
Patricia Schellenberger / Hanswerner Kruse
Kleinsassen / Rhön (Weltexpresso) - „Was genau sammeln wir, wenn wir uns sammeln? Darum geht es. Sich sammeln ist der Moment vor etwas. Was das Etwas ist, bleibt offen. Dennoch ist es das Etwas, das sich im Betrachter der Sammlung unzähliger Zeichnungen, Skizzen, Muster, Strukturen, Worte und Gedankenschnappschüsse als Essenz bildet. Papier, Textil und Skulptur verdichten den Raum in der intuitiven Führung von Linien als Bild, Wort und dem Dazwischen. Ein Einatmen von Impulsen und Perspektiven einer fragilen Realität. Der Raum zeigt Fragmente – aber wovon?“
So beschreibt Patricia Schellenberger ihr Ausstellungskonzept.
Die Künstlerin arbeitet forschend, experimentell, oft von ihrem eigenen Körper als natürliche und soziale Plattform ausgehend. Thematisch liegt ihr Fokus auf der Begegnung, Berührung, sowie der Wirkkraft und Bedeutung vorherrschender Zeichensysteme und Symbolik. Ihr Ausgangspunkt ist die Zeichnung als Bild und Wort, als Linie, die sich weiterentwickelt zu einer Installation. Immer dabei ist ein kleines Augenzwinkern – alles könnte auch anders sein.
Für die Besucherinnen und Besucher hat sie Folgendes notiert:
"Ein Rundgang durch den Raum (wenn man auf der Bank sitzt) im Uhrzeigersinn
Wir starten mit der großen Schriftrolle links. Körpergesten, die durch ihre Anordnung auf dem Papier Schrift ahnen lassen. Ein Formenkanon organischer Schwünge. „Erdisch“ heißt diese Sprache. Sie bringt etwas zum Ausdruck. Geformt aus Linien, die Assoziationen wecken und damit eine Codierung von etwas in uns Angesammeltem sind. Auf den filigranen Stelen rechts daneben befinden sich kleine Skulpturen. Es ist der intime Innenraum der Hand, der Abdruck während meine rechte Hand zeichnet, schreibt, malt – wie eine Muschel oder ein Ohr hört sie fast alles. Daneben der Handteller, eine empfangende Schale. Die gerahmte6er Anordnung ist eine Verdichtung der organischen Schrift, eine Überlagerung und zwischendurch Entladung im Wort, endend in einer Geschichte der Schichten.
Links neben der Tür ein greller Sammelkasten gefundener Wesenheiten. Woran erinnern Sie dich? Direkt darunter drei ‚unartige‘ Stickereien, vielleicht Ausschnitte aus folkloren Mustern oder zukünftiger Ornamentik. Die „Vollendete Nutzlosigkeit“ krönt den Eingang. Sie stellt das Sammeln gleichzeitig in Frage und bestätigt seinen Sinn. Die Wandskulptur rechts neben der Tür zeigt die totale Verdichtung des Sammelns, der Inhalte, auch den unbedingten Willen, Struktur und Ordnung zu erzeugen. Darüber thront eine … ja was eigentlich? Eine Formensprache, die wir vielleicht einem indigenen Umfeld zuordnen. Sie ist eingetaucht in Linien, auch die Miniatur daneben und der Stab. Weiter nach rechts öffnet sich nun der Raum über eine lange Strecke für die Anordnung gleichformatiger Papiere mit Zeichnungen, Skizzen, Worten – sie stehen jeweils für sich und interagieren untereinander. Ein Konvolut innerer Äußerungen. >>>
Die Ordnung löst sich nun langsam auf, neue Formate mischen sich ein, öffnen die Struktur, um sich auf der Stirnseite des Raumes komplett in Fragmenten und dichten Zeichnungen unterschiedlichster Formate bis hin in eine Netzstruktur in der Ecke rechts, in dem sie hängen bleiben. Die Zeichnungen wirken wie Teile von etwas und gleichzeitig auch autonom für sich. Die Linie erforscht suchend, sensibel und kraftvoll zugleich den Raum.
Rechts hinter der Bank zwingen drei Miniaturen zum Herantreten. Wir schauen nun in den Mittelraum auf die Brillenskulptur. Eine fragile Realität unzähliger Ein- und Ausblicke, Perspektiven. Selbst gesammelt und weiter sammelnd stellt die Skulptur eine Frage nach dem Innen und Außen und beklemmt durch die Masse der 734 Brillen. Der Blick geht nun zur Wand links, das gelbgrundige gerahmte Bild darf ohne weitere Beschreibung wirken. Daneben baumeln unter dem geleerten Fineliner luftleere weiße Ballons. Ihre Zeichnungen und Texte haben sich durch das Ablassen der Luft zu prägnanten feinsten Linien verdichtet. Sie ruhen nun. Bereit aber, sich luftvoll wieder zu weiten.
Flur: Direkt rechts neben dem Eingang sind in weiß gerahmt Memories of Memory Relikte des Erinnerns sowie die Titel dazu. Das große textile „schneller“ ist ein Verweis auf die Absicht der Maximierung, die in dieser Technik der Häufung nahezu sinnlos erscheint. Die Mischung aus Materialität und Technik erzwingt eine skulpturale Wirkung der Arbeit. Daneben nun noch ebenfalls textil „Es war…“. Diese Einleitung sämtlicher Märchen stellt die Wiederholung in Frage. War es wirklich einmal?
Am Eingang steht meine konservierte Sammlung der Kuverts, die mich in den letzten zwanzig Jahren erreicht haben. Die Schriftstücke sind heraus genommen – aber was bleibt darin zurück? Die Briefe waren an mich gerichtet und die Kuverts waren ihre Hüllen, die ich noch vor dem Inhalt berührt habe.
Wirken. Lassen."
Foto:
© Hanswerner Kruse
Info:
Studioschau von Patricia Schellenberger bis 25. April 2025
Ausstellungen von Jaime Sicilia, Frank Leske & Emil Sorge bis 1. Juni 2025
Öffnungszeiten
Bis 29. März von Do. bis So. 13 - 17 Uhr
Ab 30. März Di. bis So. und an Feiertagen von 13 - 18 Uhr
Kontakt und weitere Infos