Liza Marklund schlägt mit Band 1 der Polarkreis-Trilogie ganz neue Töne an
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Da war ich überrascht, als ich eine Buchbesprechung dieses Romans las. Denn Liza Marklund war mir als aktuelle Krimiautorin schon länger aus dem Gedächtnis entschwunden. Früher, ja, da hatte ich alle Annika Bengtzon-Krimis gerne gelesen und rezensiert und auch einige Verfilmungen besprochen. Darum kam mir ein neuer Krimi durchaus gelegen. Früher veröffentlichte sie bei Hoffmann und Campe, bei Rowohlt, im Ullstein Verlag, dieser hier ist aus dem Schweizer Atrium Verlag. Was ist da los? Aber erst einmal DER POLARKREIS lesen.
Was soll ich sagen? Zuerst fand ich es eher uninteressant. Schon wieder ein junges Mädchen, das verschwand. Hoch im Norden, wo die Bevölkerung überschaubar ist. Und im Zusammenhang mit einer Mädchengruppe, die einen Buchclub veranstaltet, in der jeweils eine einen Roman vorschlägt und den Autor vorstellt, die anderen das Buch lesen und man dann gemeinsam darüber diskutiert, was wiederum alles von einer in einem Protokoll festgehalten wird. Immer von derselben, von Sofia Hellsten. Und genau dieses junge Mädchen verschwindet am Freitag 1. August 1980 und wird nie wieder gesehen. Bis am Freitag 20. Dezember 2019 ihre Leiche im Fundament der Brücke gefunden wird: „nackt und ohne Kopf….Jedenfalls wußten alle sofort und mit ziemlicher Bestimmtheit, wem der Körper einmal gehört hatte...Sofia Hellsten.“ Hier spricht Carina Burstrand, mit der der Buchclub am Freitag, 18. April 1980 und Vladimir Nabokovs LOLITA beginnt. Der auktoriale Erzähler erzählt von ihr und von der Sitzung, bringt die Diskussionen der jungen Dinger – spannend, was die über LOLITA zu sagen haben – und erzählt, wie es mit Carina damals weiterging, wobei auch die Stationierung der US-Soldaten am Ort eine größere Rolle spielt.
Dann geht es Freitag, 20. Dezember 2019, also fast 40 Jahre später weiter. Wir begleiten Carina, als die Leiche gefunden wird. Passend ist sie diejenige auf der Polizeistation, bei der der Leichenfund gemeldet wird. Sie marschiert sofort zu Wiking Stormberg, dem Chef und ein Jugendfreund, in den damals alle Mädchen verliebt waren: „Sie haben Sofia gefunden“. Die persönliche Betroffenheit und das nunmehr professionelle Verhalten mischen sich im Folgenden, wo der Polizeichef mehr von Carina über diesen letzten Tag und die letzte Sitzung des Buchclubs hören will und nachfragt, ob sie noch Kontakt zu Agneta und Birgitta hat, was diese mit „eine Facebook-Gruppe“ beantwortet. Gleichzeitig ist sie mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt ist. Wir lesen das Geschehen aus ihrer Sicht. Eigenartig sachlich.
Das ändert sich auf Seite 98, die mit ROOTS von Alex Haley, ausgesucht von Susanne Johannson, Freitag, 2. Mai 1980 beginnt. Und ab jetzt wird es spannend. Denn nun wird das ganze Geschehen aus Susannes Sicht geschildert. Sie beschreibt, was und wie an diesem Tag im Buchclub diskutiert wurde und wie sie auf das Verschwinden von Sofia, der Fünften im Buchclub, reagiert hat. Erst hier lesen wir von den Spannungen zwischen den Mädchen, dem Hin und Her der Gefühle, gegenüber den Jungen, aber auch innerhalb der Mädchengruppe. Das war ja ganz anders, als Carinas Erzählung uns hatte weiß machen wollen! Und schon hat sie uns beim Wickel, die Krimiautorin Liza Marklund. Denn es bleibt nicht bei der Vergangenheit, jetzt wird auch Susannes Geschichte, ihr Leben erzählt, wobei immer mitschwingt, welche Bürden für das Erwachsenwerden die jungen Mädchen mitschleppen mußten und wie sie als junge, dann ältere Frauen sich davon zu befreien versuchten.
Wenn auf Seite 171 Birgitta Landén im Buchclub am 6. Juni 19980 mit DER POLIZISTENMÖRDER von Maj Sjöwall & Per Wahlöö loslegt, kommt das Vergnügen hinzu, die jungen Mädchen über die Bedeutung dieses Autorenpaares tratschen zu hören, mit denen der gesellschaftspolitische Roman in die Geschichte des Kriminalromans einging – und nicht wieder aufhörte, wie man nebenbei denkt, wenn man liest. Denn letzten Endes führt die Schwedin Liza Marklund genau die Methode der beiden schwedischen Autoren fort, uns in ein Geflecht von persönlichen Gefühlen und Abhängigkeiten,verbunden mit sozialen Strukturen und von den Personen gefundenen Konsequenzen zu verwickeln, ach was, einzuwickeln, denn wenn nun Birgitta von damals und von heute erzählt, stellt sich das Geschehen wiederum anders dar, als wir bisher erfuhren. Was übereinstimmt, halten wir genauso im Kopf fest, wie die abweichenden Erinnerungen, das ist alles wichtig, denn schließlich wird der Mörder, die Mörderin von Sofia gesucht! Und dann die unterschiedlichen Entwicklungen der jungen Mädchen zu den Frauen von heute, warum blieb die eine am Polarkreis und andere gingen fort?
Bleibt noch Agneta, die für Freitag, 4. Juli 1980, DIE ABENTEUER DES TOM SAWYER von Mark Twain ausgesucht hatte; auch hier wieder aufschlußreich, was die jungen Mädchen dazu sagen und auch, zu welchen Schlüssen Polizeichef Stormberg gelangt, als er endlich die Unterlagen des Buchclubs in den Händen hält, die Carina okkupiert hatte, die auch die Polizeiakte heimlich an sich genommen hatte, aber dann unter Einbehaltung eines Blattes an den Chef weitergab. An Agneta hat Wiking schmerzende Erinnerungen. Er mochte sie sehr und war enttäuscht, als sie von einem Tag auf den anderen aus der Stadt verschwand, ihm nur einen Brief hinterließ, sie müsse gehen, habe die Katze mitgenommen und grüße ihn herzlich. Und schon sind seine Gedanken bei seiner Frau Helena, was er vermeidet, denn sie verschwand ebenfalls, vom Moor verschlungen.
Folgerichtig kommt am Freitag, 1. August 1980 mit DORNENVÖGEL von Colleen McCullough die Fünfte des Buchclubs, Sofia Hellsten zu Wort, denn sie verschwand ja direkt nach der Sitzung des Buchclubs, von der wir jetzt lesen, wie sie ablief, die letzte Sitzung der fünf Mädchen, von denen nur vier weiterlebten. Solche Mädchen, so jungensfixiert, so unsicher, so äußeren Einflüssen ausgesetzt, gibt es heute nicht mehr, möchte man glauben. Möchte man.
Die Lösung ist überraschend, nicht unwahrscheinlich, aber doch zum Aufmerken. Gleichwohl setzt Liza Marklund noch eins drauf! Was für ein Ding! Und läßt das Ganze sanft enden, indem ein Brief aus der Tasche gezogen wird, als Auftakt für Teil 2 der Serie, der für das Frühjahr 2026 angekündigte Krimi DAS KALTE MOOR. Beeindruckend.
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Umschlagabbildung
Info:
Liza Marklund, Der Polarkreis, Atrium Verlag, 2025
ISBN 978 3 85535 212 8