VerseGedichte des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein (1868-1937), herausgegeben von Rainer Hackel

Ester Awonoor


Darmstadt (Weltexpresso) - Dr. Rainer Hackel, Literaturwissenschaftler und Buchautor, hat den Gedichtband „Verse“ des Großherzogs Ernst Ludwig (1868-1937) neu herausgegeben. Der Band erschien 1917 in kleiner Auflage im renommierten Kurt Wolff Verlag. Ernst Ludwig ist als Gründer der Darmstädter Künstlerkolonie und als Mäzen bedeutender Künstler des Jugendstils in Erinnerung geblieben. In seinem kenntnisreichen Essay über „Die Welten des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein“ legt Hackel dar, dass Ernst Ludwig aber auch als Künstler in Erscheinung getreten ist. So hat er nicht nur komponiert und Opern inszeniert – wie etwa Wagners „Parsifal“ –, sondern er hat auch Prosa, Dramen und Gedichte geschrieben.
Wollte man die Literaturgeschichte bemühen, so könnte man Ernst Ludwigs Gedichte zwischen Symbolismus und Expressionismus ansiedeln. Aber im Grunde fühlte sich der Großherzog wohl keiner der beiden Strömungen zugehörig, und auch Einflüsse von anderen Dichtern wie Heym, Trakl und Hofmannsthal finden sich kaum. Obwohl Ernst Ludwig im selben Jahr wir Stefan George – 1868 – geboren wurde und auch dessen homoerotische Neigung teilte, sind ihm Georges narzisstische Pose und sein erzieherischer Wille fremd. Aus Ernst Ludwigs Gedichten sprechen Hingabe und Selbstverleugnung, Resignation und Traurigkeit. Vor allem in den Gedichten über Indien liebt er es aber auch, sich im Schönen und Wunderbaren zu verlieren. Reim und Metrum setzt der Dichter sparsam ein und bevorzugt das freie Verströmen. Gefühle und Bilder werden nicht im Korsett einer strengen Form gebändigt, sondern gewinnen ein eigenes Leben. Bei der Auswahl aus seinen Gedichten , die er in „Verse“ zusammentrug, war Ernst Ludwig darauf bedacht, unterschiedliche Themen zu berücksichtigen. So finden sich Gedichte über den eigenen Tod, die Mutter, Liebe und Freundschaft, Einsamkeit und Indien.

Dass er von den vierzig Gedichten, die der Band enthält, achtzehn Gedichte Indien widmete, hat einen Grund. Im Dezember 1902 unternahm der Großherzog eine zweimonatige Reise nach Indien: „Glücklich bin ich, überglücklich, endlich den Traum, der seit meiner Jugend in mir lebte, erfüllt zu sehen.“, notierte er in seinem Tagebuch. Als Ernst Ludwig der fremden Welt begegnet, reagiert er weder reserviert noch schottet er sich gegen die neuen Eindrücke ab. Im Gegenteil: Er öffnet sich vorbehaltlos dem fremden Leben und teilt es sogar. Ja, es will scheinen, dass der Großherzog in Indien aus einem tiefen Schlaf erwacht ist und die Welt nun mit andern Augen sieht. In Indien – davon legen seine Gedichte beredtes Zeugnis ab – erlebte Ernst Ludwig eine Vertiefung seines Lebens in metaphysischer, ethischer und ästhetischer Hinsicht, die sein späteres Leben geprägt hat.
Ernst Ludwigs Gedichtband „Verse“ ist eine längst überfällige Veröffentlichung, die dazu anregt, den bedeutenden Dichter Ernst Ludwig zu entdecken.

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Info;
Rainer Hackel (Hrsg.): „Verse des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein“ (1868-1937),
Justus von Liebig Verlag Darmstadt 2024, 108 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-87390-512-2