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Kategorie: Film & Fernsehen

Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 23

Claudia Schulmerich


Berlin (Weltexpresso) - Es ist eine schwierige Situationen, in die uns JOSEPHINE führt, mit verschiedenen menschlichen Akteuren, die eigentlich immer nur alles falsch machen können. Denn wie geht man damit um, wenn eine 8jährige im Park eine Vergewaltigung mitbekommt, die sie stumm verfolgt, dann immer noch stumm hinter dem Baum hervorkommt, für Täter und Opfer sichtbar, so dass der Mann sich schnell erhebt, seine Hose anzieht und flieht. Sie war beim frühmorgendlichen Jogging im Wald einen anderen Weg als der Vater gelaufen. Der findet sie endlich, erkennt die Situation und den weglaufenden Täter, dem er hinterhersprintet, ihn aber nicht erreicht, doch sinnvollerweise die Polizei ruft.

 

Die ist schnell zur Stelle und tatsächlich wird der Täter gefaßt. Doch was jetzt alles passiert, ist das Gegenteil von dem, wozu Fachleute raten. Als Erstes will die vergewaltigte Frau nicht zum Arzt, was unabdingbar ist, um eindeutig den Täter festzustellen. Dann zieht sie auch noch weg. Als Zweites überhört der Vater mit voller Absicht die Frage seiner Tochter, was der Mann mit der Frau gemacht habe. Zu Hause versucht die entsetzte Mutter ihrer Tochter Stütze zu sein, aber sie weiß auch nicht recht, wie sie mit ihr umgehen soll. Viel später hat man den Eindruck, dass auch sie eine Vergewaltigungserfahrung hatte und vor allem die im Nachhinein schmerzliche Erfahrung, dies nicht der Polizei angezeigt zu haben. In dieser Ehe will die Mutter stärker ihre Tochter als kleinen Menschen respektieren als der Vater, der mit dem Argument, Josephine schützen zu wollen, sie belügt, was die Tochter erkennt, weshalb der Vater in ihren Augen erst einmal unten durch ist.

 

Das Kind hört gut zu, was die Eltern über diesen Fall austauschen und hört das Wort „Vergewaltigung“. Sie schnappt sich das Handy uns schaut nach, was dieses Wort bedeutet. Wir sind im Jahr 2026 und 8jährige Mädchen können das und reagieren so, wenn die Erwachsenen ihre Fragen nicht beantworten. Was sie da liest, verwirrt das Kind massiv. Der Mann liegt über der Frau und stößt so seltsam zu. Im Wald hatte der Mann seine Hose runtergezogen und die der Frau auch. Als sie Tage darauf spätabends nicht schlafen kann und ins Schlafzimmer der Eltern kommt, schlafen diese gerade miteinander. Auch der Vater liegt auf der Mutter und stößt so seltsam zu. Was soll, was kann ein Kind davon halten, wenn man ihm nicht die Wahrheit sagt und später versucht, beide Situationen als völlig unterschiedlich darzustellen. Wie kann das eine ganz schlimm, das andere schön sein. Die Erklärung des Einverstandenseins ist dann doch ein bißchen abstrakt, schwer verständlich für ein Kind. Auf jeden Fall hat Josephine jetzt massiv Probleme, denn sie sieht den Vergewaltiger überall. Er steht in der Gegend rum, im Klassenzimmer, er setzt sich neben sie, stellt sich vor ihr Bett, lungert im Wohnzimmer herum. Sie kann ihm nicht entgehen.

 

Dem Vater ist der Schutz der Tochter wichtig und auch ihre aktive Rolle dabei. Selbstverteidigung ist sein Motto und er meldet die Tochter für einen Kung-Fu-Kurs an. Das verstärkt die aggressiven Tendenzen, die Josephine entwickelt. In der Schule unterteilt sie ihre Klassenkameraden in Freunde und Feinde, letztere sind die, die sie oder ihre Freunde schlecht behandeln und da sie inzwischen Kampfkunst kennt, schlägt sie zu, wenn sie es für richtig hält. Jetzt gibt es auch noch Probleme in der Schule und Elternversammlungen etc.

 

Aber auch zu Hause verändert sich einiges. Die Mutter ist schwanger, im fortgeschrittenen Stadium, da haut ihr Josephine mit aller Kraft in den Bauch. Doch die Psychologin, zu der die Mutter ihre Tochter schicken wollte, wird nicht aufgesucht, weil Vater Damian davon nichts hält und der Tochter etwas anderes vorschlägt. Dann gibt es ein Hin und Her, ob es zum Prozeß kommt oder nicht. Ohne Josephine läuft da gar nichts, den Eltern fällt es schwer, ihr das zuzumuten. Aber als dann während des Prozesses die Anwältin des Schuldigen diesen herausreden will, juristische Mätzchen macht und Josephine als kleine dumme Göre dastehen lassen will und ihr vorwirft, warum, wenn sie die Vergewaltigung gesehen habe, sie nicht eingeschritten habe, antwortet das kleine Mädchen: „Warum helfen Sie nicht.“ und meint damit, warum die Anwältin nicht auf der Seite des Opfers stehe, sondern den Täter straflos davon kommen lassen wolle. Übrigens gab es bei der Pressevorführung auf der Berlinale an dieser Stelle großen Beifall. Es war aber auch in einem ansonsten sprachlich nicht auffälligen Film eine richtig gute Variante und führte auf jeden Fall dazu, dass sich die Verteidigerin sofort setzte, stumm blieb und der Täter verurteilt wurde.

 

Letzten Endes dreht sich dieser Film um mindestens zwei Probleme. Wie greife ich in Unrecht ein und wie verhalte ich mich, wenn ich Zeuge eines solchen Vorfalls werde und mein Kind auch. Hier war eindeutig, das verhaltene Verhalten des Vaters Anlaß für die Aktionen der Tochter. Diese ist nun nach ihrer Zeugenaussage auch im Tagtraum den sie verfolgenden Täter los. Denn der sitzt ja jetzt im Gefängnis und realitätsnah war und ist Josephine immer. So hatte sie den Unhold auch dann erst immer in ihrer Nähe gesehen, als dessen Tante ihn mit Geld, also einer Kaution, aus der Untersuchungshaft in die Freiheit gelangen ließ.

 

Bei diesem Film, der wie die meisten, die Vergangenheit als Ursache für die Gegenwart heranzieht, fällt auf, dass dies nicht mit den beliebten Flashbacks geschieht, sondern sprachlich durch Erzählung. Das Kind meistert die Rolle, in der sie oft mißgelaunt, aggressiv oder verärgert sein muß, was ihr Spaß gemacht haben muß, denn sie hat da so einen Zug im Gesicht...

 

 

Foto:
©Berlinale

Info:
Stab
Regie Beth de Araújo
Kamera Greta Zozula
Buch Beth de Araújo
Besetzung
Channing Tatum (Damien)
Mason Reeves (Josephine)
Syra McCarthy
 (Sandra)
Philip Ettinger (Greg)
Gemma Chan (Claire)