BAROUX, Martin DARONDEAU, Philippe BARRIÈRE
Abdruck aus dem Presseheft