cross24. goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films (24. April bis 30. April 2024), Teil 8

Redaktion

Wiesbaden (Weltexpresso) – Am Mittwoch, 24. April ging es um 19 Uhr mit einer Reihe von Wortbeiträgen los, wobei das persönliche Grußwort des neuen Hessischen Ministers für Kunst und Wissenschaft hervorzuheben ist; sonst mußte das Festival mit der Staatssekretärin zufrieden sein. Da dieses so wichtige Filmfestival, das den in deutschen Kinos fast überhaupt nicht mehr anzutreffenden mittel- und osteuropäischen Film, zum Thema macht, ist positiv herauszustellen, wieviele Institutionen inzwischen goEast finanziell unterstützen – und also auch die Grußworte eine längere Zeit brauchten, die die Festivalleiterin Heleen Gerritsen souverän aneinanderreihte.

Der Eröffnungsfilm CROSSING, eine georgisch-türkische Produktion wurde als queeres Roadmovie angekündigt. Das stimmt nur insofern, als der Film inhaltlich zusammengehalten wird, durch die Suche eine älteren Frau aus Georgien nach ihrer Nichte, die sich seltsam anzieht, mit der Mutter verkracht hat, sich als Trans-Frau bezeichnet und – gerüchteweise – nach Istanbul gegangen ist. Nun ist die Mutter gestorben und deren Schwester Lia (Mzia Arabuli), eine pensionierte Lehrerin aus Batumi in Georgien will nun die Nichte Thekla als einzige Verwandte unbedingt finden. Bei einem ehemaligen Schüler sucht sie Rat, weil sie gehört hat, daß dieser Verbindung nach Istanbul hat. Immerhin deutet dessen junger nichtsnutziger Bruder Achi (Lucas Kankava) an, er kenne Thekla und sie habe ihm seine Adresse gegeben. Gerne läßt sich nun Lia darauf ein, zusammen mit Achi nach Istanbul zu fahren. Unterwegs bekommen wir die Lebens- und Fahrverhältnisse mit und einzelne, so witzigen wie bunten Szenen mit mitreisenden Personen, wie es so ist, wenn man unterwegs ist.

Längst hat uns die menschlich anrührende Art des Films gepackt, der auf der Suche nach der Nichte viele Menschen mit ihren Geschichten auf die Leinwand bringt. Lia und Achi landen also in Istanbul. Achi hat überhaupt kein Geld und ist auf die Unterstützung von Lia angewiesen, die diese allerdings von seinem Verhalten abhängig macht, denn er ist ein Tunichtgut, mal betrinkt er sich, mal gibt er vor, sie zur richtigen Adresse zu führen. Tatsächlich finden sie dort ein Haus von Prostituierten und queeren Menschen, allerdings keine Tekla. Später wird Achi ihr verraten, daß er die Nichte gar nicht kennt und diese Adresse im Internet gefunden hatte, als er dort eingab: Istanbul, queer.

Damit ist nun alle Wahrscheinlichkeit perdu, in dieser Millionenstadt Tekla zu finden. Aber noch sehr lange, über viele Begegnungen mit Menschen, versucht Tekla weiterhin, die Nichte zu finden. Für den Film ist die Suche ein gefundenes Fressen, denn die pittoresken Zusammentreffen mit Istanbulern bleiben unterhaltsam, wie dieser ältere Mann, der sich in die eigensinnige, oft schlecht gelaunte Lia verliebt und ihr sofort in Istanbul ein Heim anbietet. Spätestens jetzt muß mehr über Lia und ihre so authentische Darstellerin kommen. Sie ist ältlich, ja, aber sie ist auch dominant. Ihre normale Mimik ist leicht mürrisch, eine strenge Miene, die durch die dunklen Haare und den dunklen Teint unterstrichen wird. Das ist insofern wichtig, als derzeit in den deutschen Kinos ein georgischer Film angelaufen ist, AMSEL IM BROMBEERSTRAUCH, der in der Hauptdarstellerin den selben Frauentyp vorführt. Herb in der Anlage, dann aber mithilfe von Alkohol oder mitreißenden Erlebnissen wandeln sich Gesicht, Haltung und diese Frauen gewinnen eine Attraktivität, die vorher nicht zu ahnen war.

Zurück zum Film, in dem inzwischen etwas Entscheidendes passiert ist. Es gibt eine junge Anwältin, Evrim (Deniz Dumanli), die speziell Trans-Rechte juristisch verfolgt und sich tatsächlich an der Suche nach Tekla beteiligt. Damit ist eine Ernsthaftigkeit, ja Konsequenz in die Suche eingetreten, weil nun auch Polizeibehörden und staatliche Stellen befragt werden. Dennoch gibt es kein Ergebnis und Lia, die zwischenzeitlich in Istanbul bleiben wollte, beschließt, nach Hause zu fahren. Als sie die Brücke überquert, geht eine Frau an ihr vorbei, die sich sofort nach Lia umdreht und „Tante“ ruft. Beide umarmen sich, Lia hat sie auf so ungewöhnlich Weise gefunden, was aber nur in der Phantasie von Lia vor sich geht. Denn ihre Abschlußworte zeugen von der Illusion, wenn sie davon spricht, wie gerne sie Tekla davon erzählt hätte, wie sehr ihre Mutter sie geliebt habe und wie sehr sie selbst ihre Nichte liebe.

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Verleih

Info:
Besetzung

Mzia Arabuli (Lia)
Lucas Kankava (Achi)
Deniz Dumanlı (Evrim)
Regieund Drehbuch: Levan Akin