c zornDIE KRIMIBESTENLISTE IM NOVEMBER, Teil 1

Elisabeth Römer

Hamburg (Weltexpresso) – Meine Güte, der Monat ist fast herum und wir haben die Novemberliste noch immer nicht besprochen. Ja, stimmt, es lag auch daran, daß wir , das Fred Vargas angeht, geschlafen hatten. Seit diese wunderbare Romanautorin aus Frankreich nicht mehr beim Aufbau Verlag ist, der sie große machte und sie ihn, haben wir die neuen Bücher aus dem Blick verloren, was ein Fehler ist!

Denn DER ZORN DER EINSIEDLERIN, bei Limes erschienen, ein Verlag, der zu Random House in München gehört, lohnt sich außerordentlich. Gleich mehr. Denn erst einmal der Überblick über die Veränderungen zur letzten Liste, der vom Oktober, die Sie in drei Artikeln nachlesen können, zweimal die Kommentierung zur Liste und eine Einzelbesprechung der damaligen Nr. 2, die nun im Oktober auf Platz 1 steht: SLOW HORSES von Mick Herron aus dem Diogenes Verlag.

https://weltexpresso.de/index.php/buecher/14098-noch-tom-franklin-neu-mick-herron-dick-dabei-jo-nesbo
https://weltexpresso.de/index.php/buecher/14099-nach-macbeth-mercedes-rosende-mit-krokodilstraenen-aus-dem-unionsverlag-auf-platz-6
https://weltexpresso.de/index.php/buecher/13925-ein-merkwuerdiger-spionagethriller

Schon wieder ist die halbe Liste ausgetauscht. Es sind neu je ein französischer, ein kanadischer, ein amerikanischer und und zwei deutsche Krimis. Wieviel das in Druckerschwärze ist? Viel. Auf jeden Fall kommen so 2112 Seiten zusammen und endlich holen die Frauen auf: unter den neuen sind drei weibliche und zwei männliche Schriftsteller, insgesamt sind auf der Liste vier weibliche und sechs männliche Autoren. Was die Nummer 1 angeht, haben wir genug geschrieben. Es bleibt ein heißer Tip vor allem für Liebhaber von Spionagegeschichten, gerade die, die schief gehen. Denn das tun Slow Horses gewaltig. Wir haben also gleichzeitig einen Abgesang auf das Genre, das in Zeiten des Kalten Krieges seine Hochzeit hatte.

Kein Grund, den wieder herbeizusehnen, denn die alten Krimis – und vorneweg John Le Carré – gibt es ja noch. Natürlich gibt es auch heute noch Spione, aber sie finden literarisch eher in der Sphäre des Digitalen statt und auch da hatte John le Carré die richtige Spürnase und legte mit THE MOST WANTED MAN gleich einen Krimi vor, in dem das Internet die entscheidende Rolle spielt. Das muß man deshalb so betonen, weil dies Buch geschrieben wurde, bevor US-amerikanische Emails der Geheimdienste und der Politiker aus Rußland gehackt wurden.

Schnell also zur Nummer 2 von Fred Vargas, von der Tobias Gohlis, Sprecher der Jury der Krimibestenliste kündet: „Beinahe drei Jahre war von der großen Spinnerin in Paris nichts mehr zu lesen. Fred Vargas‘ eigenwillige Interpretation seit 1789 fortwährender jakobinischer und anderer Mordgelüste in „Das barmherzige Fallbeil „von 2015 stand insgesamt vier Monate auf der damaligen KrimiZEIT-Bestenliste und wurde mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Inzwischen wurde Fred Vargas (*1957) unter 35 internationalen Kandidaten in der Sparte Literatur zur diesjährigen Preisträgerin des mit 50.000 € dotierten Preises der Prinzessin von Asturien ausgewählt. Die Zeitung „El Mundo“ titelte: „Fred Vargas, princesa nera de Asturias“ (die schwarze Prinzessin von Asturien). Wer die scheue Französin und das spanische Hofprotokoll kennt, wunderte sich nicht, dass sie sich mit einem reizenden Brief an König Felipe bedankte und zu pomp and circumstances aus „Gesundheitsgründen“ nicht erschien. Zauberhaft und wunderlich auch, dass auf der offiziellen Homepage zur Preisverleihung, die alle Werke von Madame Frédérique Audoin-Rouzau aufführt, wie Fred Vargas bürgerlich heißt, auch ein Buch ihrer amerikanischen Kameradin im Geiste Caroll O‘Connell abgebildet wurde“.

Damit ist schon viel geklärt und auch die literarischen Verwandtschaftsverhältnisse. Auch der neue Krimi, der neunte um Kommissar Adamsberg hält einen in Bann und wickelt einen skurril um den Finger. Vor drei Jahren war Adamsberg in Island und DER ZORN DER EINSIEDLERIN holt ihn dort ab. Ungern. Was ihn angeht. Er fühlt sich in Island wohl und wie der Anfang schon wieder diesen seltsamen Kauz beschreibt, ist hinreißend. Aber es hilft ihm nichts. Es gibt einen Fall und er muß nach Paris. „Haben Sie die Akte gelesen, die wir Ihnen zu Ihrer Zwischenlandung nach Reykjavík geschickt haben?“, fragt Commandant Mordent. „Natürlich“, sagt Adamsberg achselzuckend. Und es stimmt zur Hälfte, seine Augen waren auf dem Papier, aber er hat, außer daß eine junge hübsche Frau ermordet worden ist, nichts mitbekommen, was nicht schlimm ist, denn die Fähigkeiten dieses Kommissars liegen auf einem anderen Feld. Er ahnt, ihm träumt, er läßt zu.

Und während die Verbrechensaufklärungsmaschinerie läuft, und wir, das ist wichtig für neue Leser, die Besatzung dieses Pariser Kommissariats in ihren Eigentümlichkeiten, Abhängigkeiten und je eigenen liebevollen, Konkurrenten oder sogar ablehnenden Beziehungen zu Adamsberg wiedererinnern, bzw. kennenlernen, hat Adamsberg den Mörder schon gefaßt – und das nach Seiten. Nur er hatte die Erde unter den Fingernägeln eines ansonsten gut situierten Mannes gesehen. Wir sind verblüfft, daß der Fall schon auf Seite 53 gelöst ist, wo doch das dicke Buch über 500 Seiten hat. Raffiniert hat Fred Vargas uns wieder einmal als Leser verführt, denn so ein aufgeklärter Mord, noch dazu mit dem Instrumentarium, über das nur Adamsberg verfügt, schafft Entlastung und neuen Atem für den eigentlichen Fall, der ja längst schon mit der EINSIEDLERSPINNE die Fühler ausgestreckt hatte. „Was haben Sie bloß mit dieser Einsiedlerspinne, Kommissar?“, heißt es auf Seite 53.
F.A.S. und Deutschlandfunk Kultur präsentieren die besten Krimis: Ein Brite übernimmt die Spitze, und fünf Neuzugänge erzählen von Morden zwischen Plowdiw, Tokio und Montreal.


DIE KRIMIBESTENLISTE IM NOVEMBER

1.
Mick Herron - Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb
Plazierung im Vormonat: 2

London. Versager, „Slow Horses“ im Geheimdienstjargon, landen im Slough House, um Sinnloses zu tun, bis sie freiwillig kündigen. Als rechte Dumpfbacken einen Hassan entführen, um ihn öffentlich zu köpfen, schlägt die Stunde der lahmen Gäule. Der Feind lauert im Innern – des Geheimdienstes. Feiner Start.
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes, 480 Seiten, 24 Euro


2.
Fred Vargas - Der Zorn der Einsiedlerin
Platzierung im Vormonat: /

Paris, Südfrankreich. Blaps gegen Recluse, Totenkäfer gegen Einsiedlerspinne. Beide Gliederfüßler können nicht töten, verbreiten nur Angst. Kommissar Adamsberg wittert noch hinter nichts einen Fall. Dieser - Neunte - sprengt fast die Brigade, ist verborgen unter Verborgenem, monströses Rachespiel.
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Limes, 512 Seiten, 23 Euro


3.
Louise Penny - Hinter den drei Kiefern
Platzierung im Vormonat: /

Montreal, „Three Pines“. Vor Gericht: Armand Gamache, Chef der Sûreté, im Clinch mit dem Staatsanwalt, anstatt Dealer und Mörder zu überführen. Alles beginnt und endet im Grenzdorf Three Pines. Dort stanzt eine schwarze Gestalt ein Loch in die Postkartenidylle. Tolles Comeback der kanadischen Autorin.
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Kampa, 496 Seiten, 16,90 Euro


4.
Simone Buchholz - Mexikoring
Platzierung im Vormonat: 5

Hamburg, Bremen. Versicherungsvertreter Nouri Saroukhan erstickt in einem angezündeten Auto. Chastity Riley und Kollegen prallen gegen die Mauer der Clans, die Nouri und die junge Azila verstoßen haben. Staats-Ohnmacht. Autos brennen überall. „Links von uns ist ein Riss im Himmel.
Suhrkamp, 248 Seiten, 14,95 Euro


5.
Tom Franklin -  Krumme Type, krumme Type
Platzierung im Vormonat: 1

„Chabot“, Mississippi. Alle nennen ihn „Scary Larry“. Hat er wieder, wie vor 25 Jahren, ein Mädchen umgebracht? Constable Silas, einst eine schwarze Baseballhoffnung, zweifelt. Einen Sommer lang waren die beiden Außenseiter Freunde. Schweigen, Angst, Rassismus – gelähmte Gesellschaft, tolles Buch.
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Pulp Master, 416 Seiten, 15,80 Euro


6.
Jérôme Leroy - Die Verdunkelten
Platzierung im Vormonat: 7

Frankreich, nahe Zukunft. Attentate, Militärdiktatur, Chaos. Immer mehr Leute verlieren die Lust an dem Scheiß, verschwinden einfach, verdunkeln. Gefahr für die öffentliche Sicherheit! Schriftsteller Trimbert reflektiert seinen Weg ins Dunkle. Geheimagentin Agnès jagt ihn, fasziniert.
Aus dem Französischen von Cornelia Wend.Edition Nautilus, 224 Seiten, 18 Euro


7.
Bill Beverley - Dodgers
Platzierung im Vormonat: /

Los Angeles, Wisconsin. Vier Jungs auf dem Weg nach Osten. Dort ist es kalt, dort sollen sie killen. Vier schwarze Getto-Jungs, camoufliert als Dodgers-Fans, dringen vor ins weiße Amerika. Auf dem blutigen Weg zeigt sich, was einer in der Fremde taugt. Und welchem Stern er folgt. Starkes Debüt.
Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes, 400 Seiten, 24 Euro


8.
Ryan Gattis - Safe
Platzierung im Vormonat: 8

South Los Angeles. Safespezialist Ghost reagiert auf die Lehman-Pleite. Er knackt die Tresore lokaler Drogenbarone und verteilt das Bare an die Armen. Im aussichtlosen Fight mit Boss Rooster hat Ghost zwei Verbündete: seinen Tumor und die Skrupel eines Gangsters. Romantische Ghettoballade.
Aus dem Englischen von Ingo Herzke und Michael Kellner. Rowohlt, 412 Seiten, 20 Euro


9.
Christoph Peters - Das Jahr der Katze
PLatzierung im Vormonat: /

Berlin, Tokio. Flucht nach Fernost: Schwertmeister und Yakuza Onishi lässt mit Gefährtin Nikola Berlin hinter sich, dort liegt die vietnamesische Konkurrenz im Blut. Heimat ist anders: In Japan herrscht Krieg um die Reviere. Bushido-Werte sind out. Da hilft nur die Klinge. Ganz Japan noir.
Luchterhand, 352 Seiten, 22 Euro
.

10.
Susanne Saygin _ Feinde
Platzierung im Vormonat: /

Köln, Plowdiw. Zwei „Arbeitsstricher“ hingerichtet, Roma aus Bulgarien.  Kommissar Can Arat verstünde die Kollegen der Toten, redeten sie denn. Noch eine Leiche, der Staatsanwalt klüngelt mit Bauherren. Can sucht in Plowdiw nach Ursachen. Und kommt beinahe nicht mehr lebend raus. Raues Debüt.



Über die Krimibestenliste

An jedem ersten Sonntag des Monats geben 19 Literaturkritiker und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und
der Schweiz die Kriminalromane bekannt, die ihnen am besten gefallen haben. Die Krimibestenliste ist eine Kooperation der
Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Deutschlandfunk Kultur.

Die Jury der Krimibestenliste

Tobias Gohlis, Sprecher der Jury | Volker Albers, „Hamburger Abendblatt“
| Andreas Ammer, „Druckfrisch“, BR | Gunter Blank, „Sonntagszeitung“
| Thekla Dannenberg, „Perlentaucher“ | Hanspeter Eggenberger,
„Tagesanzeiger“ | Fritz Göttler, „Süddeutsche Zeitung“ | Jutta Günther,
„Nordwestradio“ | Sonja Hartl, „Zeilenkino“, „Polar Noir“ | Hannes Hintermeier,
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ | Peter Körte, „Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung“| Kolja Mensing, „Deutschlandfunk Kultur“ | Marcus Müntefering,
„Spiegel Online“, „Krimi-Welt“ | Ulrich Noller, „Deutsche Welle“,
WDR | Frank Rumpel, SWR | Margarete von Schwarzkopf, Literaturkritikerin |
Ingeborg Sperl, „Der Standard“ | Sylvia Staude, „Frankfurter Rundschau“ |
Jochen Vogt, „NRZ“, „WAZ“

Die Krimibestenliste auf Deutschlandfunk Kultur
www.deutschlandfunkkultur.de
Die Krimibestenliste am ersten Sonntag des Monats und auf
www.faz.net/krimibestenliste

Foto:
Cover

Info:
https://weltexpresso.de/index.php/buecher/13793-krumme-type-krumme-type-von-tom-franklin-bei-pulp-master-auf-platz-1
https://weltexpresso.de/index.php/buecher/13925-ein-merkwuerdiger-spionagethriller
https://nesbo.de/harry-hole





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