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Kategorie: Film & Fernsehen

202604022 2Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Special Gala, Teil 27

Hanswerner Kruse


Berlin (Weltexpresso) – Drunten im unterirdischen Fels- und Gewässerlabyrinth von Wien. Ein rot-lilafarbener Nachen gleitet durch den dunklen See. Spiegelt sich darin selbst. Bald fährt das Boot auf uns zu, vorne drin steht die „Blutgräfin“ in einem exzellenten rot-lila Gewand. Langsam entsteigt sie zur Walzermusik dem Kahn und geht durch uns hindurch.


Die edle Vampirin Erzsébet Báthory (Isabelle Huppert) ist gekommen, um hier ein uraltes Buch zu vernichten. So berührend soll es sein, dass sogar Untote Tränen vergießen und endlich sterben können. Durch eine hochmoderne U-Bahnanlage steigt sie hinauf in die Oberwelt. Auf der Rolltreppe begegnet ihr eine schöne Dame, weißgekleidet – es knistert enorm erotisch zwischen den beiden. Aus dem Off wird gesungen: „Was mir fehlte, das wusst' ich zu gut! /Wiener Blut, Wiener Blut, Eigner Saft, voller Kraft, voller Glut!“ 

202604022 1Die von ihr ausgesaugte Tote wird binnen kurzem gefunden, während die Gräfin im feinsten Hotel Wiens absteigt. Bereits die ersten Szenen des Films sind opernhaft und ballettartig mit schrillen oder opulenten Bildern inszeniert, die stärker wirken als die eigentliche Handlung. 

Im Palasthotel „Königin von Ungarn“ hocken bereits zwei altmodische Wissenschaftler, die den Vampirismus erforschen wollen und mit Báthory ins Plaudern kommen. Hier arbeitet Hermine (Birgit Minichmayr) im 20er-Jahre-Look als Zofe, ebenfalls eine Wiedergängerin. Der einstigen Herrin bietet sie erneut ihre Dienste an und serviert zur Stärkung erstmal eine kleine Blutwurst. Schließlich lernen wir noch den melancholischen Neffen der Gräfin kennen, einen Vegetarier-Vampir namens Rudi Bubi (Thomas Schubert). Ihm steht ein Psychotherapeut (Lars Eidinger) zur Seite, der ihn von den Wahnvorstellungen, ein Untoter zu sein, heilen will. Zwei Polizisten warten auf die Invasion der Blutsauger, weil es alle 25 Jahre zu ungeklärten Massenmorden in Wien kommt.

Nun kann die Geschichte beginnen: Aus ihren Särgen steigen Untote und feiern mit ihrem Ehrengast einen rauschenden Hofball. Hinterher machen sich die Gräfin und Hermine auf die Suche nach dem für sie gefährlichen Buch. Das Duo beginnt mit einer Schnitzeljagd entlang der prächtigen historischen Orte der Stadt: Hofburg, Strudelhofstiege, Narrenturm, Zentralfriedhof…

In einem Museum begegnen sie der „Kleinen Gräfin“ (Christine Urspruch). Die Mini-Vampirin verwandelt sich plötzlich in die singende androgyne Conchita Wurst. Später reisen die beiden mit dem Neffen noch nach Bohemien, weil hier der gefährliche Foliant versteckt sein soll. Im Wiener Prater ereignet sich dann das Ende der Geschichte – bei einem festlichen Essen in der Gondel des Riesenrades treffen alle aufeinander…

Was soll das alles? 

Für alle Beteiligten waren die Dreharbeiten ein riesiger Spaß, hört man auf der Pressekonferenz – und das kann der Film auch für Zuschauende werden, wenn man sich denn auf ihn einlässt. Mit der genialen Isabelle Huppert und dem übrigen Filmteam schuf die große Avantgarde-Regisseurin Ulrike Ottinger ein überschwängliches cineastisches Meisterwerk. Diese Erzählung entzieht sich den bisherigen Klischees des Genres – und spielt sogar mit ihnen. Sie ist ein genießerisches erotisches Wesen, die Blutgräfin, keine an sich leidende Figur wie einst Klaus Kinski in „Nosferatu – Phantom der Nacht“. 

Der Mythos des Wiedergängers ist weit älter als die Industrialisierung. Doch seine literarische Renaissance erlebte der Vampir in der Mitte des 19. Jahrhunderts – in einer Zeit, in der Arbeit, Geld und Besitz neu organisiert wurden. Nicht zufällig beschrieb Karl Marx das Kapital als „tote Arbeit“, die sich „vampirmäßig“ durch Einsaugung lebendiger Arbeit belebt. Ein Vampir ist hier keine Gruselfigur mehr, sondern Bild für eine Epoche, in der Nähe, Abhängigkeit und Ausbeutung neue Formen annahmen.

Ulrike Ottinger betreibt mit ihrer „Blutgräfin“ keine vordergründige Kapitalismuskritik. Doch die Figur trägt diese historische Tiefenschicht in sich – ob bewusst oder nicht. Wer sich des Vampirs bedient, ruft immer auch jene lange Geschichte auf, in der Begehren, Macht und ökonomische Abhängigkeit untrennbar verschränkt sind.

Insofern hat diese Vampirgroteske durchaus eine gesellschaftskritische Dimension, denn hier kippt der „Wiener Schmäh“ ständig ins Museale. Die heute noch morbide Atmosphäre der Donaustadt braucht ebenfalls ab und zu – vielleicht jedes Vierteljahrhundert – eine solche Wiederkehr wie im Film. Darin saugen die zeitlosen Vampire nicht nur das Blut der Wiener auf, sondern setzen jenen Kreislauf fort, aus dem die Stadt seit jeher ihre Identität bezieht.

Doch „Die Blutgräfin“ ist keine eindeutige politische Persiflage. Ottingers üppige und abstruse Bilder sprechen für sich und erklären nichts. Die Geschichte des Vampirs klingt in ihnen nach, ohne je zur Botschaft zu gerinnen. Man muss – und kann – sie nicht entschlüsseln; sie sind selbst der Schlüssel. In ihnen sollte man sich treiben lassen – und aushalten, dass nicht alles aufgelöst wird.

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Fotos:
© Amour Fou Vienna, Amour Fou Luxembourg, Heimatfilm, Ulrike Ottinger Filmproduktion / P. Domenigg
Das Filmteam © Berlinale

Info:
„Die Blutgräfin“, Österreich, Luxemburg, Deutschland, 2026, 119 Minuten, Weltpremiere, Filmstart ungewiss
von Ulrike Ottinger (Regie, Buch) mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, André Jung
Am Drehbuch hat Elfriede Jelinek mitgearbeitet.