grosbildWÄLDER. VON DER ROMANTIK IN DIE ZUKUNFT. Drei Ausstellungen im Romantik-Museum und Senckenbergmuseum in Frankfurt sowie im Sinclair-Haus in Bad Homburg, Teil 1

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Letzten Endes erzeugen die gemeinsamen Ausstellungen dieser drei Museen in dreizehn Schwerpunkten genau das, was uns selbst passiert, wenn man in den Wald geht. Zuerst ist es still, man hört gewissermaßen die Stille. So viele Gedichte rühmen die Stille des Waldes, die Ruhe, die er verströmt, die Luft, die uns durchatmen läßt, das war schon in der Romantik (ca.1795-1835) so, wie sehr erst heute, wo man in den Wäldern dem Getöse und der Luftverschmutzung der Großstadt entflieht.

Bildschirmfoto 2024 04 25 um 08.45.09Doch kaum hat man sich an die Ruhe und Stille im Wald gewöhnt, hat durchgeatmet, dann hört man auf einmal den Wald. Es knistert, wir treten auf Zweige, es bewegt sich etwas in den vor sich hinrottenden Blättern, da fällt etwas vom Baum herunter, Vögel zwitschern und auf einmal ist der Wald so was von lebendig. Wir sind Teil des Ganzen. Und hierin liegt schon der große Unterschied zum Naturverständnis früherer Zeiten, getreu der Bibel, daß sich der Mensch die Erde untertan machen solle.

Dort heißt es in Genesis 1,28: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Mit christlichem Segen wurde der Mensch als Beherrscher und Nutznießer der Natur verstanden, der selbstverständlich nimmt, der sich selbst aber gar nicht als Teil der Natur verstand. Zumindest bei dem aufgeklärten Teil der heutigen Welt ist längst ein anderes Verständnis der Natur entstanden, das nicht mehr von ihrer Ausbeutung spricht, sondern von ihrem Schutz, weil jede Naturerholung, jede Wiederaufforstung von Wäldern, jede beendete Monokultur zugunsten der Vielfalt des Anbaus auf Feldern auch dem Menschen nutzt.

Insofern rennt diese Gesamtausstellung beim bewußten Teil der Bevölkerung offene Türen ein, aber das, was sie zeigt, ist ja kein Bekenntnis in Worten, sondern eines des notwendigen Tuns. Das war der gemeinsame Ausgangspunkt, wie Nicola Lepp betonte, verantwortlich für die kuratorische Gesamtidee und für die Ausstellung im Deutschen Romantik-Museum: „Wälder sind außerordentlich vieldeutige Naturräume. Sie sind wirtschaftliche Ressource und sie sind heute auf der ganzen Welt in ihrem Bestand gefährdet. Bei der Ausstellungskonzeption wurde schnell klar, daß es bei den brennenden Fragen der Gegenwart gar nicht anders geht, als sich dem Thema transdisziplinär zu nähern.“ Die Besonderheit der Konzeption der dreizehn Ausstellungskapitel der drei Häuser, genuin zuständig für Literatur, Natur und Kunst, sieht sie in dem unterschiedlichen Ansatz, wie jedes Haus das Thema betrachtet, wobei der Hintergrund von Klimakrise und Biodiversität derselbe sei, wenn man die Natur als einen mit dem Menschen zutiefst verflochtenen Lebenszusammenhang sieht. Und das fing schon in der Epoche der Romantik an. „Hier entsteht die Idee einer lebendigen Natur, die nicht als Objekt, sondern als eigenes Subjekt gedacht ist.“

ebensoGenau dieser Ansatz wird dann im Romantikmuseum verfolgt, wo in einer kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive schon in der Romantik ökologisches Denken nachgewiesen wird, während im Senckenberg Naturmuseum aktuelle naturwissenschaftliche Forschungen eine Rolle spielen, stets im Austausch mit den ausgestellten Tieren, Moosen, Rinden, Flechten etc., wobei das Sehen und das Riechen, aber auch künstlerische Forschung eine Rolle spielen. Im Sinclair Haus geht es dann darum, „wie Mensch-Wald-Verbindungen im Möglichkeitsraum der Kunst imaginiert werden.“

Bedenkt man noch einmal diese Gesamtidee der drei so unterschiedlichen Museen, wird einem bewußt, daß dies eigentlich gar nichts Besonderes ist, nur unserem heutigen Kästchendenken so vorkommt, denn gerade die Romantik hat ja das Überschreiten von Grenzen zum Prinzip erhoben zugunsten eines lebendigen Zusammenhangs der toten und lebendigen Dinge. Das stellten auf einer vorangehenden Pressekonferenz die verantwortlichen Direktorinnen, allesamt Damen, fest: für das Romantik-Museum Anne Bohnenkamp-Renken, Brigitte Franzen für das Senckenberg Naturmuseum, Kathrin Meyer für das Sinclair-Haus. Eine solch umfassende Ausstellung braucht weitere finanzielle Förderung, die von der Kulturstiftung des Bundes kam, für die deren künstlerische Leiterin Katarzyna Wielga-Skolimowska vom pluralistischen Porträt des Waldes sprach: „Sie zeichnen das Bild einer Polyphonie der Organismen, in der menschliche und nicht-menschliche Bewohner in einer biotischen Gemeinschaft denselben Rang haben.“

Bleibt nur noch auf den, den meisten heute unbekannten Aspekt zu verweisen, daß auch das Gebiet des heutigen Frankfurt einst Wald war. Das Romantik-Museum, benachbart dem Goethe Museum, das sein Domizil im,  im Krieg zerstörten, sodann wiederaufgebauten Haus der Familie Goethe hat, liegt in der Straße IM HIRSCHGRABEN. Da gab es also einen Graben, der die beginnende städtische Zivilisation vom Wald mit Hirschen trennte? Sofort gehen die Gedanken spazieren, so erinnert man sich an diese unglaubliche Zufälligkeit, als bei den Grabungen für den Bau des Senckenbergmuseums, so hat es der einstige Heimatkundeunterricht überliefert, ein Ur-Auerochse gefunden wurde, in dessen Schenkel sich ein Hund verbissen hatte. Die Gegend war ursprünglich Moor und so sind bei der Verfolgung durch den Hund beide Tiere im Moor konserviert worden.

Das ist noch nicht alles. In Frankfurt spielt auch eine weiße Hirschkuh eine Rolle. Sicher war das zu Zeiten vor dem Hirschgraben, denn es ist der Ursprung der Stadt Frankfurt. In den Sachsenkriegen, die die Franken führten, kamen diese vom Süden her an den Main, dicht verfolgt von den sächsischen Kriegern. Da kam eine weiße Hirschkuh des Weges und schritt durchs Wasser. Dieser Furt folgten die Franken, hinter ihnen schlug sofort das Wasser des Mains wieder zusammen und als die Sachsen kamen, sahen sie nur den Main und wußten nichts von einer Furt. Darum blieben und hausten sie an Ort und Stelle, dem heutigen Sachsenhausen, während dribb de Bach Frankfurt entstand.

Fortsetzung folgt

Fotos:
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Info:
Laufzeit:
16. März bis 11. August 2024 im Deutschen Romantik-Museum, im Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt sowie im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg

Magazin zur Ausstellung: Wälder zwischen Romantik und Gegenwart in Text und Bild, 176 Seiten, 152 Abbildungen, 12 €, exklusiv erhältlich in den beteiligten Museen.
Diese Publikation ist sehr zu empfehlen. Wunderbar, daß kein teurer Kunstkatalog daraus wurde, sondern ein Arbeits-und Erkenntnisbuch, das wegen seines Preises wirklich jeder erwerben, auch verschenken kann. Ein dickes Heft für’s Leben.
 
Blattwerke – Wälder: Ideenheft der Kunstvermittlung, hrsg. vom Museum Sinclair-Haus 6 €, in den beteiligten Museen erhältlich. Kostenfreier Download: museum-sinclair-haus.de/blattwerke
 
3-Wälder-Ticket
18 €, gültig für den Ausstellungsbesuch in allen drei Museen. Einzeltickets sind in den beteiligten Museen ebenfalls erhältlich.
 
waelder-ausstellung.de