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Kategorie: Film & Fernsehen

chanceSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 5. Februar 2026, Teil 5


Christel Schmidt

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Papier ist sein Leben. Yoo Man-su arbeitet als leitender Manager in einer Papierfabrik. Er weiß alles über Beschaffenheit und Eigenschaften des weißen Materials. Er liebt seinen Job. Seit 25 Jahren. In dieser Zeit hat er sich ein Bilderbuch Leben aufgebaut. Der perfekte Mittelstandstraum: Das große, dekorative Haus, eine attraktive Frau, zwei nette Kinder, ein Gartenhaus für sein Hobby, die Bonsai Zucht, ja sogar die beiden obligatorisch herzigen ‚Golden Retriever‘ haben ihre eigenen Design Hundehütten. Es stimmt alles. Inklusive Tennis-Stunden, Cello Unterricht, Kosmetik-Termine und Grillabende mit dem neuesten Hightech Grill. Ein Traum.


Aber es gibt ein böses Erwachen. Die Firma wird von einem amerikanisches Unternehmen übernommen. Man-su verliert seinen Job. Und in Korea bedeutet Jobverlust nicht einfach, dass man gefeuert ist (wie in Amerika), sondern, dass man im übertragenen Sinne ‚hingerichtet‘ wird. Tot. Kopf ab. Mit dieser eindeutigen Geste versucht er verzweifelt, den neuen Chefs das Ausmaß der Katastrophe deutlich zu machen. Aber es hilft nichts. Er ist entlassen. Und verliert damit nicht nur den Job, sondern Ansehen, Status Selbstwertgefühl - alles!

Zu Beginn ist Man-su noch zuversichtlich, dass er mit seiner Qualifikation einen neuen Job finden wird. Aber als er nach einem Jahr in einem Supermarkt Regale auffüllen muss, und seine Familie nicht nur auf die Tennisstunden, das Netflix Abo und sogar die geliebten Hunde verzichten muss, sondern auch der Verlust des Hauses droht, ist die Schmerzgrenze erreicht.

Man-su analysiert ganz klar, dass nicht die mangelnden Arbeitsangebote das Problem sind, sondern die Vielzahl der Bewerber. Und die will er minimieren. Damit er als einziger aussichtsreicher Kandidat übrig bleibt, und überzeugen kann. Für dieses Ziel entwickelt er einen einleuchtend cleveren Plan.

Er fingiert eine Stellenanzeige, um so an Adressen potentieller Mitbewerber zu kommen, damit er sie dann aus dem Weg räumen kann. Also zuhause erdrosseln, oder auf abgelegener Strasse erschlagen. Was sich halt so anbietet, wenn man keine andere Wahl (No Other Choice) zu haben scheint.

Diese grotesk verwickelte Story hat Regisseur Park Chan-wook aus der amerikanischen Vorlage ‚The Axe‘ von Donald E. Westlake, (die der griechisch-französische Altmeister Costa-Gavras bereits 2005 verfilmt hat), in die hypermoderne, erbarmungslos leistungseffiziente koreanische Gesellschaft übertragen.

 

Bei Costa-Gavras hieß der Film beziehungsreich satirisch ‚Jobkiller‘.

Der Titel ‚No Other Choice‘ hingegen spielt noch mit der Frage, ob Man-su wirklich keine andere Wahl hat.

In einer einzigen Szene bringt der Regisseur alle Motive, Zweifel und grausamen Konsequenzen zusammen. Man-su sieht eher zufällig einen früheren Kollegen, der ebenfalls auf Arbeitssuche ist. Er beobachtet dessen Weg unter einer Brücke, postiert sich selbst auf der Straße darüber, schnappt sich einen Blumentopf - und ringt mit sich, ob er den jetzt einfach auf den Mitbewerber fallen lässt. Und während er also den Blumentopf mit großer Anstrengung über Kopf hält, tropft ihm Gießwasser über das Gesicht. Höchste Spannung und lächerlich banale Störfaktoren.

Diese Szene, die auch das Motiv für das Filmplakat ist, beschreibt sehr gut den raffinierten, mitreißenden Mix aus schwarzhumoriger Satire, spannendem Thriller und Gesellschaft- und Kapitalismuskritik. Alles überbordend und verspielt, aber sehr präzise miteinander verbunden. Park Chan-wook knüpft damit an seine Meisterwerke ‚Joint Secure Aerea‘ (ein Film, bei dem ich in 90 Minuten mehr über Nord- und Südkorea erfahren habe, als in all der Zeit vorher) und ‚Oldboy‘ (der mich in seiner Grausamkeit und Konsequenz ziemlich verstört hat) an. Auch ‚No Other Choice‘ scheut weder vor brutalen Gewaltszenen, noch vor zuweilen derber Situationskomik und analytischer Sozialkritik zurück. Keine Überraschung also, dass diese gekonnte Mischung sowohl in Toronto als auch in Savannah den Preis des Publikums gewinnen konnte. Und er ging als offizieller südkoreanischer Beitrag ins Rennen um die Oscar für den besten ausländischen Film. Auch wenn er gerade überraschenderweise nicht nominiert wurde - Unbedingt anschauen. No Other Choice…..!

Foto:
©Verleih

Infos:
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Don McKellar
Besetzung: Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min
139 Minuten