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Kategorie: Zeitgeschehen

Bayerischer Rundfunk1Das jüdische Logbuch im März

Yves Kugelmann

Hamburg (Weltexpresso) - Vor der Hamburger Aidshilfe proklamiert ein Plakat: «Vielfalt ist alternativlos. Kein Rassismus. Kein Antisemitismus.» Seit Jahren organisiert das Zentrum mitten im sozialen Hotspot rund um den Hauptbahnhof Aufklärungsprogramme – und seit dem 7. Oktober 2023 verstärkt. Dieses ernsthafte Engagement steht vielem entgegen, was aktuell Schlagzeilen macht. Wer hätte gedacht, dass Antisemitismus jemals vor Antisemiten geschützt werden müsste? Dass er seine eigene Integrität bewahren muss, um nicht vollends beliebig und unkenntlich zu werden? Wer hätte gedacht, dass Antisemitismus selbst vor jenen geschützt werden sollte, die ständig mit seiner Bekämpfung unterwegs sind?



Seit Tagen sorgt die für nächste Woche geplante große Antisemitismus-Konferenz von Israels Diaspora-Minister Amichai Chikli für Kontroversen. Er hat Antisemiten zur Antisemitismus-Konferenz geladen, namentlich Vertreter rechtsextremer Parteien. Täglich macht die Konferenz nun Schlagzeilen – auch wegen prominenter Teilnehmender. Als letzter opponierte nun noch Israels Präsident Iitzchak Herzog. Die Verballhornung des Antisemitismus findet selbst in Israel kein Ende – gerade im Diaspora-Ministerium oder im Büro des Premierministers wird Antisemitismus als Agendasetting genutzt, wortgewaltig weltweit angeprangert und doch nicht wirklich verstanden. Anders ist es nicht zu erklären, dass jüdische Verbände aus Europa in den letzten Wochen intensiv für einen ernsthaften Umgang mit dem Thema in Jerusalem werben mussten.

In den USA trifft der Sparwahnsinn von US-Präsident Donald Trump ausgerechnet Aufklärungsprogramme gegen Antisemitismus, während er selbst Antisemiten im Netz und in der Realpolitik Tür und Tor für Verschwörungstheorien öffnet – und in der Partei eine rechtsextreme Allianz fördert, die sehr aktiv gegen Israel-Hilfe vorgeht. Anders als in Europa spaltet unter Rechten der Gaza-Krieg, während Israels Regierung in den letzten Wochen regelmäßig Vertreter rechtsextremer Parteien empfing – also genau jene, gegen die jüdische Verbände in Europa kämpfen.

In der Schweiz präsentieren der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) einen Antisemitismusbericht für «die deutsch-, die italienisch- und die rätoromanischsprachige Schweiz». Der Gemeindebund schafft es seit nun bald 20 Jahren nicht, die französische Schweiz zu integrieren, und zieht stattdessen nun den Pleonasmus «rätoromanische Schweiz» aus dem Hut – eine Selbst-Diskreditierung des eigenen Anliegens. Denn die Romandie ist der Hotspot für Antisemitismus. Gerade seit den Ereignissen im Nachgang zum 7. Oktober 2023 wäre ein nationaler Bericht vonnöten – ein Bericht, der von einer unabhängigen wissenschaftlichen Fachstelle verantwortet wird.

Auch in diesem Jahr bleibt der Bericht anonym. Auf Nachfrage bei SIG und GRA will man die Autorinnen und Autoren nicht nennen – wohl wissend, dass es keine ausgewiesenen Experten für Antisemitismus sind. Dafür profitiert der Bericht von einer weitgehend wohlwollenden, unkritischen Presse beim Thema Antisemitismus. In den Schweizer Medien werden der Präsident der GRA, der Generalsekretär und der Sicherheitsbeauftragte des SIG prominent platziert – und alle drei sprechen über die Angst ihrer eigenen Kinder vor Antisemitismus.

Wenn solche Berichte zu einer Art persönlicher Homestory werden, anstatt tatsächlichen Opfern von Antisemitismus das Wort zu überlassen, dann schließt sich der Kreis zum beliebigen Umgang mit dem Thema Judenhass. Denn die Herausforderungen sind groß genug – und bestrafen dann in Echtzeit Kampagnen. Der Parameter von Antisemitismus ist nicht die inflationäre eintägige Medienpräsenz von Funktionären, sondern die reale Welt der jüdischen Menschen.

Am Dienstag startete Benyamin Netanyahu die nächste Gaza-Offensive, der Ständerat bleibt bei den Zahlungen an die UNRWA, und tags darauf entscheidet sich das Parlament für eine lauwarme Expertenkommission für NS-Raubgut .

Antisemitismus ist eine ernste Sache – für die Opfer von Attacken, für die Bedrohten, für die Gesellschaft insgesamt. Doch wie ernsthaft wird mit ihm umgegangen? In dieser Woche zeigt sich in der Kumulation der Schlagzeilen, wie er von Israel missbraucht, für Medienkampagnen benutzt und für politische Agenden instrumentalisiert und ad absurdum geführt wird. Das Problem ist nur: Antisemitismus besteht, vergiftet. und bedroht weiter. Also bitte: mehr Integrität, Kompetenz und Unabhängigkeit im Umgang damit.

Foto:
©Bayerischer Rundfunk

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 21. März 2025 
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.