Ukraine FeuerballSerie: Das brennende Haus der Nachbarn – Ukraine, Teil 5

Rüdiger Walter

Aalen (Weltexpresso) - Was macht eine Bevölkerung zu einem Gemeinwesen und ein Gemeinwesen zu einem Nationalstaat? Die einfachste Antwort lautet: Nationalismus. Aber das ist kaum mehr als ein Schlagwort. Was ist Nationalismus? Nationalismus und Nationalstaaten sind eine sehr junge Erscheinung, ein Produkt der Aufklärung, auch wenn jeder Nationalstaat sogleich mit der Erzählung einer gewöhnlich tausendjährigen Geschichte ins Leben tritt. Der amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat den Ursprüngen des Entwicklungsprozesses hin zu Nationalstaaten nachgespürt.(1) Er nennt jene politischen Gemeinwesen, die irgendwann zu Nationalstaaten werden, „Imagined Communities“ – Vorgestellte Gemeinschaften. Ich fühle mich verbunden mit Menschen, die ich nicht kenne. Was immer auch sonst uns trennen mag: Ich bin nicht mehr und nicht weniger deutsch, amerikanisch, spanisch, ukrainisch oder was auch immer, als Du. Was uns in unserer Vorstellung verbindet, kann alles mögliche sein: Sprache, Kultur, Religion, Lebensumstände, gemeinsame Tragödien, ein gemeinsamer Gegner. Und irgendwann tritt der Wunsch hinzu, über die eigenen Lebensumstände selbst zu bestimmen, darüber, von wem und wie wir regiert werden und welches unsere Spielregeln sind. Dann materialisiert sich, so die Umstände es zulassen, irgendwann ein Nationalstaat.

Nationalismus kann rassistisch begründet sein, ausschließend: Du, Du und Du gehörst nicht dazu. Das ist die Variante der Rechtsextremen - in Deutschland neigen wir dazu, diese Negativdefinition als untrennbaren Bestandteil von Nationalismus anzusehen. Aber das muss nicht sein, Zusammengehörigkeit kann sich auch inklusiv, zukunftsgerichtet verstehen: Selbstverständlich gehörst auch Du dazu, und Du. Auch in den Auseinandersetzungen ukrainischer Intellektueller der 1920er-Jahre standen sich jene Positionen gegenüber, aber die inklusive Selbstdefinition als plurales Gemeinwesen hat sich durchgesetzt.(2) Die heutige Ukraine ist ein multiethnisches, multisprachliches und multireligiöses Land, ihr Präsident ist ein ursprünglich russischsprachiger Jude, ihr militärischer Oberbefehlshaber ein ethnischer Russe, ihr Verteidigungsminister ein muslimischer Krimtatar. Wer ein Kyiver Café aufsucht, kann dort Zeuge einer erstaunlichen Sprachpraxis werden: Zwei Menschen sitzen sich gegenüber und unterhalten sich, der eine spricht russisch, der andere ukrainisch. Jeder spricht in der ihm vertrauteren Sprache, versteht aber, was der andere sagt.(3) Fußballkommentatoren im Fernsehen fallen im Eifer des Gefecht plötzlich in die andere Sprache und wieder zurück. Niemand stört sich daran, jeder empfindet das als ganz normal. Und entgegen allen Unkenrufen der notorischen Ukraine-Hasser, die dort ständig Rechtsextremisten am Werk sehen wollen, haben die ukrainischen Wähler eine bemerkenswerte Resistenz gegenüber rechtsextremen Einflüsterungen entwickelt: Bei den letzten Parlamentswahlen 2019 kamen alle rechtsextremen Parteien zusammengenommen auf nicht einmal zwei Prozent der Wählerstimmen, nur ein einsamer Svoboda-Abgeordneter sitzt im Ukrainischen Parlament – eine gesellschaftliche Zurückweisung, von der wir in Deutschland nur träumen können.(4)

Entscheidend für die Herausbildung eines gesellschaftlichen Zusammen­gehörigkeits­gefühls und Nationalbewusstseins sind die Intellektuellen, die Wissenschaftler, Historiker, Schriftsteller, Musiker, Künstler. Sie formulieren, worin sich die Menschen wiederfinden. Um eine Nationalhymne entstehen zu lassen, muss ein Dichter ein Gedicht schreiben, das weiten Anklang findet. Ein Komponist muss eine Melodie geschrieben haben. Zukunftsvisionen müssen entworfen werden, die eigene Herkunft erklärt, Lebensgefühle ausgedrückt und die Sprache literarisiert werden. Der Historiker Mychajlo Hruschewsky schrieb eine zehnbändige „Geschichte der Ukraine-Rus“ – und wurde 1917 zum ersten Präsidenten der gerade unabhängig gewordenen Ukrainischen Volksrepublik. Der Maler und Lyriker Taras Schewtschenko trug entscheidend zur Literarisierung des Ukrainischen bei, das lange Zeit verächtlich als „Bauernsprache“ abgetan worden war. Schewtschenko bedeutet den heutigen Ukrainern das, was uns Goethe bedeutet. Wieder und wieder wurden seine Gedichte auf den Kundgebungen des Maidan rezitiert. In Deutschland allerdings sind seine Werke kaum bekannt.(5)

Wer ein politisches Gemeinwesen und sein Zusammengehörigkeitsgefühl zerschlagen und seine Bewohner zu widerspruchslosen Untertanen machen will, muss all dies zerstören. Er muss die Kultur und die Sprache zerstören, muss Denkmäler schleifen und Bücher verbrennen. All das geschieht heute wieder.

Aber das taten schon die Zaren. Taras Schewtschenko wurde für seine Werke mit Mal- und Schreibverbot belegt und 1850 nach Kasachstan verbannt. 1863 wurde im Russischen Reich der Gebrauch der ukrainischen Sprache für wissenschaftliche und religiöse Publikationen sowie Schulbücher verboten. 1876 untersagte Zar Alexander II jedwede öffentliche Verwendung des Ukrainischen mit der merkwürdigen Begründung, diese Sprache habe es nie gegeben, gebe es nicht und werde es nie geben. (6) Das Verbot galt bis 1905. Nur in Galizien, das unter österreichischer Herrschaft stand, konnten sich die ukrainischen Intellektuellen noch relativ frei artikulieren. Lemberg, das heutige Lviv, wurde zu ihrem Zentrum.

Die relative Freiheit der 1920er-Jahre im Gefolge von Lenins Neuer Ökonomischer Politik brachten eine kulturelle Blüte. Junge Schriftsteller, Dichter, Dramatiker, Musiker, Maler, Schauspieler, unter ihnen auch enthusiastische Anhänger der bolschewistischen Revolution, begannen unter widrigsten Umständen, sich zu artikulieren. Eine literarische Öffentlichkeit entstand, Theater wurden gegründet und trafen auf ein interessiertes Publikum. Doch in den 1930er-Jahren begannen erneut die Verhaftungen und die Terrorherrschaft der Geheimpolizei. Und im Großen Terror von 1937 wurde praktisch die gesamte intellektuelle Elite Ukraines vernichtet: Zur Feier des 20. Jahrestages der Oktoberrevolution hatte Stalin die Erschießung von 1111 Künstlern verfügt. Alleine 300 ukrainische Schriftsteller wurden ermordet oder verschwanden im Gulag, und ihre Werke wurden vernichtet. Heute haben Ukrainerinnen und Ukrainer dafür einen speziellen Namen: Rosstriljane widrodschennja – die Exekutierte Renaissance. (7)

Stalin führte die Russifizierungspolitik der Zarenzeit fort. Doch auch nach Stalin blieb das tiefe Misstrauen der Kommunistischen Partei gegen jedwede unkontrollierte Äußerung erhalten. Auch in den bleiernen Jahren des „realen“ Mehr-gibts-nicht-Sozialismus unter Breschnew wurden Schriftsteller und Künstler verfolgt. Der ukrainische Dichter und Menschenrechtsaktivist Wassyl Stus wurde mehrmals verhaftet und 1980 als „besonders gefährlicher Wiederholungstäter“ zu 10 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt. Sein damaliger Verteidiger hieß Viktor Medwedtschuk, dessen Karriere keineswegs darunter litt, dass er für seinen Mandanten eine höhere Strafe forderte als der Staatsanwalt. Später wurde Medwedtschuk steinreich und avancierte zu einem der führenden Oligarchen Ukraines. Als enger Vertrauter Putins wäre er wohl 2022 dessen Statthalter in Kyiv geworden, wenn sich die Dinge so entwickelt hätten, wie der Kremlherr geplant hatte. Wassyl Stus hingegen starb 1985, zu Zeiten Gorbatschows, im Gulag Perm 36 unter ungeklärten Umständen.(8)

Die junge ukrainische Volksrepublik der Jahre 1917-20 hatte gewiss drängendere Sorgen als die Pflege der Kultur. Dennoch stattete sie 1919 einen ukrainischen Chor für eine Welttournee aus. Die Musiker sollten als kulturelle Botschafter für die jungen Republik werben. Eines der Lieder, das sie im Programm hatten, war ein altes Volkslied aus der Gegend von Pokrovsk namens „Schtschedryk“. Wenige Jahre zuvor hatte der Komponist Mykola Leontowytsch das Lied in seine heute bekannte Fassung für gemischten Chor gebracht. Es ist ein uraltes Lied aus vorchristlicher Zeit, eine Ode an den Frühling: Die ersten Schwalben sind da, die ersten Lämmer werden geboren, Du wirst eine reiche Ernte haben. Dann eine merkwürdige Wendung: „Du hast eine schöne Frau mit dunklen Augenbrauen“ – ein Schönheitssymbol jener Zeit. Der Frühling ist da, es wird ein gutes Jahr werden. Das betörend schöne Lied (9) trat einen beispiellosen Siegeszug um die Welt an: Heute ist es mit neuem Text unter dem Titel „Carol of the Bells“ eines der beliebtesten Weihnachtslieder in Amerika.(10) Sein Komponist Mykola Leontowytsch wurde 1921 von einem Agenten der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka erschossen. (11)

 

(1) Dt: Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt am Main 2005

(2) Timothy Snyder: The Making of Modern Ukraine. Class 2: The Genesis of Nations, https://www.youtube.com/watch?v=0LaEmaMAkpM

(3) https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/284/surschyk-in-der-ukraine-zwischen-sprachideologie-und-usus/

(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Parlamentswahl_in_der_Ukraine_2019

(5) Das war allerdings in Österreich Anfang des 20 Jahrhunderts anders, dort wurde Schewtschenko aufmerksam rezipiert, z.B. https://de.wikisource.org/wiki/Taras_Schewtschenko._Ein_ukrainisches_Dichterleben

(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Emser_Erlass

(7) https://en.wikipedia.org/wiki/Executed_Renaissance; https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_repressierter_ukrainischer_K%C3%BCnstler

(8) https://de.wikipedia.org/wiki/Wassyl_Stus

(9) https://www.youtube.com/watch?v=0UmvUy1LziE

(10) https://ukraine.ua/carol-of-the-bells/;
https://ukrhec.org/stories/carol-bells-how-ukrainian-carol-became-american

(11) https://kyivindependent.com/from-a-ukrainian-village-to-home-alone-carol-of-the-bells/; https://www.kyivpost.com/post/41883

 

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