Bildschirmfoto 2019 10 25 um 00.11.49Nachtrag Buchmesse: Diogenes Gesprächsrunde auf der Agora, Teil 2/2

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Natürlich kennt man in Deutschland erst einmal Doris Dörrie sehr viel besser als den in Sankt Petersburg geborenen Autor, der seit der Kindheit in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine lebt und ein auch dort erfolgreicher Schriftsteller ist, der auch in Radio und Fernsehen präsent ist. Doris Dörrie ist uns in erster Linie als die Filmemacherin ein Begriff, die in den letzten Jahren vor allem den japanischen Hintergrund nutzt, um deutsche Befindlichkeiten sinnlich faßbar zu machen.

Bildschirmfoto 2019 10 25 um 00.15.19Wir sind absoluter Fan ihrer Filme, die wir auch besprochen haben. Die japanischen Hintergründe sind einmal 2016 Grüße aus Fukushima, dann 2008  Kirschblüten – Hanami mit der Fortsetzung 2019:Kirschblüten & Dämonen, die auch deshalb als Erinnerung bleiben, weil die jäh verstorbene Hannelore Elsner, mit der Dörrie öfter drehte, darin ihre letzte Rolle spielte. Erst hier auf der Veranstaltung merken wir, wie sehr Doris Dörrie auch im Schreiben zu Hause ist, denn ihre Anleitung, ach nein, ihre Einladung zum schreiben kann nur jemand verfassen, dem das Schreiben selbst eine Notwendigkeit ist. Das kann eine Journalistin auf jeden Fall gut beurteilen.

Für sie gilt, daß man beim Schreiben wie von selbst über sich schreibt, denn man setzt bei seinem eigenen Leben an, bei der Einzigartigkeit der eigenen Biographie und will mit dem Schreiben auch sich selbst erforschen. Das gelte für jeden und sie traut sich zu, in zehn Minuten jemanden Schreiben beizubringen und zwar ein Schreiben, das eine Aussage, ein Gefühl, einen Gedanken auf den Punkt bringt. Wenn sie selbst so was in Gang setzt, überkommt sie Rührung beim Anblick des gemeinsamen Schreibens. Sie glaubt, daß jeder die Wurzeln seines Mitteilungsbedürfnisses in sich beim Betrachten des eigenen Lebens findet.

Blättert man in ihrem Diogenesband auf den letzten Seiten, so verblüfft einen das Ausmaß ihrer Veröffentlichungen bei Diogenes. Sie gehört zu den Diogenesautoren, die Stammautoren sind und ständig veröffentlichen: Geschichten, Erzählungen, auch Romane und Dramen und eben die Filmbücher, die ich mir besorgen werde, wobei ALLES INKLUSIVE, hier als Roman fungiert, aber eben auch ein Film wurde. Ja, sie habe immer parallel zum Filmemachen auch geschrieben und zwar nicht vor sich hin, sondern richtige Bücher, auch Kinderbücher. Und natürlich Drehbücher. Und am allermeisten Kurzgeschichten, in denen sich der Gehalt konzentriert. Und genau diese hat der Diogenesverleger Keel sich in München angeschaut, war begeistert, hat sie zu weiteren ermuntert und wollte sie veröffentlichen. Das sei für sie ein großes Glück gewesen. Jeder brauche jemanden, der einen beschützt und so ist sie bis heute beim Diogenes Verlag. Ihr Buch gehe davon aus, daß man mit dem Erzählen nicht aufhören könne, habe man erst einmal angefangen. In ihrem Buch leiste sie Analysen von Schreibprozessen und gebe Ratschläge. Und wenn der Untertitel EINE EINLADUNG ZUM SCHREIBEN heiße, setzen sich in Gedanken die Worte fort mit: zum Schreiben über sich selbst. Und so lautet auch der erste Satz, dem folgen: „Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt. Beim Selberlesen ihres Buches, noch im Raum, erfährt man von witzigen Verständnisproblemen mit dem Spanischen, denn Doris Dörrie hat sogar Schreibseminare in Mexiko gegeben!

Was sie zu vermeiden rät, ja dies sogar fordert, ist: „Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen... Schreib los. Jetzt! Dafür drei Regeln: 1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.

Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) Ha, jetzt kann man gut den Unterschied zum journalistischen und auch zum wissenschaftlichen Schreiben erkennen, da ist das Denken Voraussetzung und dem Schreiben vorgeschaltet. Übrigens, das mit der Hand Schreiben als Voraussetzung von Schreiben überhaupt, vertieft sie.

Haben wir bei Doris Dörrie über den Umfang ihrer Veröffentlichungen bei Diogenes gestaunt, wird unser Staunen noch gewaltiger, als auf den letzten Seiten von Andrej Kurkows Roman seine Werke bei Diogenes aufgeführt sind: acht Romane (!) und ein Erzählband. Was uns alles verborgen ist. Sehr wendig trifft der ukrainisch-russische Schriftsteller in gut verständlichem Deutsch den Ton des Erzählers. Elf Sprachen versteht er und in sechs kann er sich selbst ausdrücken. Daß Deutsch dazu kam, noch dazu in dieser Qualität verdankt er dem Diogenes Verlag. „Ich spreche Deutsch dank Diogenes!“, wozu auch die Lesereisen gehören. Vor 18 Jahren hatte er bei vielen Verlagen angefragt, er sprach von 600 Absagen, die erste Zusage kam aus Zürich und sein „Deutschlernen mit Diogenes“ hat er mit einem drei Wochen Kurs beim Goethe-Institut begonnen.

Auch Andrej Kurkow ist vielseitig unterwegs, sozusagen schreibt er in allen Formen, nur Filme dreht er noch nicht! Aber die Drehbücher dazu, auch fürs Fernsehen und ebenso Theaterstücke neben den Erzählungen und Zeitungsartikeln, am liebsten aber wohl Romane. Die Kriegssituation am Donezkbecken bestimmt das Leben der Ukrainer im Osten. Als er dies Thema für sein neues Buch zum Inhalt machte, war ihm von vorneherein klar, daß er keinen Kriegsroman schreiben werde. Er wollte einfach einen Roman über die Leute dort. Normale Menschen, sie dort leben könnten. Oder eben nicht mehr dort leben können, denn in seinem Dorf im Frontgebiet zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten sind nach drei Jahren Krieg die Einwohner stiften gegangen. Sie sind weg, nur Sergej, der Bienenzüchter ist geblieben, denn schließlich brauchen ihn seine Bienen. Und auf einmal ist noch einer geblieben, der eigentlich sein Feind war.

Schon wieder ein Bienenzüchter, dachte ich, denn mit Norbert Scheuers Roman WINTERBIENEN waren prominent Bienen schon sehr vertreten, mal ganz abgesehen von der Schwedin Maja Lunde und ihrer GESCHICHTE DER BIENEN und gleich erinnern wir uns an den so schönen türkischen Film HONIG, wo es natürlich auch um Bienen geht, ein Film, der auf der BERLINALE 2010 den Goldenen Bären bekam. Nein, auf die Biene Maja wollen wir jetzt nicht eingehen, sondern nur sagen: Bienen haben schon lange Konjunktur. Es lassen sich auch, das merkt man beim Lesen durch den Autor, einfach Geschichten mit den Bienenstöcken gut erzählen. So will Bienenzüchter Sergej seinen Bienen mal was Besseres, was Ruhiges zur Erholung bieten. Raus aus dem Kriegsgebiet, Sommerfrische auf der Krim. Mit sechs Bienenstöcken macht er sich auf den Weg, wenn wir das richtig mitbekommen haben. Eine urige Komik spricht aus den Erläuterungen des Autors aus Kiew und macht auf die GRAUEN BIENEN neugierig.

Fotos:
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Info:
Andrej Kurkow, Graue Bienen, Roman, Diogenes 2019
Doris Dörrie, Leben Schreiben Atmen. Eine Einladung zum Schreiben, Diogenes 2019