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Kategorie: Zeitgeschehen
titelthema ein jahr ukrainekrieg 102 originalSerie: Das brennende Haus der Nachbarn – Ukraine, Teil 6

Rüdiger Walter

Aalen (Weltexpresso) - „Für uns ist es sehr wichtig, uns ein Bild des Feindes zu machen, anhand der Wirklichkeit: Dies sind Russen, die vom Teufel besessen sind. Wir kommen, um sie zu überzeugen, nicht um sie zu töten. Aber wenn Ihr uns Eure Einstellung nicht verändern lassen wollt, dann werden wir Euch töten. Wir werden so viele von Euch töten, wie nötig ist. Wir werden eine Million töten, oder 5 Millionen, wir können Euch alle ausrotten, bis Ihr versteht, dass Ihr besessen seid und geheilt werden müsst.“(1)


Der da unbekümmert den Ukrainern mit Ausrottung droht, ist ein Donezker Warlord, Pawlo Hubarjew. Der in der Neonazi-Organisation „Russische Nationale Einheit“ sozialisierte Hurbajew machte 2014 eine Zeitlang als selbsternannter „Volksgouverneur“ von Donezk von sich reden.

Was das Zitat so abgrundtief erschreckend macht, ist nicht alleine sein Inhalt, sondern die Tatsache, dass diese Drohung im Oktober 2022 zur besten Sendezeit über das staatliche russische Fernsehen „Rossija-1“ verbreitet wurde. Abermillionen in ganz Russland haben das gesehen, in der beliebten Sendung des Chefpropagandisten Vladimir Solovjov. Doch es ist nur ein wahllos herausgegriffenes Beispiel, solche Zitate lassen sich zu Hunderten anführen:

Wir werden die Kinder in den reißenden Fluss treiben, wir werden die Kinder in brennende Hütten werfen“.

Sie sollten überhaupt nicht existieren, wir sollten sie durch ein Erschießungskommando hinrichten.“ (2)

Das ist der ganz normale Ton im russischen Fernsehen. Doch die Vernichtungsrhetorik zielt weit über Ukraine hinaus: Russische Kommentatoren wähnen ihr Land längst im Krieg mit der gesamten westlichen Welt. Seit 2022 vergeht keine Woche, in der nicht russische Politiker mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen (3) – niemand sonst tut das. In der beliebtesten Talkshow des Landes, „60 Minuteni(4), verbreitet ein Militärexperte Zuversicht, nachdem er den Zuschauern die neue Interkontinentalrakete „Sarmat“ vorgestellt hat. Die könne die stärksten jemals gebauten Nuklearwaffen tragen und mache auch nur Sinn, wenn sie mit einer solchen Sprengladung ausgestattet sei:

Und das Ziel (des Nuklearschlags) könnte der Yellowstone-Nationalpark in den USA sein. Dieser Park kann explodieren wie ein Supervulkan, danach wird die westliche Zivilisation in ihrer physischen Erscheinung für immer vom Angesicht der Erde verschwunden sein. Das ist übrigens ein wunderschöner Park, dort gibt es immer noch Bären.(5)

Während der Sprecher dies ausführt, wird links von ihm der Videoclip eines aufschießenden Atompilzes eingeblendet. Solche Ausrottungsphantasien prasseln täglich auf die Bewohner Russlands ein – und andere als staatlich gelenkte Medien gibt es dort nicht mehr. Das ist, was die Täter und ihre medialen Lautsprecher selbst sagen, ganz offen und unverblümt, Tag für Tag. Nirgendwo sonst gibt es eine solche Rhetorik. Wir nehmen das allerdings kaum zur Kenntnis.

Russland-Versteher – wenn es doch nur welche gäbe!“, stöhnte der Osteuropahistoriker Karl Schlögel, einmal auf.(6) Wir neigen dazu, uns die Welt auf vereinfachende Weise zu erklären. Eine gängige Sichtweise ist, die Welt als eine Art kommunizierender Röhren zu betrachten. Sinkt der Pegel in der einen Röhre, steigt er in der gegenüberliegenden an. Steigt er in der einen Röhre gefährlich hoch, muss das mit dem Druck in der anderen zu tun haben, nur dort kann und muss man also Entlastung schaffen. Wer lieber über die NATO als über Folterkeller reden möchte, behilft sich mit genau dieser trivialisierenden Sichtweise: Wenn die Welt so funktioniert, dann muss die NATO schuld sein an diesem Krieg. Innergesellschaftliche Antriebskräfte kommen in dieser Sichtweise nicht vor, ebenso wenig Menschen, die über ihr Leben selbst bestimmen möchten. Was aber, wenn diese simplifizierende, mechanistische Vorstellung den Kern des Problems komplett verfehlt? Was, wenn das System Putin ohne Krieg, ohne den permanenten Ausnahmezustand im Inneren gar nicht mehr auskommt?

Der sagenhafte Reichtum Russlands ist in den Luxusyachten der Oligarchen und ehemals kommunistischen Funktionäre versickert, statt in die Entwicklung des Landes zu fließen. Jeder vierte russische Haushalt ist bis heute an keine Abwasserkanalisation angeschlossen, die Lebenserwartung junger Russen liegt auf dem Niveau von Haiti.(7) Ukraine hat einen anderen Entwicklungsweg genommen, der Maidan war ein massenhafter Aufstand gegen den Raubzug der postkommunistischen Kleptokraten und gegen deren System von Rechtlosigkeit, Gewalt und Korruption. Das Russland von heute wird von den über 70-jährigen Sowjetfunktionären regiert, Ukraine hingegen von den 40-Jährigen, die deren Herrschaft abgestreift haben. Nicht Russland droht Gefahr, sondern Putins Herrschaftsarchitektur. Das und nur das erklärt den unbändigen Hass der russischen Eliten.

Am 3. April 2022 veröffentlichte die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Novosti einen Artikel mit dem Titel „Was soll Russland mit Ukraine tun?“(8). Dessen Autor Timofey Sergeytsev(9), ist eine eher unbedeutende Figur, aber Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung – an jenem Tag wurde das Massaker von Bucha bekannt – machen deutlich, dass es sich um ein vom Kreml autorisiertes Schlüsseldokument handelt. Darin ist die Rede von der „gerechten Bestrafung“ und „notwendigen Sühne“ der „Mehrheit der Bevölkerung“, der „Vernichtung“ der „Nazis“, zu denen ausdrücklich die ukrainischen Streitkräfte zählen, von „Umerziehung“ und „ideologischer Repression“. Zivilgesellschaftliche Organisationen müssten „liquidiert“ werden, die „Entnazifizierung“ müsse zugleich eine „Entukrainisierung“ und „Enteuropäisierung“ sein, sie dürfe „auf keinen Fall kürzer sein als eine Generation“. „Komplizen des Naziregimes“, womit alle Unterstützer ukrainischer Eigenstaatlichkeit gemeint sind, sollten „zur Bestrafung für ihre Aktivitäten zur Zwangsarbeit herangezogen werden“, sofern sie „nicht mit der Todesstrafe oder einer Haftstrafe belegt werden“. Der Historiker Timothy Snyder bezeichnete dieses Dokument als „Russlands Genozid-Handbuch(10).

Die russische Kriegsführung und Besatzungspraxis bestätigen dies. Als die Wehrmacht im September 1939 Polen überfiel, führten ihre Einheiten ein „Sonderfahndungsbuch Polen(11) mit sich. Es enthielt 61.000 Namen von Personen, die zu verhaften oder zu erschießen seien, Lehrer, Kommunalpolitiker, Journalisten. Dem folgte die sogenannte „Intelligenzaktion“, der weitere 100.000 Menschen zum Opfer fielen – nahezu die gesamte polnische Bildungsschicht. Einige Tage vor Beginn der russischen Invasion warnten amerikanische Geheimdienste, dass genau dies in Ukraine ebenfalls geschehen könnte. Was dann geschah, bestätigte diese Warnung. Überlebende aus Bucha und anderen besetzten Orten berichteten übereinstimmend, dass russische Soldaten gezielt einzelne Adressen aufsuchten und namentlich bekannte Personen verhafteten. Viele von ihnen wurden später erschossen, wie die Bürgermeisterin des 1000-Einwohner-Dorfes Motyzhyn, Olga Sukhenko, gemeinsam mit mit ihrem Mann und Sohn(12). Auch diese Opfer gehörten genau jenen Gruppen an: Lokale Administratoren, Akademiker, Künstler, Journalisten.

Aber der Krieg zielt auch auf die ukrainische Gesellschaft insgesamt. Die Mehrzahl der russischen Raketen und Drohnen sind gegen zivile Ziele gerichtet(13). Regelmäßig werden Wohnblocks beschossen, bevorzugt jene, in denen Arbeiter, Angestellte, Rentner wohnen. Eine besonders perfide Methode ist der „Double Tap“: Ein Wohnhaus wird beschossen. Die Feuerwehr rückt an, Ambulanzen, Notärzte und Ersthelfer kümmern sich um die Verletzten. Aus allen Richtungen strömen Hilfswillige herbei, die die Trümmer beiseite räumen und nach Verschütteten suchen. Nach einer halben Stunde ist die Einsturzstelle voller Menschen, dann erfolgt der zweite Angriff auf dasselbe Gebäude, um möglichst viele von denen zu töten, die den Opfer helfen wollen(14).

Zu Beginn der Invasion kontaktierten syrische Ärzte ihre ukrainischen Kollegen und rieten ihnen, Verletzte nur in unscheinbaren Privatfahrzeugen zu evakuieren, denn die mit einem roten Kreuz gekennzeichneten Krankenwagen würden sofort das Feuer auf sich ziehen(15).  Dieselbe Erfahrung machten Journalisten, die gewohnt waren, in großen Lettern „Presse“ auf ihre Fahrzeuge zu schreiben.

Die Liste ist schier endlos:

Krankenhäuser sind ein bevorzugtes Ziel russischer Bomben und Raketen: Bis letzten August waren 1.646 medizinische Einrichtungen durch russische Angriffe beschädigt und 215 von ihnen komplett zerstört worden(16).

Willkürliche Exekutionen von Zivilisten. In Bucha fanden die Befreier 458 Tote vor, fast 10 Prozent der in der Stadt verbliebenen Zivilbevölkerung(17).

Flächendeckende Folter. Nahezu in jedem befreiten Dorf fanden sich Folterkeller. 95 Prozent der ukrainischen Kriegsgefangenen, die durch einen Austausch frei kamen, wurden gefoltert(18).

Die umstandslose Ermordung von Kriegsgefangenen(19).

Sexuelle Gewalt und systematische Vergewaltigung(20).

Systematische Entführung von Kindern in den Zehntausenden(21).

Deportation von Zivilisten in Filtrationslagern auf russischem Boden(22).

Geplünderte und zerstörte Museen und Bibliotheken(23).

Zivilisatorische Grenzen, humanitäre Hemmungen scheinen für das russische Militär nicht mehr zu existieren. Es geht um Vernichtung. Ukraine soll vom Angesicht der Erde gefegt werden.

  1. (1) https://www.youtube.com/watch?v=I8jkq-jX-lY
  2. (2) https://www.youtube.com/watch?v=d_2y2LgTvoI, dort ab 7:08
  3. (3) https://www.swp-berlin.org/publications/products/arbeitspapiere/Arndt_and_Horovitz_-_Nuclear_Chronologie_21022023.pdf
  4. (4) https://scholarsarchive.byu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1354&context=rlj
  5. (5) https://x.com/Gerashchenko_en/status/1603800122604888064?mx=2
  6. (6) Karl Schlögel: Mosse-Lecture vom 22.11.2018, https://www.youtube.com/watch?v=siwCVxT5w24
  7. (7) https://www.nytimes.com/2014/02/18/science/why-russian-men-dont-live-as-long.html; https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(13)62247-3/fulltext
  8. (8) //medium.com/@kravchenko_mm/what-should-russia-do-with-ukraine-translation-of-a-propaganda-article-by-a-russian-journalist-a3e92e3cb64">https://medium.com/@kravchenko_mm/what-should-russia-do-with-ukraine-translation-of-a-propaganda-article-by-a-russian-journalist-a3e92e3cb64
  9. (9) https://en.wikipedia.org/wiki/What_Russia_Should_Do_with_Ukraine#Author
  10. (10) https://snyder.substack.com/p/russias-genocide-handbook
  11. (11) https://www.sbc.org.pl/dlibra/publication/edition/24330
  12. (12) https://www.timesofisrael.com/ukraine-village-mayor-4-others-found-dead-with-hands-tied-behind-their-backs/; https://eurocities.eu/latest/at-least-14-mayors-abducted-in-ukraine/
  13. (13) https://www.pravda.com.ua/eng/news/2024/08/20/7471189/
  14. (14) https://kyivindependent.com/russia-carried-out-at-least-36-double-tap-strikes-in-ukraine/;
    https://truth-hounds.org/en/cases/cruelty-cascade/
  15. (15) https://ukraineworld.org/en/podcasts/ep-235
  16. (16) https://www.kyivpost.com/post/37339
  17. (17) https://www.ohchr.org/sites/default/files/2022-12/2022-12-07-OHCHR-Thematic-Report-Killings-EN.pdf
  18. (18) https://www.ohchr.org/en/press-releases/2024/09/un-commission-inquiry-ukraine-finds-additional-evidence-common-patterns
    https://undocs.org/en/A/79/549
    https://www.hrw.org/de/news/2023/04/13/ukraine-russian-torture-center-kherson
    https://globalrightscompliance.com/2023/03/02/new-torture-chamber-evidence-uncovered-from-liberated-kherson/
    Siehe auch Stanislav Aseyev: Heller Weg: Geschichte eines Konzentrationslagers im Donbass 2017-2019, Stuttgart 2021
  19. (19) https://ukraine.ohchr.org/en/Alarming-Rise-in-Executions-of-Captured-Ukrainian-Military-Personnel
    https://edition.cnn.com/2024/09/06/europe/video-russia-surrendering-ukrainian-soldiers-killed-intl-cmd/index.html
  20. (20) https://en.wikipedia.org/wiki/Sexual_violence_in_the_Russian_invasion_of_Ukraine
    https://kyivindependent.com/he-came-back/
  21. (21) https://press.un.org/en/2023/sc15395.doc.htm
    https://childrenofwar.gov.ua/en/
    https://www.jpost.com/international/internationalrussia-ukraine-war/article-835511
  22. (22) https://www.hrw.org/sites/default/files/media_2022/09/ukraine0922_web.pdf
    https://sociologica.unibo.it/article/download/15387/14823/60110
    https://2021-2025.state.gov/russias-filtration-operations-and-forced-relocations/
  23. (23) https://www.unesco.org/en/articles/damaged-cultural-sites-ukraine-verified-unesco
    https://www.government.nl/latest/weblogs/the-work-of-the-ministry-of-foreign-affairs/2024/russia-destroys-cultural-heritage-in-ukraine


Foto:
©Deutschlandfunk

Info:
Die Artikel folgen der Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag am 27. 1. 2025 in der Stadtkirche Aalen
Video-Aufzeichnung: https://www.youtube.com/watch?v=gX_iyBeUyKY

 

Leseempfehlungen

Zur Gewaltgeschichte Osteuropas:

Timothy Snyder: Bloodlands
Europa zwischen Hitler und Stalin C.H.Beck, 34.- €

Zum Holodomor:

Anne Applebaum: Roter Hunger
Stalins Krieg gegen die Ukraine Siedler, 39.- €

Zur Geschichte Ukraines:

Serhii Plokhy: Das Tor Europas
Die Geschichte der Ukraine Hoffmann und Campe, 30.- €

Yaroslav Hrytsak: Ukraine
Biographie einer bedrängten Nation C.H.Beck, 34.- €

Literarische Annäherungen:

Francesca Melandri: Kalte Füße
Wagenbach, 24.- €

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg
Haymon, 22.90 €

Namen und Schreibweisen

Dieser Text weicht in zweierlei Hinsicht vom allgemeinen Sprachgebrauch ab:

  1. Ukrainische Orte werden mit ihren ukrainischen Namen bezeichnet. Die in der deutschen Sprache gebräuchlichen Ortsnamen sind nahezu durchgängig Transkriptionen der russischen Bezeichnungen: Die Hauptstadt Ukraines heißt „Kyiv“ (oder „Kyjiv“). „Kiew“ ist die Transkription des russischen Namens der Stadt. Odesa etwa wird im Ukrainischen mit einem „s“ geschrieben, das Doppel-S entspricht der russischen Schreibweise. Chernobyl heißt eigentlich Chornobyl, der Dnjepr Dnipro. Im deutschen Sprachgebrauch spiegelt sich also unreflektiert der Blickwinkel der Kolonialmacht wider.
  2. Das Land wird als „Ukraine“ bezeichnet und nicht als „DIE Ukraine“. Der im Deutschen gebräuchliche Artikel verweist ebenfalls auf eine koloniale Sichtweise: Sie nimmt nicht ein politisches und gesellschaftliches Gemeinwesen, eine Nation, in den Blick, sondern vielmehr ein Territorium. Weitergedacht: Ein Territorium, das in irgendjemandes Besitz ist, eine Art Niemandsland, eine Kornkammer, bereit für den Eroberer. So haben das die Zaren gesehen, die Bolschewiki und auch die Nazis. Auch diese mentale Erbschaft gilt es sich bewusst zu machen - und auszuschlagen.



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