Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 18
Claudia Schulmerich
Berlin (Weltexpresso) - Klären wir erst einmal den Titel. Im Englischen heißt es, wenn jemand in Gefahr gerät, er ist ‚at Sea‘. Hier ist als Erstes Leslie (Anna Calder-Marshall ) in Gefahr, weil sie in ihrer fortgeschrittenen Demenz in Situationen gerät, wo sie kein selbstbestimmten Individuum mehr sein kann und sich die Frage stellt, ob sie für andere Menschen nur noch Handlungsmasse ist und ob das erlaubt oder verhindert werden muß.
Also, wer entscheidet, was für einen anderen Menschen entscheidender ist: Kopf und Verstand oder Körper und Gefühle. Und wer entscheidet über diesen Menschen, wenn dieser nicht mehr entscheiden kann. Das zentrale Problem im Film beginnt damit, dass Ehemann Martin (Tom Courtenay) mit der in Demenz fortgeschrittenen Leslie ständig Geschlechtsverkehr hat und sich sogar mit Viagra aufputscht, während Amanda (Juliette Binoche), Tochter aus ersten Ehe, entsetzt darauf pocht, dass ihre Mutter dem Beischlaf nicht ausdrücklich zugestimmt habe, weil sie das in ihrer Demenz nicht mehr vermag. Als Stiefvater Martin darauf beharrt, weiterhin ohne ausdrückliche Zustimmung Sex mit seiner Frau zu haben, ruft Amanda die Polizei. Damit hat sie eine Lawine in Gang gesetzt, die über sie hinwegrollt.
Denn die Polizei wird wirklich tätig und zwar umfassend, formal im Sinne der dementen Frau. Sie wird körperlich untersucht, ob sie Schaden davon getragen hat, was sie irgendwann abwehrt. Erst wird Martin offiziell des Hauses verwiesen, als aber am nächsten Vormittag staatlicherseits die Frau auftaucht, die nun zuständig ist, flunkert ihr Amanda vor, sie hätte Martin hinzubestellt, obwohl dieser sich nachts einfach Zutritt zum Hause verschafft hatte. Schließlich wohnt er ja hier. Das Prozedere, das durch den Anruf in Gang kam, ist wirklich aufwendig und die staatlichen Betreuer und Sachwalter treten auch nicht unsympathisch auf, aber es ist etwas Ungewöhnliches und auch etwas, was einem gegen den Strich geht, dass jetzt Amtspersonen über den Geschlechtsverkehr eines Ehepaares wacht und entscheidet.
Es wäre falsch, Amanda und ihren Stiefvater als Gegner zu sehen, sie wollen beide das Wohl von Leslie, doch was ihr Wohl ist, genau darum geht es ja. Auch die Zuschauer bekommen mit, dass die gehbehinderte Leslie die vielen hohen Treppen im Haus nicht mehr schafft und dass Martin nicht in Rundumpflege alles erledigen kann: Koch, Krankenpfleger, Putzfrau, Liebhaber etc. Deshalb wird von der Behörde mit Zustimmung von Amanda entschieden, dass Leslie in ein Pflegeheim kommt. Obwohl das wirklich fast luxuriös ist und den Bewohnern ein überraschend reichhaltiges Unterhaltungs- , Bildungs- und Kreativ-Tätig-Sein-Programm geboten wird, das Sara sofort annimmt, kommt es zu einer unangenehmen Überraschung. Am nächsten Morgen werden Amanda und Martin ins Heim bestellt und eine Videoaufnahme stellt klar, dass sich Sara noch am Nachmittag zuvor in das Bett eines Mitbewohners gelegt hatte und dann halbnackt durchs Haus wanderte.
Damit ist auch klar, dass Sara nicht das arme Opfer ihres Mannes ist, sondern durchaus von sich aus andere zum Beischlaf, zumindest zur Simulation auffordert. Was also tun?
Es wird Zeit, die besondere Situation von Amanda zu schildern. Sie wohnt mit ihrer Tochter Sara eigentlich in Newcastle, der Mann und Vater lehrt auf einer kanadischen Universität. Die Ehe besteht nur noch formal. Amanda hätte ihre Mutter gerne ins Haus nach Newcastle geholt, doch Martin ist dagegen, weshalb Amanda mit Tochter für ein Jahr nach London geht, um ihrer Mutter nahe zu sein. Die Tochter hält durchaus zur Mutter, verteidigt diese immer wieder, aber sie ist auch frustriert, dass nichts eindeutig zu entscheiden ist. Der Film kann keine Lösung bieten, aber er bringt das Problem auf den Punkt: wer entscheidet für dement werdende Menschen, wenn diese nicht mehr Kontrolle über das, was mit ihnen geschieht, ausüben können: hier Ehemann, Tochter oder staatliche Stellen und worin besteht die Souveränität eines Menschen, nur aus dem Verstand, der ja und nein sagen kann oder sind Entscheidungen auch Fragen, die der Körper und die menschliche Seele mit Gefühlen beantworten dürfen.
Ein sehr ernsthafter Film, der ein zentrales gesellschaftliches Problem anspricht: die Demenz. Abgesehen davon, dass es sie immer gab, tritt sie heute anders in Erscheinung, weil die Kleinfamilie ein dementes Familienmitglied nicht mehr „mitschleppen“ kann, wie es in Großfamilien üblich war. Zudem werden die Menschen heute älter, damit vermehrt sich auch Demenz.
Erneut geht es in den Wettbewerbsfilmen übrigens um Familie, die sich neuen Fragen stellen muß, erneut auch um Frauen. Inzwischen hat man bei diesem Wettbewerbsfilm den Eindruck, es gäbe nur noch qualitativ hochwertige Filme, die alle die Bären verdienen. Das ist 2026 wirklich ein hochqualifizierter Wettbewerb.
Foto:
©Berlinale
Info:
Stab
Regie Lance Hammer
Buch Lance Hammer
Kamera Adolpho Veloso
Besetzung
Juliette Binoche (Amanda)
Tom Courtenay (Martin)
Anna Calder-Marshall (Leslie)