flachenAuf der Frankfurter Buchmesse 2021. Teil 16

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Die Überraschung ist gelungen, wenn man – ordentlich coronagemäße Eingänge und Ausgänge mit Gehstreifen überschreitend – den sehr abgedunkelten Bereich im Forum 2. Stock, wo seit vielen Jahren die jeweiligen Gastländer der Buchmesser wortwörtlich ihr Forum finden und den sehr großen Raum bespielen können, dürfen, müssen.

fkachenMan sieht nämlich erst einmal mehrere Berg- und Talbahnen, also wie Skipisten hintereinander montiert, die ein Auf und Ab suggerieren sollen, zumal sie mit laufenden Bildern etwas unruhig Bewegendes bekommen, was an Wasser erinnern soll und auch kann, an rollende Wellen zum Beispiel, doch bei näherer Betrachtung des blauen Untergrundes sieht man, daß das Vorbeiziehende Buchstaben, Zeichen, Zahlen sind, die stehen, liegen oder schräg vor uns davonlaufen. Oder auch im Wasser schwimmen. Aber ziemlich schnell und nicht aus eigener Kraft.

Eine Beobachtung ist sehr interessant, die nicht nur mir passierte. Einige der Talbahnen liegen ja so auf dem Boden auf, daß man wie bei einer Furt darübergehen kann und soll. Wenn die Lichtspiele ausgeschaltet sind, ist das auch selbstverständlich, sobald aber alles wieder bewegt ist, scheut man vor dem Band, auf dem die kanadaBuchstaben davonlaufen, zurück. So, als ob kein sicherer Halt wäre. Natürlich überwindet man das, aber es ist doch interessant, an sich selber zu beobachten, wie der Körper mehr denkt, mitdenkt als das Bewußtsein.

Viele Worte. Sie stehen für die gewaltigen Ausmaße, die diese Installation einnimmt, die Atmosphäre vermitteln soll. Denn die vorbeihuschenden Zeichen sollen auch den Buchdruck symbolisieren, wenn das Buch die Druckerei verläßt. Wir bekommen bei dem Presserundgang viel erklärt. Auf Englisch. Da gibt es mit Isabelle Mondou die stellvertretende kanadische autoritatenMinisterin für das kanadische Erbe, die alles zu kanadischen Landschaften erklärt, was ja auch schon Gonzalo Soldi erzählte, der viele der Ideen hatte.

Aber es gibt auch Informationen. Aus dem Nichts erscheinen in spiegelnden Wänden englisch oder französisch kan.auftachendeSprechende, die uns begrüßen, sich vorstellen, über ihre Arbeit berichten, von ihren Büchern sprechen und wieder im Nichts verschwinden und eine andere, ein anderer auftaucht. Bleibt man länger da, dann sieht man, daß auf allen derartigen Flächen im Raum immer dieselben überall auftreten. Das wäre doch eine gute Idee gewesen, wenn die Autoren deutsche Übersetzungen gehabt hätten oder doch zumindest diese als Blätter mitgenommen hätten werden können. Das englische Wort geht so schnell vorbei, wie die Autorengesichter. In so kurzer Zeit kann sich nichts einprägen und darum geht es doch eigentlich. Der Zugang zur kanadischen Literatur soll verbreitert werden, denn IMG 4464wir kennen nur wenige kanadische Schriftsteller und wissen oft nicht, ob es in Kanada lebende US-Amerikaner sind oder Kanadier, was letztens dann auch nicht so wichtig ist.

Bücher? Doch Bücher git es auch. Dazu muß man nur an die Rückwand gehen, dort stehen sie. Es seien 350 video auftrauchendekanadische Bücher ins Deutsche übersetzt worden, extra zur Buchmesse, heißt es. 58 Autoren und Autorinnen sind virtuell, aber nur acht persönlich nach Frankfurt gekommen. Eine aus Vietnam 1978 nach Kanada als ‚boat people‘ gekommene Frau, ist eine erfolgreiche Autorin geworden, seit sie ihre Erfahrungen als Flüchtling niedergeschrieben hatte. Es gibt noch 1-2-3 anwesende Autoren. Margaret Atwood ist nicht dabei. Sie, die bekannteste kanadische Schriftstellerin, war nur zur Eröffnung virtuell zugeschaltet.

kandaneuAber der ganze Pavillon, wie das Forum genannt wird, wirkt doch etwas gestellt, nicht so lebendig und kommunikativ, wie doch die Installation versprach. Aber vielleicht bin ich nur frustriert, weil ich keine schriftlichen Unterlagen bekomme, die Namen der anwesenden nicht richtig verstehe, bzw. aufschreiben kann. Die Ansprachen und Antworten auf Fragen laufen auf Englisch oder Französisch ab, Übersetzungen werden nicht angeboten. Die Verantwortlichen sind angespannt, sie wollen alles gut und richtig machen, aber dadurch wirkt alles sehr video kanadabemüht.

Eigenartig auch Folgendes. Zum Presserundgang waren ja Fragen erwünscht. Ich wollte gerne wissen, welche deutsche Autoren und Autorinnen die kanadischen Autoritäten auf der Bühne  kennen und welche deutschen Bücher und Autoren in Kanada bekannt sind und verkauft werden. Obwohl fünf Personen auf der Bühne saßen, kam keine einzige Antwort. Nur Schweigen. Bis auf eine Oberlehrerin, die mir beschied, sie seien nach Frankfurt gekommen, um kanadische Schriftsteller und das Land Kanada vorzustellen.Seltsam, daß nicht einmal der Hinweis kam, man werde sich zu Hause um Bücher aus Deutschland kümmern.  Buchmessen und Buchmesseauftritte sind doch keine Einbahnstraßen. Es geht immer um lebendiges Strömen, hin und her. Wie es doch die Installation im Raum eigentlich vorgemacht hatte. Da ist die Technik und das digital Lebendigwerden der laufenden Buchstaben, Zahlen und Zeichen weiter als die Menschen, die ihr Land vertreten.

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