Bildschirmfoto 2022 01 01 um 23.49.45Die Krimis des Norweger Lars Lenth haben‘s mit den Tieren, Teil 2/2

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Höchste Zeit, weiter von den Krimis des Lars Lenth zu berichten, die einem, je länger er schreibt, von Mal zu Mal besser gefallen, auch wenn Leo Vangen der zögerliche Held bleibt, der - inzwischen als richtiger Rechtsanwalt – immer ohne sein Zutun in Situationen gerät, wo Mord das Geschäft übernommen hat und er die Schuldigen finden soll.

Schade, daß dem Kriminalroman keine Karte beigefügt ist, auf der man Østerdalen sieht und damit auch, wo wir uns in Norwegen befinden. Weil dies für diesen Krimi besonders wichtig ist, haben wir nachgeschaut und den Ort und das ganze Gebiet gefunden, ungefähr in der Mitte zwischen Nord und Süd Norwegens und ganz dicht an der Grenze zu Schweden, was wichtig ist, denn über die, so heißt es, läuft die von vielen Bewohnern gefürchtete, ja gehaßte Immigration von Wölfen, regelrechte Asylanten, die den dortigen Bauern das Vieh reißen. Sagen die Bauern. Die Natur- und Tierschützer sagen, der in den Wäldern lebende Wolf würde normalerweise keine Zuchttiere töten und fressen.

Unter Letzteren ist der Wolfsfreund und Wolfswissenschaftler, Wolfsprofessor genannte Bjarne Gilbert und sein Forschungsteam, der über die Wolfshasser am Ort – die überwiegende Mehrheit und vor allem militant – sagt: „Der Wolf ist das Symbol für die wilde, ungebändigte Natur. Wenn wir ihn verlieren, verlieren wir auch die Natur. Die Wolfshasser tun alles, um ihn auszurotten. Sie geben keine Ruhe, bevor der letzte Wolf aus Skandinavien verschwunden ist!“

In Wahrheit haben wir hier dem Professor Sätze in den Mund gelegt, die dieser zwar hätte sagen können, die aber im Krimi Rino Gulliksen ausspricht. Klingelt da was? Genau, das war dieser fast schon unheimliche Eigenbrötler, der in den vorherigen Geschichten mit hohem körperlichen Einsatz die Schuldigen zur Strecke brachte und jedesmal als mutmaßlich tot mit Krimiende das Zeitliche segnete, aber dann in der nächsten Geschichte, wie hier, wiederauftaucht und dem lieber gemütlich vor sich hin lebenden Leo Vangen den Marsch bläst, gegen das Unrecht auf der Welt und gegen die, die Natur und Tier zerstören, vorzugehen.

Schauriger Auftakt ist ein angebliches Wolfsmassaker an einer Frau, die mit ihrem kleinen Sohne im Wald angefallen und angefressen wird, während der Knabe von ihr rasch auf einen Baum gehoben wird. Angeblich deshalb, weil dieser Fall von Rino Gulliksen als menschlich inszeniertes angebliches Wolfsmassaker analysiert wird, was nur der die Gegend gut kennende Leo aufklären kann.

Was wir hier in wenigen Worten wiedergeben, ist natürlich eine gewaltige Ansammlung von Szenen und Szenerien, wo uns der Autor mitten hinein in Verschwörungsgruppen versetzt und wir Sätze lesen, wo sich uns der Magen umdreht. Aber ganz gut zu wissen, wie die Rechtsradikalen sich das von Wölfen und Ausländern gesäuberte Norwegen vorstellen. Da versteht man auch sofort, warum gerade diese Mutter Opfer wurde. Sie ist aus Vietnam, also ‚artfremd‘, die einzige am Ort. Tatsächlich, das wird mir erst im Nachhinein klar, ist das ein wirklich hervorragend recherchierte Roman, der uns dichter als uns lieb ist in die Welt dieser sehr brutalen Männer führt. Sie erklärt? Nein, sie vorführt, denn zu erklären ist nichts, es sind psychopathische Züge, aber gut, daß man sie kennt.

Hauptfigur wird diesmal Rino Gulliksen, der als Einsiedler in den Wäldern von Østerdalen lebt, aber nicht mehr der Verzweifelte ist, sondern alles im Blick hat und sich sogar das Werkzeug heutigen Lebens angeeignet hat: Umgang mit dem Internet. So weiß er alles und handelt systematisch, weshalb Leo Vangen eigentlich nur noch seinen Worten Gehör schenken muß. Das tut er und wir sind bei seinem Lernprozeß dabei, in dem er am Schluß die lokale Räuberhölle entlarvt.

Doch, als das geschieht, ist Rino längst weitergezogen und Leo streicht den Ruhm der Aufklärung, was es mit den Wölfen auf sich hat, ein, was ihm gut tut. Dieser Krimi macht Lust auf den nächsten, an dem der Autor sicher gerade schreibt!

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Info:
Den ersten Teil finden Sie unter
https://weltexpresso.de/index.php/buecher/24163-der-laerm-der-fische-beim-fliegen-schraege-voegel-singen-nicht

Lars Lenth, Der Lärm der Fische beim Fliegen, blanvalet 2019
ISBN 978 3 7341 0423 7
Lars Lenth, Schräge Vögel singen nicht, Limes Verlag 2019
ISBN 978 3 8090 2712 6
Lars Lenth, Der böse Wolf von Østerdalen, Limes Verlag 2021
ISBN 978 3 8090 2724 9