ein mann der kunstein mann de rkust cdNACHTRAG: OPEN BOOKS . Das städtische Lesefest zur Frankfurter Buchmesse 13. - 17. Oktober, Teil 15 am 17.10.

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Wichtig! Nicht nur schwergewichtige, weil schwierige gesellschaftliche Verhältnisse und geschichtlichen Wirrungen waren Thema auf den 93 Veranstaltungen die OPEN BOOKS zur coronabehinderten Frankfurter Buchmesse! auf die Beine stellte! Diesen Eindruck könnte man haben, wenn man die letzen Beiträge von Lesungen verfolgt. Aber das ist uns geschuldet, daß uns das Schwierige, das Politische anzieht. Es geht aber auch ganz anders, wie es Kristof Magnusson mit leichter Hand in seinem Roman skizziert, der von einem Kenner der Kunst über Kenner von Kunst Köstliches kreiert, ja kultiviert und konserviert!

Die Rede ist von KD Pratz – nein, da muß man nicht an KD Wolff denken, das war in diesen Tagen üblich, daß sich die Klaus-Dieters so abkürzten, wie auch unser Zahnarzt KDW. Köstlich, wie der Autor diesem Künstler einerseits seine Würde läßt und andererseits den Kunstbetrieb und damit auch solche erratischen Künstler durch den Kakao zieht. Allerdings einen feinen, mit den besten lateinamerikanischen Kakaozutaten zubereiteten Kakao. Kristof Magnusson gelingt eine Satire, die die Realität spiegelt, ohne daß dies billig wird. Und er teilt nach allen Seiten aus. Auch wir Leser bekommen etwas ab, nicht nur die Kunstliebhaber, um die es in erster Linie geht, insbesondere die in Freundschaftsgesellschaften von Museen oder Künstlern oder in anderen Formen organisierten Kunstliebhaber.

Nur kurz zum Inhalt: Der Förderverein eines Museums will für den zeitgenössischen Künstler Pratz einen eigenen Museumsneubau finanzieren, wobei sie für die ausgestellten Werke auf die Unterstützung des Künstlers durch seine Leihgaben oder Schenkungen hoffen. Dieser wiederum, der von der Welt abgewandt, im lauschigen Rheingau auf seiner Burg lebt und niemanden zu sich läßt, kann sich dann doch nicht lumpen lassen und muß die Mitglieder des Förderverein bei sich empfangen, wo ansonsten die Öffentlichkeit ausgesperrt bleibt. Das gibt Zorres! Einerseits auf Seiten des Künstlers, aber mehr und mehr auch auf Seiten der enttäuschten Fördervereinsmitglieder. Eine menschliche, sittliche, künstlerische Entlarvung sondergleichen.

Und das war dann gleich die erste Frage aus dem Publikum, als der Autor in den Römerhallen sein Buch vorstellte, wie er denn recherchiert habe. Was ja wohl heißen soll, welche konkreten Personen, auch welchen Künstler er mit KD Pratz wohl meine. „Wenn Sie in Ausstellungen gegangen sind, was haben Sie sich angesehen. Die Menschen oder die Bilder?“, wird er befragt und erwidert süffisant: „Ich habe mir auch die Bilder angesehen.“ Er geht auf den offensichtlichen Widerspruch ein, daß heutige angesagte Kunst mit extrem radikalem Gestus auftritt und von einem gesetzten, gutbürgerlichen Publikum goutiert wird.

Und so parodiert er im Roman auch die Eröffnungen von Kunstausstellungen vor einem ausgewählten Kreis, wo – früher, vor Corona, mal sehen, wie es danach aussieht – kleine Leckereien sowie das Glas Wein oder Sekt in der Hand beim netten Gespräch ja doch eigentlich die dargestellte Kunst in ihrer Radikalität konterkarieren, dieses eigentliche Aufeinanderprallen von Gegensätzen, das aber hinweggelächelt und hinweggetrunken wird.

Im Gespräch wird Magnusson überhaupt eine Lanze brechen für die Parodie und auch eine für den seiner Meinung nach unterschätzten Harpe Kerkeling, der seine ulkigen Seiten habe, aber Ernsthafteres verdient habe. Und ihm werden auch einige Namen angeboten für heutige Malerfürsten, die Pratz versinnbildiche, wobei man sofort spürt, irgendwie sind die Begriffe von gestern: „Malerfürst“, auch „Genie“, auf heutige zeitgenössische Künstler angewandt. Aber gestern gab es sie noch und sie leben auch noch, alt geworden, wie ja auch KD Pratz. Nein, im Rheingau kenne er keinen Malerfürsten, antwortet der Autor, darum habe er ihn ja auch dort auf eine Burg gesetzt. Dieser Künstler stehe für den männlichen Künstlerkult, der im Alter einen negativen Blick auf die Welt habe und vom Kulturverfall redet. Eben auch, weil er selbst nicht mehr so angesagt ist und vom Nachruhm zehrt.

Aber das gilt nicht nur für die Kunst. Auch in der Literatur gibt es die Grantler, beispielsweise Thomas Bernhard, der dem Typus entspricht, der unser Kulturleben geprägt hat als derjenige, der sich der Öffentlichkeit entzieht. Wobei die Öffentlichkeit dies fast masochistisch mitvollzieht, daß sie verachtet wird,  sich in dieser Verachtung dann wiederum suhlt.

Immer wieder wird dieser Pratz psychologisiert, seine Motive hinterfragt. Warum er den Förderverein überhaupt empfängt?Dieser Pratz, der 20 Jahre für die Welt verschollen war, auch seine Bilder nicht ausstellte, sondern bei sich auf der Burg hortete. Der also immer im Selbstgespräch blieb, nie einen Dialog führte – und nun gleich mit einer ganzen Gruppe zu tun hat. Das muß knallen. Was einem Künstler sein Atelier bedeutet, meint Pratz, ist eben unterschiedlich. Ein Malerfürst des 19. Jahrhunderts dinierte dort und hielt Hof, wie beispielsweise Markart, das sagen wir. Für einen wie Pratz ist es aber sein Rückzugsort, sein Mysterium, das er schnöden Fördervereinsmitgliedern dann doch lieber nicht öffnen möchte. Sie beschmutzen es nur.

Was Kunst dem Menschen bedeutet, wo sie ihn aufbaut, Kraft gibt oder niederzieht, ist dann abschließende Betrachtung eines späten Samstagnachmittags, wo die Lesung und Diskussion mit dem Autor so unterhaltsam – und mit Niveau – vonstatten geht, wie sich der Roman liest. Wirklich witzig. Ohne platt zu werden.

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