von MICHAEL FRAYN im BERLINER ENSEMBLE
Wolfgang Mielke
Berlin (Weltexpresso) - "Sie watscheln wie ein alter Regenwurm!" heißt es in Max Reinhardts (1873 – 1943) "Regie-Kollegium", seiner Parodie auf den Proben-Alltag eines Theaters. Dort ganz negativ gemeint. Hier genau das Gegenteil: als Lob! Und zwar für Kathrin Wehlisch, die die Haushälterin spielt. Ihr eiernder Gang und ihre liebenswürdige, etwas nölende berliner Sprechweise wird man nicht wieder vergessen. Sie ist das Zentrum der Inszenierung, um die sich die anderen Paare und Einzelfiguren anordnen, gruppieren.
Marc Oliver Schulze als jugendlicher Liebhaber, der nicht zum Zuge kommt; Lili Epply, seine Freundin, die für fast jede Äußerung eines ihrer hübschen Beine auf das Treppengeländer legt; Peter Moltzen als Hausbesitzer inkognito, der sich seine Rolle durch den Regisseur, Gerrit Jansen, schön erklären lässt; Constanze Becker als dessen etwas spitze Ehefrau; Wolfgang Michael als Einbrecher; Frida Caldwell als Regie-Assistentin; Joyce Sanhá als Stagemanagerin (Inspizientin). Zu nennen auch Peer Neumann bzw. Tobias Schwencke als Live-Musiker. Deren wohlige Orgelklänge fallen rasch auf, federn das Chaos der Szenen immer wieder ab ...
"Der nackte Wahnsinn" besteht aus drei Teilen: Es zeigt im ersten Teil ein Theaterensemble, das ein Theaterstück einübt. Ab und zu greift der Regisseur ein, erklärt, korrigiert, verliert die Neven, wenn es immer noch nicht klappt. Das Stück wird aber während dieser Probe, zwar zerhackt, auch widerholt, aber doch vollständig uns, dem Publikum, vorgestellt. Die Theaterprobe ist natürlich auch bereits ein fertiges Theaterstück, für uns, das Publikum im BE.
Alle Schauspieler des BE spielen in diesem Stück von Michael Frayn (*1933), das 1982 in London uraufgeführt wurde und seitdem immer mal wieder auf allen Bühnen als ziemlich sicherer Publikums-Erfolg auftaucht, zwei Rollen: den Schauspieler oder die Schauspielerin dieses Provinz-Ensembles bei der Probe oder in privaten Zwischenmomenten und ihre jeweilige Rolle in dem Stück, das eben dieses Provinz-Ensemble einem imaginären Publikum vorspielt. Und beides natürlich uns als dem realen Publikum im Nicht-Provinz-BE.
Der zweite Teil, nach der Pause im BE, zeigt die Aufführung dieses Stückes, das wir ja schon durch die Probe, vor der Pause im BE, kennengelernt haben, von hinter der Bühne. Hier herrscht Chaos. Mal fehlt dieses oder jenes Requisit oder der Text hakt; und man sieht private Streitigkeiten der das Stück im Stück spielenden Schauspieler, Zänkereien, Hickhack, private Liebes-Affären und -Überraschungen, schließlich Fallenstellereien auf Kosten der imaginären Vorstellung. Die Bühne hat sich dazu gedreht. Das schön gebaute Bühnenbild des Teils vor der Pause, eine Villa mit aufwendiger Treppe ins erste Stockwerk und mehreren Türen, die in Bade-, Schlaf- oder Arbeitszimmer oder auch in die Küche führen oder in den Garten: von hinter der Bühne sieht man die täuschende Kulisse – und alle Türen führen ins Leere oder einfach auf die Hinterbühne, die natürlich ebenso zweistöckig zu sein hat wie die Kulisse für das imaginäre Publikum wie auch für uns im ersten Teil vor der Pause.
Der dritte Teil, gleich danach anschließend, zeigt wieder die Bühne von der Schauseite für das Publikum, das imaginäre und tatsächliche, nämlich für uns. Es wird mitgeteilt, es sei die letzte Vorstellung der Tournee überhaupt. Das Bühnenbild ist ziemlich derangiert und bekommt noch einige bauliche Schäden während der inzwischen völlig heruntergekommenen Vorstellung dazu: Wände brechen ein oder klappen halb in den Bühnenraum vor, der Wohnzimmertisch bricht mehrmals zusammen, und immer wieder die Schauspieler, die in diesem Chaos und trotz diesem Chaos bemüht sind, die Form der Aufführung aufrecht zu erhalten.
Es wird viel gelacht, und der Applaus am Ende ist stark.
Die Inszenierung ist gut gearbeitet, wenngleich noch schärfere Trennungen zwischen dem jeweiligen Schauspieler und Rolle und insofern der noch strengere Kampf mit der Form und deren Zusammenbrechen und Verwahrlosung noch eine stärkere, reinere, artifiziellere Komik ermöglicht hätten. Aber man hat einen guten Abend, und der Erfolg ist ehrlich verdient.
Fotos:
©Wolfgang Mielke