Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 7
Claudia Schulmerich
Berlin (Weltexpresso) - „Dao ist eine immerwährende kreisförmige Bewegung, die die Wirklichkeit umrahmt“, heißt es in den Begleitinformationen. Das muß man nicht wissen, wenn man einfach zuschaut und schaut und schaut…, weil so viel Verschiedenes auf der großen Leinwand zu sehen ist. Erst einmal sind da verschiedene Frauen in Frankreich, schwarze Frauen, in immer neuen Gewändern, eine steht im Mittelpunkt, Gloria (Katy Correa ) mit dieser fliegen wir nach Guinea-Bissau und sind nun einerseits auf einer Hochzeit in Frankreich, denn dort heiratet ihre Tochter, geblieben, andererseits in Afrika, wo ein familiärer Todesfall der europäischen Verwandtschaft zeigt, wie man hier auf Afrikanisch die Toten beerdigt.
Mehr müßte man nicht sagen, denn es geht in diesem Film nicht um eine Geschichte mit einer fortlaufenden Handlung, die mit Spannungsaufbau auf ein explosives Ende zusteuert, sondern letztes Endes um Dabeisein. Während man die Szenen in Frankreich, diese Bilder, die Kostüme, die Rituale bei einer volkreichen Hochzeit noch kennt, betreten Augen, Sinn und Herz Neuland, wenn Gloria mit weiteren Familienmitglieder nach Afrika fliegt, um den verwandtschaftlichen Todesfall mit der Großfamilie zu begehen.
In den ersten Szenen erkennt man die bunten Gewänder und den phantasievollen Kopfschmuck aus dem gleichen Stoff. Jeder Frau sieht anders aus und hat das Tuch anders gebunden. In diesem Dorf spielt sich alles auf dem Hauptplatz vor und in dem Haus ab, die Frauen kommen und gehen und man sieht zwar diese eigenartigen Bewegungen, mit denen sie die Hände nach innen rollen und kleine Schritte machen, so dass es wie ein Tanz aussieht, aber normales Gehen sein soll. Später wird sich diese Besonderheit übrigens verlieren, denn dann gehen sie normal. Aber das ist kein Film, wo man sich Gedanken macht, ob und was das ausdrücken soll. Es geht eher um den Gesamteindruck, dass sich hier sehr viel mitgeteilt wird. Das Zuhören und das Weitersagen. Aber das Schweigen und Verschweigen auch. Man hat den Eindruck, dass es so sehr viel mehr Frauen gibt als Männer, oder sehen sie einfach bunter und vielfältiger aus.
Man kann das Gesehene beschreiben, aber von alleine kann man vieles nicht einordnen und muß sich begnügen, genau hinzuschauen und da passiert schon Erstaunliches: der Film dauert 187 Minuten. Das ist für unsere Sehgewohnheiten sehr sehr lang. Doch wenn man einfach schaut, was auf der Leinwand passiert, gerät man selbst in einen gewissen zeitlosen Umstand. Natürlich kommen einem Fragen in den Sinn, was das Ganze soll. Da fällt einem sofort ein Begriff wie Kulturgeschichte ein. Denn genau das sehen wir, was vielleicht noch dreißig Jahre an örtlichen Bräuchen stattfinden wird, ehe die westliche, technologische Welt Regie übernimmt und weder die Riten noch so ablaufen, noch die Kostüme derart prächtig, aber auch theaterhaft dominieren.
Der Film besetzt die Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Von den aus Guinea-Bissau nach Frankreich gegangenen Familienmitglieder haben die Älteren noch die Sitten und Gebräuche ihrer Heimat in Erinnerung, aber schon deren Kinder sind so französisiert, europäisiert, dass sie die Heimat der Eltern und Vorfahren als fremd und eigentümlich empfinden. Diejenigen, die zu Hause geblieben sind, haben in den Traditionsformen weitergelebt, die nun die Neuangekommenen bestaunen, sich einordnen, aber immer wieder Probleme haben.
Wie spielt man so etwas, fragt man sich unwillkürlich, wenn einerseits die Sitten und Gebräuche, das Alltagsverhalten und die Riten bei Todesfällen dargestellt werden, aber dies teils Schauspieler, teils normale Familienmitglieder sind. Das ist schon eigen, denn im Verlauf fällt nicht auf, wer nun Schauspieler ist und wer sich selbst spielt. Der Film selbst ist gemacht, ist inszeniert, aber über das Drehbuch hinaus, wirken alle mit, die Erfahrung mit solchen Begräbnissen beispielsweise haben. Das ist eine interessante Mischform, die aufgreift, was derzeit immer wieder zu lesen ist. Daß nämlich die bisherigen Formen von Dokumentarfilm und Spielfilm, die leicht auseinander zu halten waren, weil einmal etwas Vorhandenes abgebildet wird, ein andermal eine Fiktion eine Geschichte erzählt, dass diese reinen Formen sich immer mehr aufweichen zugunsten von Mischformen, die sowohl Dokumentarisches wie Erfundenes im selben Film zum Ausdruck bringen. Für diese Entwicklung ist dieser Film das beste Beispiel, der absolut ungewöhnlich und außerordentlich lang unsere Sehgewohnheiten ändert und auch den westlichen Zeitbegriff sausen läßt. Man muß die Geduld haben und die Zeit auch, sich dem bunten, oft rätselhaften Geschehen auf der Leinwand zu überlassen.
Foto:
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Info:
von Alain Gomis (Regie, Buch)
mit Katy Correa, D’Johé Kouadio, Samir Guesmi, Mike Etienne, Nicolas Gomis•
185 Minuten
Frankreich, Senegal, Guinea-Bissau
2026
Farbe
Französisch, Wolof, Manjak, Guineabissauisches Kreol
deutsche und englische Untertitel