Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Januar 2026, Teil 1
Margarete Ohly-Wüst
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Mitten im botanischen Garten der Universitätsstadt Marburg steht seit vielen Jahren ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er ein stiller Beobachter von leisen und tiefgreifenden Veränderungen im Leben dreier Menschen zu unterschiedlichen Zeiten.
Der chinesische Neurowissenschaftler Tony Wong (Tony Leung Chiu-Wai), der zu Hause die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, kommt 2020 zu einer Gastprofessur nach Marburg, um an der Philipps-Universität zu unterrichten und sein Forschungsprojekt über die Gehirnfunktionen von Babys voranzubringen, als die Corona-Pandemie ausbricht, alle Veranstaltungen ausfallen, die Studenten nach Hause fahren und er ziemlich einsam auf dem Campus festsitzt. Die einzige Person, die er hin und wieder trifft, ist der grummelige – weder Englisch noch Kantonesisch sprechende - Hausmeister Anton (Sylvester Groth), der sich allerdings erst einmal dem Wissenschaftler aus Hongkong recht skeptisch und abweisend gegenüber verhält.
Da Professor Wong natürlich zur Zeit keine Versuche mit Kleinkindern machen kann, beginnt er im botanischen Garten sich mit der Wahrnehmung und Kommunikation von Pflanzen anhand des uralten Ginkgobaums auseinander zu setzen, nachdem er im Internet auf das Forschungsprojekt der französischen Biologin Alice Sauvage (Léa Léa Seydoux) gestoßen ist. Er möchte anhand des Ginkgobaumes herausfinden, ob Pflanzen auch Gefühle empfinden können.
Dazu beginnt er mit einer Versuchsanordnung bei der er von dem Baum mit Hilfe von Elektroden Ableitungen auf einen Monitor aufzeichnet. Das führt allerdings erst einmal dazu, dass Anton sich dem Wissenschaftler gegenüber unkollegial verhält, die Elektroden entfernt und dadurch die Experimente behindert. Erst als Tony dem Hausmeister seine Versuchsideen erklärt hat, ist der bereit auch mitzuhelfen.
Tonys Wongs Story wird verwoben mit zwei früheren Schicksalen, deren Zeuge ebenfalls der prächtige Ginkgobaum wurde.
Da ist 1908 die junge wissbegierige Grete (Luna Wedler), die nachdem sie in der Schweiz ihr Abitur abgelegt hat, nach einigen Hindernissen als erste Frau zum Studium der Botanik an der Universität Marburg zugelassen wird. Da sie aus ihrem Zimmer bei ihrer Wirtin rausgeworfen wird, findet sie bei einem Fotografen Unterschlupf, der eigentlich einen männlichen Mitarbeiter sucht.
Während Grete sich in der Universität in den Praktika mit patriarchalen Vorurteilen der Professoren und Mit-Studenten zu kämpfen hat und sich gegenüber der Männerwelt durchzusetzen versucht, entdeckt sie nebenbei ihre Leidenschaft für die Fotografie.
Insbesondere Pflanzen im botanischen Garten nimmt sie im Rahmen einer Assistentenstelle mit ihrer Linse genauer unter die Lupe und entdeckt dadurch verborgene Strukturen im Pflanzenreich und dabei Muster, die auf eine tiefere Ordnung hindeuten, die sich mithilfe des Mediums Fotografie dokumentieren lassen. Mit diesen Versuchen wird sie Pionierarbeit leisten.
Im Jahr 1972 lernt der schüchterne Student Hannes (Enzo Brumm) die Biologie-Studentin Gundula (Marlene Burow) kennen, die sich für die aufkommende Erforschung der Kommunikation der Pflanzen begeistert und die gerade ein ambitioniertes Experiment an einer Geranie durchführt. Als Gundula mit anderen Studenten auf eine ausgedehnte Reise ins Ausland gehen will, bittet sie Hannes auf die Geranie aufzupassen. Doch der von einem Bauernhof stammende junge Mann betreut nicht nur die Pflanze, sondern er entwickelt auch großes Interesse und beginnt eigene Versuche zu unternehmen. Diese konzentrierte Beobachtung der Bewegungsmuster einer Geranie führt bei dem jungen Mann zu einer inneren Wandlung. Die Ergebnisse dieser Versuche werden letztendlich auch eine Grundlage für die Arbeit von Alice Sauvage bilden, die dann wiederum Tony Wong übers Internet in Zoom-Gesprächen beratend zur Seite steht wird.
Alle drei Personen lernen durch die tastende Annäherungen als den alten Ginkgobaum dessen stille Kraft und dadurch das beharrliche, geheimnisvolle Wirken der Natur kennen…
Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat mit ″Silent Friend″, das vom Pandora Filmverleih mit dem sehr passenden Untertitel ″Drei Leben, drei Epochen, ein Baum″ beworben wird, einen poetischen und interessanten Film über die Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen als Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit gedreht, bei dem sie auch selbst das Drehbuch verfasst hat. Ildikó Enyedi Ehemann Wilhelm Droste hat übrigens in Marburg Germanistik, Geschichte und Politologie studiert.
Da der Film auf drei sehr unterschiedlichen Zeitebenen spielt, hat die Regisseurin zusammen mit Kameramann Gergely Pálos versucht, dies auch in den Bildern auszudrücken. So wurden die 1908 spielenden Szenen um die junge Grete, die als erste Botanik-Studentin mit der Fotografie eine neue Art der Beobachtung entwickelt, auf 35mm-Film in Schwarz-Weiß gedreht. Daneben wurde die Jetztzeit rund um den Gastprofessor Tony in digital und die Zeit, in der Gundula ihre Geranien Versuche macht, in ausgesprochen körnigen 16mm-Bildern eingefangen. Die Originalmusik stammt dabei von Gábor Keresztes und Kristóf Kelemen.
Allen drei Zeitebenen ist gemeinsam, dass die handelnden Personen die Fähigkeit besitzen, über die Grenzen der eigenen Wahrnehmung hinaus zu gehen und damit neugierig auf eine Erweiterung ihres Horizonts sind.
Neben den Bildern und den Geschichten konnten auch die Schauspieler und Schauspielrinnen überzeugen. Die gilt vor allem für den 1962 in Hongkong geborenen Tony Leung Chiu-wai, der in Europa und Amerika vor allem als Xu Wenwu - dem Vater des Hauptdarstellers Simu Liu – im 25. Spielfilm innerhalb des Marvel Cinematic Universe (MCU) ″Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings″ (2021) bekannt wurde.
Daneben glänzt auch die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler, die für ihre Darstellung der Botanik-Studentin Grete bei den Internationale Filmfestspielen von Venedig 2025 mit dem Marcello-Mastroianni-Preis als Beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde. Aber auch Sylvester Groth als grummeliger Hausmeister Anton, der, nachdem er Tonys Versuche verstanden hat, dann doch recht hilfreich war, Enzo Brumm als schüchterner Student Hannes und Marlene Burow als Studentin Gundula, die dann aber recht unwissenschaftlich ihre Versuche mit der Geranie einem Anderen überlässt und einfach in den Urlaub verschwindet, können in ihren Rollen überzeugen. Rainer Bock spielt 1908 den Botanik-Professor Prof. Winterhalter, der sich aus heutiger Sicht absolut unmöglich und sexistisch gegenüber Grete verhält, als diese versucht, an der Biologie-Fakultät als Studentin aufgenommen zu werden.
Léa Seydoux ist als Alice Sauvage eine französische Professorin zu sehen, die mit Tony übers Internet Informationen austauscht. Da Alice auf ihrem Gebiet bereits eine weltbekannte Wissenschaftlerin ist, die sich auf neurowissenschaftliche Forschungen zum Thema Bewusstsein und der Forschung zur Kommunikation zwischen Pflanzen spezialisiert hat, wird sie für Tony im Jahr 2020 zu einer Art Mentorin. Léa Seydoux hat bereits in Ildikó Enyedis letztem Film ″Die Geschichte meiner Frau″ (2021) als Lizzy die Hauptrolle gespielt.
Auch wenn die genannten Darsteller für den Film ″Silent Friend″ ausgesprochen wichtig sind, ist mit dem Titel natürlich der alte Ginkgobaum gemeint, der schon seit 60 Jahren im Zentrum des alten botanischen Gartens der Philipps-Universität in Marburg steht. Dabei wurde er für den Film allerdings etwas älter und größer gemacht als er in Wirklichkeit ist.
Insgesamt ist ″Silent Friend″, das 2025 bei einigen Festivals gezeigt und dort auch Preise gewonnen hat, ein unbedingt sehenswerter Film, der mit seiner durchdachten Bildsprache ebenso wie mit einem feinen Sinn für Humor glänzt. Auch wenn das Drama nicht einfach zugänglich ist, ist es trotzdem faszinierend und tiefgründig. Deshalb sollte man sich den Film unbedingt im Kino ansehen. Dabei lohnt es, sich ″Silent Friend″ unbedingt in der Originalfassung anzusehen, in der Deutsch, Englisch und Kantonesisch gesprochen wird.
Foto 1: Über ein Jahrhundert weg wird ein Ginkgo-Baum zum Zeugen tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen © Pandora Film
Foto 2: Der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) stellt im Rahmen seiner Gastprofessur im Jahr 2020 Forschungen an einem Ginkgo-Baum an © Lenke Szilágyi/ Pandora Film © Pandora Film
Foto 3: Die Studentin Gundula (Marlene Burow) trifft 1972 an der Uni Marburg auf Hannes (Enzo Brumm, vorne Mitte) © Lenke Szilágyi / Pandora Film
Foto 4: An der Uni Marburg beschäftigt sich die Studentin Grete (Luna Wedler) 1908 mit verschiedenen Aspekten der Botanik © Lenke Szilágyi / Pandora Film
Info:
Silent Friend (Deutschland / Ungarn / Frankreich 2025)
Originaltitel: Silent Friend
Genre: Drama, Natur, Botanischer Garten in Marburg
Filmlänge: ca. 147 Min.
Regie: Ildikó Enyedi
Drehbuch: Ildikó Enyedi
Darsteller: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Johannes Hegemann, Rainer Bock, Marlene Burow, Yun Huang, Léa Seydoux u.a.
Verleih: Pandora Film Verleih
FSK: ab 6 Jahren
Kinostart: 15.01.2026