b bauschhorbEine Serie: Joe Bausch - alias Dr. Joseph Roth, Rechtsmediziner im Kölner Tatort - aus seiner Praxis als Gefängnisarzt , Teil 2/3

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Wir können es doch nicht lassen, von den Mördern, Vergewaltigern, Dealern, Kinderschändern, Räubern – dies Wort ist fast verschollen, es wird heute so sachlich von der Tat, den Raubüberfällen gesprochen oder dem Bankraub, da gibt es dann auch Bankräuber -, den Betrügern, den Serientätern mehr weitererzählen zu wollen, deren Lebensgeschichte, also Schicksal, Joe Bausch ja auch nur mitbekommen konnte, wenn sie ihn als Gefängnisarzt aufsuchten, also gerade schwächelten – und redeten.

Da Joe Bausch als Gefängnisarzt 33 Jahre in der Justizvollzugsanstalt Werl Dienst tat und diese ein Männerknast ist, ist nicht verwunderlich, daß seine Geschichten nur von männlichen Tätern handeln. Frauen kommen am Rande, als Motiv selten, aber als Hoffnung auch wenig vor – und eine Kollegin, eine Gefängnisärztin, ist dann für Bausch natürlich besonders interessant. Auch ihre Geschichte. Zudem ist diese Justizvollzugsanstalt wohl diejenige, in der die gefährlichsten Verurteilten ihre Strafen absitzen, der härteste bundesdeutsche Knast.

Beim Lesen und Hören kommt einem so manches in den Sinn, was sich im Verlauf des eigenen Lebens verändert hat. Den Sprachgebrauch Zuchthaus gibt es nicht mehr, weil im Rahmen der Großen Strafrechtsreform durch das Erste Strafrechtsreformgesetz vom 25. Juni 1969 (BGBl. I S. 645 ) das Zuchthaus abgeschafft wurde, in dem Täter, die über die Gefängnisstrafe hinaus bestraft werden sollten, einsaßen. Das Wissen darum braucht man aber zum Beispiel für die Bücher von Hans Fallada (Wer einmal aus dem Blechnapf frißt)und andere Romane, wobei auffällt, daß die heutige Literatur sich aus solchen Gefilden total raushält, während Gefangenschaft immer ein Thema der Literatur war, weil die isolierte äußere Situation einfach ein besonderes, erzählenswertes Innenleben produziert.

Letzten Endes liegt hierin auch die Motivation der so verschiedenen Täter, Joe Bausch ihr Herz auszuschütten, was nicht der richtige Ausdruck ist, denn die Anläße sind zu vielseitig: mit ihm zu reden, zu gestehen, zu renommieren, sich zu entschuldigen, sich aufzuspielen, zu bereuen, sich zu brüsten, um Vergebung zu bitten oder einfach um Verständnis zu buhlen. Spannend sind auch die Querbezüge, wenn die Gefangenen übereinander sprechen, das Binnenklima im Gefängnis, das man durch die Blume mitbekommt. Immerhin gibt es dort fast 900 männliche Gefangene, was sofort die Frage aufwirft, ob Joe Bausch dort Kollegen hatte, was schon ein Wortungetüm wie LEITENDER REGIERUNGSMEDIZINALDIREKTOR andeutet, nämlich, daß es auch Nichtleitende und Nichtdirektoren geben müßte.

Im Ernst, man lernt zudem aus dem Buch einiges, von dem man keine Ahnung hatte, das es das gibt. „Spannmann“ ist so ein mir zuvor unbekanntes Wort, das im Text im Verhältnis zu einem Täter eine Rolle spielt. Man versteht es im Kontext, aber will natürlich sein Nichtwissen aufpolieren und erfährt, daß der Ausdruck „Spannmann“ im Ruhrgebiet verbreitet ist und mehre Bedeutungen hat. Er kann ein Gehilfe sein, ein ungelernter Hilfsarbeiter, das war die unterste soziale Position, unter der nur noch Arbeitslose rangierten. Aber Spannmänner sind auch die, die nur durch Beziehungen an ihre Position gelangten und schließlich kann ein Spannmann auch einfach ein guter Kumpel oder Partner sein.

Wie gesagt, geht es einschließlich der Spannmänner in diesen 12 Geschichten immer um Männer. Die Verbrechen, für die sie verurteilt sind, sind wirklich allumfassend, aber nicht immer spielen sie eine Rolle in den Geschichten, wie beispielsweise in BLUTGRUPPEN. „Heute Vormittag ist Selcuk Karaman nicht glücklich!, beginnt die Geschichte, die eine rasante Wendung nimmt. Dieser Häftlinge ist es nämlich aus dem Knast in der Türkei gewohnt, alle zwei Monate eine Bluttransfusion zu erhalten. Magisch glaubt der Türke an die Erneuerungskraft von zusätzlichem Blut, für die es laut den Ärzten keine medizinische Indikation gibt, aus ärztlicher Sicht also absolut unnötig. Auch der Anstaltsarzt Bausch ist dieser Meinung und verweigert ihm die gewünschten 1-2 zweimonatlichen Blutkonserven, bietet ihm aber Aufbaupräparate an, wenn er sich schlapp fühle, was dieser nicht tut und auch nicht so wirkt.

Aus der Ablehnung der Konserven wird sein Ding! Jetzt fordert der Gefangene diese nur noch alle 3-4 Monate, aber das müsse sein, weil er sich so schwach und müde fühle, aber jedesmal nach der Bluttransfusion sich für viele Wochen stark und gesund gefühlt habe. Und er biete für die regelmäßige Blutzufuhr im Gegenzug auch was! Ein umfassendes Geständnis. „Der Mord in Duisburg, für den er in Werl sitzt, sei längst nicht alles, nur der einzige in Deutschland. Tatsächlich habe er im Auftrag der türkischen Regierung gearbeitet, nachdem er in Gaziantep aus dem Gefängnis entlassen worden sei. Auftragsgemäß habe er dafür gesorgt, daß eine ganze Reihe von Menschen zum Schweigen gebracht wurde. ‚Dumme Menschen, gefährliche Menschen...insgesamt siebenundzwanzig Aufträge habe er so abgewickelt, einen davon in Deutschland und alle mit Erfolg.“ Er kann alle Namen nennen, die Orte, die Zeiten, die Waffen. Deshalb lautet sein Vorschlag, 27mal wird er alle drei Monate einen Mord gestehen und dafür frisches Blut erhalten.

Die Gefängnisleitung und der Arzt diskutieren nun erst einmal den Wahrheitsgehalt, denn sich mit Phantasie etwas zu erschleichen, ist sozusagen täglich Brot. Auch Verrückte gibt es. Aber diese Symptome fehlen hier. Und wie soll man mit den türkischen Behörden kooperieren. Erst einmal werden sein Leben und seine Verbrechen in der Türkei analysiert. Und seine geringfügige Anomalie des Blutes: Thalassämie, was eine Form der Blutarmut ist, in Mittelmeerregionen häufig und nicht besorgniserregend. Aber er saß lebenslänglich in der Türkei ein, wieso wurde er freigelassen und wieso tötete er, der erst wenige Tage in Deutschland war, in Duisburg einen Menschen, mit dem keine Verbindung herzustellen war.

Der türkische Gefangene plaudert noch Weiteres aus. Wie er erst im Gefängnis die Mitgefangenen bespitzelte, insbesondere die politischen Gefangenen, der PKK nahestehend. Wie er nach und nach zur Vertrauensperson der Oberen wurde und ein Kapo-System verfeinerte, auch die Gefängnismitarbeiter hat er überwacht, viele der Kooperation mit dem politischen Feind überführt, wofür er sein regelmäßiges Blutdoping erhielt, bis er schließlich für höhere Aufträge: Mord ausgewählt wurde.

Dann stehen Beamte vom BKA auf der Matte, zusammen mit türkischen Polizisten und setzen den Arzt unter Druck, der je stärker der Druck wird, um so mehr weiß, daß er dem nicht nachgeben wird, einem Menschen ohne entsprechende medizinische Notwendigkeit, Blut zu verabreichen. „Der hat‘n Haufen Menschen umgebracht, eiskalt und gewissenlos, warum stellen sie sich bei dem so an?“ Und immerhin werden x-Morde dann aufgeklärt. Warum also nicht den Deal machen? An dieser Stelle hätte der Leser gerne mehr Aufklärung erfahren, weshalb die Bluttransfusionen denn gefährlich sein können für den, der das Blut erhält. Bisher kannten wir nur die Gefährlichkeit, die in den Dosen steckt, wenn sie nicht reines Blut enthalten.

Und was ist mit KNAST, Bauschs 2013 erschienenem Vorgängerbuch, wo er von seinen 25 Jahren als Arzt im Knast schreibt, was umgerechnet auf seine Arbeitszeit 12 Jahre hinter Gittern bedeutet. Bei 33 Jahren sind das? Das Buch ist anders konzipiert als GANGSTERBLUES, denn es enthält sehr viel mehr persönliche Anteile. Kann sein, daß wir doch noch mal darauf eingehen müssen.

Mich hat die Materie, über die Joe Bausch schreibt, immer wieder an die Fälle erinnert, von denen Ferdinand von Schirach aus seiner Arbeit als Strafverteidiger berichtet. Die Perspektive ist eine andere, ob eine Tat vor Gericht verhandelt wird, oder ob ein Verurteilter im Gefängnis seine Tat reflektiert. Aber das Gefühl von Existentiellem ist dasselbe.

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Info:
Joe Bausch, Gangsterblues. Harte Geschichten, Ullstein extra, 2018
Joe Bausch, Gangsterblues. Harte Geschichten, ungekürzte Lesung, gelesen vom Autor, 6 CDs, 447 Minuten, Hörbuch Hamburg
Joe Bausch, Knast, Ullstein Taschenbuch, 1. Auflage 2013, 11. Auflage 2019